Wiedereröffnung im Schloss Dätzingen Neue Schau in einem der schönsten Schlösser der Region

Joachim Ratz steht vor dem Dätzinger Schloss. In dem Prachtbau befindet sich das Grafenauer Heimatmuseum, das am Sonntag neu eröffnet wird. Foto: Stefanie Schlecht

Das Heimatmuseum Grafenau im Dätzinger Schloss steckt voller Geschichte und Geschichten. Wohl niemand erzählt sie besser als Joachim Ratz – demnächst sogar als Stimme im Ohr beim neuen „Audioguide“. Dies und mehr ist neu bei der Ausstellung, die am Sonntag Neueröffnung feiert.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Das Dätzinger Schloss bietet alles von der Ortsgeschichte bis hin zur Welthistorie. Ob Kreuzzüge, Reformation, napoleonische Kaiserzeit oder Zweiter Weltkrieg – immer wieder laufen die Fäden des großen Weltgeschehens in der einstigen Malteserresidenz zusammen. Es gibt zahlreiche Geschichten und Anekdoten rund um die historischen Persönlichkeiten, die im Schloss gelebt und von hier aus gewirkt haben.

 

Es gibt wohl kaum jemanden, der diese Geschichten besser erzählen kann, als Joachim Ratz. Der 80-Jährige ist Mitbegründer des Heimatmuseums Grafenau und begleitet dieses Projekt seit mittlerweile bald vier Jahrzehnten. Bei seinen Führungen gewährt er Besuchern tiefe Einblicke in die bewegte Vergangenheit des mehrfach erweiterten umgebauten Anwesens, das der Ritter und Kreuzfahrer Ulrich von Tatichingen im Jahr 1263 dem Johanniterorden schenkte.

Prächtige Panoramatapete stiehlt Maltersersaal beinahe die Schau

Die später als Malteser bekannten Ordensritter finden sich noch heute im Grafenauer Gemeindewappen wieder. Das Dätzinger Schloss war bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Kommende – so hießen die kleinsten Verwaltungseinheiten des Malteserordens. Dem letzten Komtur, einem ambitionierten und einflussreichen Herrn namens Anton Baptist von Flachslanden, verdankt das Schloss seinen Maltesersaal. In dem zehn auf acht Meter großen, im Rokokostil gestalteten Saal befinden sich unter anderem sechs Panoramaansichten (Veduten) des befestigten Hafens der maltesischen Ordenshauptstadt La Valletta.

Dieses bisher unangefochtene Prunkstück des Dätzinger Schlosses bekommt seit zwei Jahren Konkurrenz: Die Rede ist von einer aufwendig mit Fördergeldern (unter anderem vom Landesamt für Denkmalpflege und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz) restaurierten Panoramatapete „La chasse de Compiègne“. Die 14 Meter lange und mehr als zweieinhalb Meter hohe Tapete mit Jagdmotiven ist etwa um die Jahre 1812 bis 1814 als kostspielige Wanddekoration für ein Gästezimmer für König Friedrich entstanden.

Um die schiere Wucht der geschichtlichen Informationen ein wenig aufzulockern, würzt der von Freunden und Bekannten einfach nur „Jo“ genannte Joachim Ratz seine Führungen mit hintersinnigem Witz und teils recht pikanten Anekdoten: beispielsweise über die homoerotischen Neigungen des als „Dicker Friedrich“ bekannten König Friedrich I von Württemberg, unter dessen Regentschaft Dätzingen als einstige Malteserkomtur württembergisch wurde.

Im Jahr 1810 schenkte der König das Schloss seinem Günstling, dem Generalleutnant und Obristhofmeister Carl Ludwig Emanuel Dillen, der das Bauwerk im zeitgemäßen klassizistischen Baustil umgestalten ließ. Oder über dessen Onkel, den für seine Vielweiberei bekannten Herzog Karl Eugen. „Er kümmerte sich aufopferungsvoll und selbstlos um das sexuelle Wohlergehen der Landestöchter. Ich glaube, es sind um die 100 Kinder nachgewiesen“, erzählt Ratz in dem ihm eigenen beiläufig-trockenem Humor.

