London - Luca verschwindet im Mai 2020 während eines Spaziergangs auf den Feldern. Bis heute fehlt von der Amerikanischen Bulldogge jede Spur. „Seitdem ist unser Leben ein Albtraum“, berichtet Lucas Herrchen, Virgil Tatomir aus Oxfordshire. Der Fall ist nur einer von vielen, das Internet ist voller Videos verzweifelter Hundebesitzer. Denn Großbritannien verzeichnet einen rasanten Anstieg von Hundeentführungen. Zählte die britische Organisation Doglost 2019 insgesamt 172 Fälle von „Dognapping“, waren es ein Jahr später bereits 465. Ein Plus von 170 Prozent, Tendenz steigend.
Der Trend zum Hundediebstahl kommt nicht von ungefähr. Der britischen Internetseite Pets4home zufolge stieg die Nachfrage nach Hunden während der Pandemie um mehr als 100 Prozent. In Zeiten des Lockdowns schafften sich zahlreiche Briten einen Vierbeiner an. Niemand ist gerne allein, auch sind die Lockdown-Regeln für Hundebesitzer nicht ganz so streng, schließlich muss das Tier mindestens zweimal pro Tag vor die Tür – und mit ihm Frauchen und Herrchen.
Steigende Nachfrage lässt Preise förmlich explodieren
Besonders gefragt sind Rassehunde wie Französische Bulldoggen oder der Cavapoo. Warteten vor Corona auf jeden Cavapoo-Welpen 769 Interessenten, sind es inzwischen 1882. Ist die Nachfrage groß, explodieren die Preise. Die haben sich im Vereinigten Königreich teilweise verdreifacht. Kostete ein Cockerspaniel 2019 noch 900 Euro, sind es nun mehr als 2300, für einen Cavapoo wurden statt 1000 plötzlich mehr als 3200 Euro fällig. So hat mancher Hundebesitzer plötzlich mehrere Tausend Euro an der Hundeleine. Das zieht Diebe an.
In britischen Medien häufen sich die Berichte von Hunden, die aus Gärten und Autos gestohlen wurden. Manchmal werden die Tiere – wie im Fall von Luca – auch während des Gassigehens entwendet. Dabei gehen die Entführer alles andere als zimperlich vor, die Halter werden teils massiv bedroht.
Lady Gagas Hundesitter wird von „Dognappern“ angeschossen
Das passiert nicht nur in Großbritannien: Lady Gagas Hundesitter wurde vergangene Woche beim Gassigehen sogar angeschossen, als Dognapper zwei der Tiere entführten. Die Hunde sind inzwischen wieder aufgetaucht, nachdem die US-Sängerin eine satte Belohnung in Aussicht gestellt hatte.
Als die Tiere wieder zurückkehrten, seien Tränen geflossen, erzählte ein Insider. Die Belohnung in Höhe von 500 000 Dollar – umgerechnet rund 415 000 Euro – zahle sie „nur allzu gerne“, sagte Lady Gaga und übernahm auch die Behandlungskosten für den verletzten Hundesitter.
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Normale Hundebesitzer wie Virgil Tatomir haben da meist weniger Glück. Als er Plakate mit seiner Telefonnummer und einem Bild von Luca aufhängte, meldeten sich zahlreiche Trittbrettfahrer, um Geld zu erpressen. Doch Luca blieb verschwunden.
Das Geschäftsmodell ist widerwärtig, aber äußerst lukrativ
In ihrer Verzweiflung sind manche bereit, hohe Lösegelder zu zahlen. Was die Sache für Diebe nur noch attraktiver macht. Andere wenden sich hilfesuchend an Detektive, um ihre Tiere wiederzufinden. Oft vergebens, denn eine Lösegeldforderung ist eher selten. Meist verkaufen die Diebe die Tiere sofort weiter oder nutzen sie, um Welpen zu züchten und ihren Gewinn so zu vervielfachen. Ein gleichermaßen widerwärtiges wie lukratives Geschäftsmodell.
Auch in Deutschland sind Hunde während der Pandemie sehr begehrt. Die Nachfrage stieg nach Angaben des Verbands für das Deutsche Hundewesen um 20 Prozent. Müssen nun auch deutsche Hundehalter um ihre Tiere fürchten? „Das Phänomen Dognapping lässt sich, zumindest aus Sicht der Kriminalstatistik von Baden-Württemberg, so nicht bestätigen“, teilt das Landeskriminalamt in Stuttgart auf Anfrage mit, „die Zahlen bewegen sich im Betrachtungszeitraum auf konstant niedrigem Niveau bei hoher Aufklärungsquote.“ Mehr noch: Die Zahl der Diebstähle in Baden-Württemberg sank 2020 im Vergleich zum Vorjahr von 31 auf 26 Fälle. Fast drei Viertel der Fälle klärte die Polizei auf.
Davon kann der Brite Virgil Tatomir nur träumen. Als Nächstes will er vor dem Parlament in London für schärfere Strafen für Tierdiebstahl und -quälerei protestieren, denn: „Die derzeitigen Gesetze sind ein absoluter Witz.“
Tipps für Hundehalter: So schützen Sie ihr Tier
Kauf
Achten Sie beim Kauf darauf, woher das Tier stammt. Sonst könnten Sie Kunde von Kriminellen werden, die mit gestohlenen Tieren neue Welpen züchten. Oder noch besser: Gehen Sie einfach ins nächste Tierheim. Eine Promenadenmischung ist genauso schön wie ein Rassehund.
Registrierung
Lassen Sie Ihrem Tier einen Mikrochip einpflanzen und registrieren Sie es bei einem kostenlosen Haustierregister wie etwa dem von Tasso (www.tasso.net). Das hilft bei der Suche im Falle einer Entführung und bei der Identifizierung.
Aufsicht
Hundehalter sollten ihre Tiere niemals unbeaufsichtigt irgendwo anbinden, etwa vor einem Supermarkt. Wenn Sie in einen Laden müssen, in dem Hunde nicht erwünscht sind, lassen Sie ihn lieber daheim. Auch eine abschließbare Leine reicht laut Tasso nicht aus, um Dognapper abzuschrecken. Lassen Sie Ihren Hund auch nicht allein im Auto zurück. Selbst der unbeaufsichtigte Aufenthalt im eigenen Garten kann Diebe einladen.
Social Media
Die britische Polizei warnt Hundebesitzer mittlerweile sogar davor, Bilder ihrer Tiere im Internet zu posten. Wenn dann auch noch Kontaktdaten der Hundehalters sichtbar seien, hätten Diebe leichtes Spiel.
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