Zehn auf einen Streich für umme: Es gab mal eine Zeit, da zahlte, wer zehn verschiedene Hamburger beim Udo-Snack verschlingen konnte, nichts dafür. Marlies Höroldt, die Ehefrau des Imbiss-Gründers Udo Höroldt, hat diese Challenge aus gutem Grund nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1989 gestrichen: Zu viele üble Szenen mit dem Finger im Hals habe es gegeben, zu viel von der leckeren Udo-Soße sei zu einer Sauerei auf den Boden geklatscht. Und es gehöre sich sowieso nicht, mit Lebensmitteln zu spielen.
Möglichst viele Hamburger schnell essen und dafür belohnt werden – Udo Höroldt war dafür bekannt, dass er sich immer wieder was Neues einfallen ließ. „Jeden Tag hatte er mindestens 100 neue Ideen“, erinnert sich seine Frau. Und diese Ideen betrafen nicht nur seine Arbeit als Gastronom. So habe er unter anderem ein Segel auf dem Haus gehisst, um Energie zu gewinnen, oder ein Rollbrett mit vier Rädern und Batterieantrieb gebaut. Immer mehr Patente kamen hinzu.
Udos Erfindungen kosteten viel Geld, weil es sehr aufwendig war, die dafür erforderlichen Gerätschaften herzustellen. Dies war der Grund, warum Marlies Höroldt das Erbe ausgeschlagen hat, als ihr Mann 1989 nach schwerer Krankheit im Alter von 50 Jahren verstarb. Der Nachlassverwalter setzte für Udo-Snack an der Calwer Straße und für den Stuttgarter Osten zwei neue Eigentümer ein, die den Namen nur an diesem Ort verwenden dürfen. Die Markenrechte blieben bei der Familie Höroldt, die heute in Reutlingen und Tübingen Burger-Läden mit dem Namen und im Sinne des Vaters Udo betreibt.
Udo kam aus Sachsen
Vor dem Mauerbau war Udo Höroldt aus der Nähe von Leipzig nach Stuttgart gezogen, um nach einer Maurerlehre Architektur zu studieren. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, eröffnete er 1962 eine Pommes-Bude aus einem Bretterverhau an der Bolzstraße. Aus den USA hatte der Sachse die Fast-Food-Idee übernommen. Im Land der schwäbischen Bratkartoffeln und des Kartoffelsalats waren in heißem Fett erhitzte Fritten etwas Besonderes. „Mit seinen Handballfreunden vom MTV hat er die Kartoffeln selbst geschält“, erzählt Marlies Höroldt, „Tiefkühlpommes gab’s damals ja nicht.“
1964 konnte Höroldt von der Holzbude in einen richtigen Laden umziehen – der befand sich an der Calwer Straße, also dort, wo Udo-Snack noch immer beheimatet ist und der nun in den nächsten Wochen den 60. Geburtstag feiert. Auch am neuen Standort probierte er einen US-Erfolg aus: Amerikanischen Hamburger gab’s statt einer deutschen Bratwurst. Damit verhalf der Mann, der es liebte, mit Neuem zu überraschen, bereits in den 60ern den Rindfleisch-Pattys in unseren Breiten zum Durchbruch. McDonald’s hat 1978 sein erstes Lokal in Stuttgart am Rotebühlplatz eröffnet (nach München, wo der Fast-Food-Riese 1971 Deutschland-Premiere feierte).
Zum 60. Geburtstag vom Udo-Snack schreibt Michael Gaedt ein Lied
„Udo-Snack ist die Mutter aller Burger“, schwärmt der schwäbische Entertainer Michael Gaedt, ein Stammgast seit Jahrzehnten. Zum 60. Geburtstag schreibt er ein Lied für Udo. In all den Jahren habe sich der Geschmack nicht verändert. Dies liege an der besonderen Gewürzmischung, die streng geheim bleibt, wie Marlies Höroldt sagt. Und es liege auch an den speziell für Udo-Snack hergestellten, sehr knusprigen Brötchen, ergänzt Gill Ramandeep Kaur, die heute das Geschäft an der Calwer Straße führt.
„Ältere Stammgäste sagen, dass die Burger in all der langen Zeit immer gleich gut geblieben sind“, sagt die Betreiberin, die längst auch vegetarische Burger auf die Speisekarte genommen hat – mit steigendem Umsatz. Zu den Stammgästen zählt der frühere Formel-1-Manager Willi Weber. „Udo-Snack ist für mich ein Must-have, fast wie eine Droge“, sagt er, „danach muss ich mir leider immer ein frisches Hemd anziehen.“
Die gebürtige Inderin Gill arbeitet seit 18 Jahren bei Udo-Snack, was ihr noch immer großen Spaß bereite. Die Stimmung sei toll, was an den Kunden liege, aber auch an dem Personal. Früher hieß das Geschäft übrigens Udo’s Imbiss, wurde aber dann in Udo-Snack geändert, weil dies einfach besser klinge. Seit Anfang des Jahres gehört der Fast-Food-Grill an der Calwer Straße zu 60 Prozent der Familie von Gill Ramandeep Kaur und zu 40 Prozent dem Stuttgarter Unternehmer Jens Caspar, dem Chef der Maultaschen-GmbH Herr Kächele. Die Kunden strömen noch immer.
Nachts ist weniger los als früher
Wenn es mal voll ist und sich eine Schlange bildet, würden sich die meisten anstellen und nicht weiterziehen, freut sich die Geschäftsführerin: „Die warten lieber, weil sie wissen, wie gut es bei uns schmeckt.“
Nur nachts sei nicht mehr so viel los wie früher, was auch daran liege, dass der Kings Club von Laura Halding-Hoppenheit um die Ecke immer noch geschlossen sei. Deshalb schließt die Chefin das Geschäft montags bis donnerstags um 20 Uhr, freitags und samstags um 21 Uhr. Sonntags ist geschlossen.
Wie isst man einen Udo-Burger?
Sei jeher lassen sich an diesem Ort die verschiedenen Arten studieren, wie man einen Burger isst. Und wie so oft, kommt es auch hier auf die Technik an. Die einen Stammgäste schwören darauf, dass man mit den beiden Daumen den Burger von unten drückt und ihn mit den beiden kleinen Finger hält, während die restlichen Finger vorsichtig auf den Burger von oben drücken. So kann nix raustropfen.
Die anderen drehen den Burger stets um. Wenn die dicke und robustere Seite des Brötchens oben liege, habe das Ganze mehr Stabilität, behaupten sie. Für Doppelburger hält Udo-Snack Besteck bereit. Doch das werde eher selten verlangt, sagt die Chefin.
Der Ehrgeiz der Kunden sei groß, alles ohne Messer und Gabel verdrücken zu können. „Wenn doch mal was daneben kleckert, ist das nicht schlimm“, sagt Gill Ramandeep Kaur, „sollte beim Doppelburger nichts daneben gehen, war es vielleicht auch unser Fehler – dann ist zu wenig Soße drin.“