Die letzte Schlossherrin musste viel erleiden

Auch zu der als verschwendungssüchtig und erotomanisch geltenden Dorothee von Bülow weiß Joachim Ratz einiges zu erzählen. Allerdings legt er den Fokus doch lieber auf die Mutter Adrienne von Bülow. „Eine tolle Frau, die viel erleiden musste“, sagt Ratz über die 1891 geborene letzte Dätzinger Schlossherrin: 1944 wurde sie wegen ihrer Kontakte zum Widerstand kurzfristig im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück interniert. Nach dem Krieg musste sie das Schloss für Heimatvertriebene öffnen. Zwischenzeitlich wurde das Anwesen als Pflegeheim genutzt, danach hatte dort unter anderem die Werbeagentur Witzgall ihren Sitz. Im Jahr 1961 – vier Jahre vor ihrem Tod – verkaufte die zur Ehrenbürgerin ernannte Adrienne von Bülow der Gemeinde das Schlossgut und die dazugehörigen Grundstücke.

Diese und viele weitere Geschichten rund um Grafenau und das Dätzinger Schloss hat das Heimatmuseum seit seiner Gründung aufgearbeitet. Der in Offenbach am Main geborene Joachim Ratz hat in diesem Arbeitskreis, in dem außer ihm noch einige weitere Ehrenamtliche mitwirken, seine Bestimmung gefunden. Schon seit seiner Kindheit liest und sammelt er eifrig Bücher. Diese Leidenschaft spiegelt sich auch in dem mit tausenden Büchern gefüllten Antiquariat wider, das er seit 1997 im Schloss betreibt.

Ein Job bei der IBM lockte den studierten Betriebswirt Anfang der 60er-Jahre in den Kreis Böblingen. Der geschichtsinteressierte Hesse war von Beginn an aktiv in den Auf- und Ausbau des Heimatmuseums eingebunden. Das kommende Wochenende markiert deshalb einen besonderen Moment im Leben des Grafenauers. An diesem Sonntag präsentiert wird sich nämlich Jörg Marquardt als sein Nachfolger vorstellen und auch die Ausstellung wird sich buchstäblich in neuem Gewand präsentieren.

Neben der Möglichkeit, mit Kopfhörern geführte und von Ratz und seinem Team selbst eingesprochene Audiotouren wahrzunehmen, wurde die Ausstellung auf dem Dachboden neu sortiert und strukturiert. Zudem gibt es einen ganz neuen Bereich, in dem die Grafenauer Textilkünstlerin Gudrun Achterberg ihre von der Panoramatapete inspirierte Arbeiten zeigt. Diese kreative Verwandlung vom Wandschmuck zum Kleidungstück dokumentiert ein kurzer Film, der neben einem weiteren Kurzfilm über die Neugestaltung des Museums bei der Ausstellungseröffnung gezeigt wird.

Unterwegs in der Region

Volles Programm
Zur Eröffnung der neuen Ausstellung im Heimatmuseum im Dätzinger Schloss am Sonntag, 17. September, um 11 Uhr erwarten die Gäste neben Festreden von Bürgermeister Martin Thüringer und Landrat Roland Bernhard auch eine Schauspielperformance sowie Musikbeiträge, zwei Kurzfilme und Vorträge von (unter anderem) Ratz-Nachfolger Jörg Marquardt und der Textilkünstlerin Gudrun Achterberg. Führungen durchs Museum beginnen um 13 Uhr.

Öffnungszeiten
Das Heimatmuseum hat an jedem dritten Sonntag im Monat jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Besuche außerhalb dieser Zeit können telefonisch unter der Nummer 0 70  33 / 4 32 82 vereinbart werden. Der Eintritt ist kostenlos, der Museumsverein freut sich aber über Spenden.

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