Füchse in Gärten, Kaninchen in der City und Wildschweine auf dem Friedhof: Wildtiere entdecken die Stadt zunehmend als Lebensraum - mancherorts werden sie im Südwesten zur Plage.

Karlsruhe - Wenn Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen, muss das nicht unbedingt fernab der Zivilisation sein. Wildtiere entdecken zunehmend die Stadt für sich. Viele nur als nächtliche Pendler. Doch manche haben sich in Dachböden, Gartenhäuschen oder Parks schon häuslich eingerichtet. Marder, Füchse oder Wildschweine - mancherorts werden sie im Südwesten zur Plage.

Küchenabfälle, Mäuse und auch die Vielfalt der Gärten locken. „Das ist schon ein bisschen Schlaraffenland“, sagt Gergely Kispal vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Baden-Württemberg - in das die Tiere nach seiner Meinung aber notgedrungen kommen. „Durch eine intensive Landwirtschaft und eine zunehmende Versiegelung der Flächen wird der Lebensraum der Tiere kleiner.“

Sind die Bedingungen für die Vermehrung gut, gibt es jedoch auch einen „Populationsdruck“, der die Tiere neue Reviere suchen lässt, sagt Klaus Lachenmaier, Artenschutzreferent beim Landesjagdverband.

Wildschweine verwüsteten Mannheimer Waldfriedhof

Wie bei den Wildschweinen: Bei üppigem Nahrungsangebot bekommen sie früher und häufiger Junge - und weichen dann schon mal an ungewohnte Orte aus. Beim Mannheimer Waldfriedhof verhindert inzwischen ein Elektrozaun, dass die Borstentiere auf der Suche nach Nahrung den Friedhof weiter verwüsten.

Ein Dauerärgernis sind für viele Städter vor allem Marder, die Kabel, Schläuche und Gummis im Motorraum geparkter Autos durchbeißen und auch Füchse, die Mülleimer plündern oder Gärten umgraben. „Da kriegen wir ununterbrochen Anrufe“, berichtet Jagdverbands-Referent Lachenmaier.

Kaninchen toben um Mannheims Wasserturm und unterhöhlen den Rasen, Enten plantschen fröhlich in Pools, Reiher halten an Zierteichen Ausschau nach Beute, und Rehe lassen sich Rosenblätter, Erbsen und Bohnen aus Gärten schmecken. Die Liste der Stadttiere wird nach Beobachtung des Forscher-Teams für Wildlife Ecology and Management an der Uni Freiburg immer länger.

Und längst geht es nicht mehr nur um altbekannte Untermieter wie Steinmarder, Igel oder Fledermäuse. „Phänomene wie die „Wildschweinplage“ in Berlin, die Waschbären in Kassel oder die Füchse in Zürich sind keine Ausnahmen mehr“, haben die Autoren der Studie „Wildtiere im Siedlungsraum Baden-Württembergs“ festgestellt. Die bis nächstes Jahr laufende Untersuchung unter Leitung der Freiburger Uni-Professorin Ilse Storch will herausfinden, welche Tiere vor allem die Stadtflucht wagen.

Auch Waschbären strolchen durch die Städte

Die äußerst findigen und frechen Waschbären zum Beispiel sind zwar im Südwesten noch kein Problem - aber sie sind laut BUND im Rems-Murr- und Ostalbkreis sowie in Schwäbisch Hall schon häufiger gesichtet worden. Wölfe übrigens nicht. Zwischen den südlichsten Vorkommen im Fichtelgebirge und Baden-Württemberg dürften die großen Autobahnen Barrieren sein. Der Südwesten gilt unter Naturschützern zwar als „Wolf-Erwartungsland“. Wölfe gelten aber als sehr scheu - in die Städte kommen sie so schnell also sicher nicht.

Ein stets reich gedeckter Tisch, viele Schlupfwinkel und wenig Feinde: „Tiere lernen, dass sie in Städten gute Lebensbedingungen haben und nicht geschossen werden“, sagt Rudi Suchant von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg. Denn Städte sind „befriedete Bezirke“, in denen nicht gejagt werden darf. Das haben offenbar auch die Tiere bemerkt.

„Wir beobachten seit Jahrzehnten eine Zunahme der Wildtiere in der Stadt - aber in den letzten 20 Jahren ist die Kurve exponentiell nach oben gegangen“, sagt Wildtierexperte Suchant. Aus Sicht des gelernten Forstwissenschaftlers muss es notfalls Möglichkeiten geben, einzugreifen.

Die Schweizer sind schon einen Schritt weiter. So hat die Stadt Zürich angesichts einer Fuchsplage und den damit verbundenen möglichen Gefahren des Fuchsbandwurms eigens vier Wildhüter eingestellt. Wenn sich die Füchse nicht durch Gummigeschosse verjagen lassen, dürfen die Jäger auch scharf schießen.

Problem Fuchsbandwurm

Wer einen Fuchs oder Marder im Garten hat, braucht keine Angst zu haben. „Eine direkte Gefährdung gibt es nicht“, sagt Rudi Suchant von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. „Die Tiere beißen nicht und greifen nicht an.“ Problematisch können aber Krankheiten sein, die sie übertragen und Schäden, die sie anrichten können.

Mit dem Kot des Fuchses werden die Eier des Fuchsbandwurms ausgeschieden - ein Parasit, der neben Nagetieren und Katzen auch Hunde und Menschen befallen kann. Infiziert sich ein Mensch etwa über verschmutzte Früchte, kann seine Leber lebensbedrohlich geschädigt werden. Obwohl der Parasit relativ häufig vorkommt, gibt es aber nur wenige Krankheitsfälle. Die Tollwut gilt in Baden-Württemberg hingegen als ausgerottet.

Mit Mardern verbindet sich vor allem ein Ärgernis: Sie verursachen mit ihren Bissen in Gummi- und weiche Kunststoffteile beträchtliche Schäden am Auto. Betroffen sind oft Zündkabel, Kühlwasser-, Scheibenwaschwasser- und Kunststoffschläuche, Stromleitungen sowie deren Isolierung. Gibt es einen Marderschaden oder Pfotenabdrücke auf der Motorhaube empfiehlt der ADAC eine Motorwäsche. Denn auf Duftspuren der Konkurrenten reagieren andere Mardermännchen häufig mit besonderer Beiß-Wut. Im Frühjahr ist das Risiko eines Marderschadens am höchsten.