Wie geht es eigentlich . . .Anna Schmidt-Oehm aka DJ Änna? „Ich vermisse nichts – ich habe jede Party gefeiert, die ich feiern wollte“

Sie hat erst den Laborkittel gegen Plattenteller getauscht, später die Plattenteller gegen eine Yogamatte: Anna Schmidt-Oehm ist heute stolze Yoga-Studio-Besitzerin und Yoga-Lehrerin. Foto: Yoginzky

In unserer Serie „Wie geht es eigentlich . . .?“ beleuchten wir Menschen, die aus dem Rampenlicht getreten sind. Anna Schmidt-Oehm aka DJ Änna hat nach mehr als zwanzig Jahren das DJ-Pult gegen die Yogamatte getauscht. Hat sie seit ihrem Abschied aus der Clubszene ihr Zen gefunden?

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Von Run D.M.C. zu Vinyasa: DJ Änna war seit den späten 90ern aus der Stuttgarter Hip-Hop- und Clubszene nicht mehr wegzudenken. 2017 hat Anna Schmidt-Oehm dann das Auflegen an den Nagel gehängt und ihr eigenes Yoga-Studio, das Yoginzky in Stuttgart, eröffnet.

 

Anna, wie geht es dir?

Wunderbar, ich kann nicht klagen.

Wieviel Hip-Hop ist dein Leben gerade noch?

Genauso viel wie immer. Hip-Hop ist eine Lebenseinstellung und die trage ich in mir seit ich zehn bin. Und die habe ich heute noch genauso, wie vor zehn, 20 oder 30 Jahren. Für mich bedeutet Hip-Hop, dass man etwas machen kann, was man gut kann und worauf man besonders Bock hat, ob das DJ oder B Boy sein oder Graffiti bedeutet. Und diese Einstellung habe ich mein Leben lang beibehalten. Ein weiterer tiefer Gedanke von Hip-Hop, so wie ich ihn kennengelernt habe von klein auf bis heute, ist das „Each one teach one“, das jede:r quasi jemand anderes an die Hand nimmt und ein bisschen was über die Kultur erzählt, erklärt und weitergibt. Und im Prinzip mache ich das ja heute noch – zwar mit Yoga, aber trotzdem.

Wie hast du den beruflichen Wandel vollzogen?

Ich habe einen ähnlich großen Berufswechsel ja schon mal hinter mich gebracht: Ich war Biologin am Institut für Tropenmedizin und habe sogar promoviert, bevor ich DJ wurde. Während meines Studiums habe ich aber schon nebenher im Nightlife gearbeitet, aufgelegt und veranstaltet und als die Doktorarbeit dann fertig war und die Jobauswahl nicht so riesig war, dachte ich bei mir, dass ich auch nicht so richtig Bock darauf habe, mein restliches Leben im Labor zu verbringen. Ich wollte es mal probieren, ein halbes Jahr hauptberuflich aufzulegen und daraus wurden dann viele, viele Jahre. Vom Auflegen zum Yoga war es ähnlich: Es hat sich nebeneinander entwickelt und lange Zeit fifty-fifty nebeneinander existiert.

Wie bist du zum Yoga gekommen?

Meine allererste Yogastunde hatte ich schon als Achtjährige, es hat dann aber über zehn Jahre gedauert, bis ich es wieder entdeckt habe. Was mir davon aber gut in Erinnerung geblieben ist, ist die Tatsache, dass ich noch nie in meinem Leben so gut geschlafen hatte, wie nach der Yoga-Einheit. Mit 20, als ich oft im Labor stand und pipettiert habe, wovon ich Rückenschmerzen bekommen habe, habe ich mich zurückerinnert und bin wieder zum Yoga gegangen. Seitdem hat es mich begleitet, während des Studiums und auch während dem Auflegen später. Die Ausbildung zur Yoga-Lehrerin habe ich dann erst aus Interesse für mich gemacht und mit den ersten Jobs erst gemerkt, dass das etwas sein könnte, was ich noch nebenher machen könnte. Um wiederum nicht so viel auflegen zu müssen – denn man muss sich vor Augen führen, dass ich wirklich viele Jahre von Mittwoch bis Sonntag im Club gestanden und in Deutschland, Österreich, der Schweiz und mehr unterwegs gewesen bin. Das ist weniger glamourös als es sich anhört. Es ist sehr anstrengend und auf Dauer ungesund, wenn man sich die Nächte um die Ohren schlägt, dann tagsüber unterwegs ist, sich nicht gut ernährt und keine Zeit für sich oder Sport wie Yoga hat. Von daher habe ich das schon gemerkt und war froh, weniger im Nachtleben machen zu können und das stattdessen mit Yoga auszugleichen.

Und der finale Cut war leicht?

Ich habe 20 Jahre aufgelegt, ich habe jedes Lied gespielt, das mir am Herzen liegt – mehr als einmal. Ich habe jede Party gefeiert, die ich feiern wollte in meinem Leben. Von daher konnte ich das Auflegen dann gut gehen lassen.

Legst du heute noch ab und zu auf?

Ich stehe überhaupt nicht mehr hinter Plattenspielern, weder für mich allein, noch für andere und da habe ich auch keine Lust drauf. Im Prinzip ist der Job, den ich heute habe – also das Yoga unterrichten – genau der gleiche, den ich früher auch gemacht habe.

Wie das?

Das ist mir erst später aufgefallen: Eines Tages stand ich vor den Leuten und habe unterrichtet und dachte: „Wow, ich mache genau da selbe: Ich habe die Matte vorne, alle schauen zu mir, ich mache die Hände nach oben, nach links, nach rechts und alle machen mit, ich bin die erste, die kommt und die letzte, die geht, ich spiele die Musik, ich entscheide, welche Dynamik die Stunde hat – ob wir schneller oder langsamer machen, ob das eine Stehblues-Aktivität wird oder eine Rambazamba-Dance-Aktivität.“ Und tatsächlich treffe ich auch noch heute die Leute in ihrer freien Zeit, in der sie zu mir freiwillig kommen, das ist ein schönes Arbeiten. Ich habe meinen alten Job quasi gegen eine altersgerechtere und gesündere Version davon getauscht.

Vermisst du etwas aus dem DJ-Dasein heute noch?

Nein. Ich habe nichts davon gehasst oder nicht gerne gemacht, aber es ist vorbei. Ich vergleiche das manchmal mit der Schulzeit. Ich bin da gerne hin und war auch gerne Schülerin, aber ich möchte da heute nicht mehr hin. Das Auflegen war super, jede einzelne Nacht möchte ich nicht missen, aber es ist einfach vorbei. Das brauche ich nicht mehr.

Erinnerst du dich noch an deinen letzten Gig?

Gute Frage. 2017 habe ich vielleicht das letzte Mal aufgelegt, ich habe keine Erinnerung mehr daran. Das war kein Heute-ist-mein-letzter-DJ-Job-Moment.

Siehst du viele Menschen aus dem Nachtleben noch?

Ja, ganz viele – beim Yoga. Als ich angefangen und mir einen kleinen Raum gemietet habe, um dort zu unterrichten, habe ich das natürlich in meinem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis erzählt. Und das waren natürlich Leute aus dem Nachtleben, die dann auch alle gekommen und bis heute zahlreich dabei geblieben sind. Manche davon sind jetzt auch Yoga-Lehrer:innen oder machen was Ähnliches. Und es gibt auch immer noch die Fälle, dass mich Leute aufsuchen, die ich aus dem Nachtleben früher kenne, weil sie Rückenschmerzen haben. Das ist tatsächlich generell die häufigste Ursache, warum Leute das Yoginzky aufsuchen.

Von der Biologin zur DJ und dann zum Yoga

Werdegang
Anna Schmidt-Oehm wurde 1977 in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren. Sie studierte Biologie und promovierte 2006 am Institut für Tropenmedizin in Tübingen. 1997 begann sie als DJ Änna im Bereich Hip-Hop aufzulegen, 2003 folgte der Schritt das als Hauptberuf auszuüben. Mit acht Jahren hatte sie bereits ihre erste Yoga-Stunde; im Studium entdeckte sie den Sport wieder und praktizierte ihn seitdem regelmäßig.

Karriere
1999 gründete sie mit der Stuttgarter DJ D-Nice das DJ-Duo Bodysnatchaz. Unter dem Label Änna & Skully wurden die beiden auch als Veranstalterinnen aktiv und riefen zahlreiche Party-Reihen, wie den Hip-Hop Donnerstag im ehemaligen Stuttgarter Club Tonstudio auf der Theodor-Heuss-Straße, ins Leben. Nach einer Ausbildung zur Yoga-Lehrerin begann sie, nebenher Yoga-Kurse zu leiten. 2017 hörte sie auf als DJ zu arbeiten und widmet sich seitdem voll und ganz ihrem Yoga-Studio Yoginzky in Stuttgart-Mitte, wo sie mittlerweile nicht nur Yoga-Kurse gibt, sondern auch Yoga-Lehrer ausbildet.

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