Der namenlose Luchs mit der wissenschaftlichen Bezeichnung B 962, der aus dem Schweizer Jura stammte und keine zwei Jahre alt geworden ist, stellt ein herausgehobenes Beispiel für im Straßenverkehr umgekommene Tiere dar. Ein zweites ist der vermutlich einzige Wolfswelpe im Südwesten seit 150 Jahren, der vor wenigen Wochen auf der B 500 bei Schluchsee von einem Auto erfasst und getötet worden ist.
Darüber hinaus aber ereignen sich jedes Jahr deutschlandweit zwischen 250 000 und 300 000 Wildunfälle; meistens sterben die Tiere dabei. Und in die Statistik gehen nur Rehe, Wildschweine, Füchse und andere Tiere des Jagdrechts ein – die vielen Igel, Frösche und Mäusebussarde zählt niemand.
Vom Leid der Tiere und den Folgen für das Artensterben einmal ganz abgesehen, haben die Wildunfälle erhebliche Auswirkungen auf den Menschen: Jährlich werden in Deutschland mehrere Menschen getötet, 2022 wurden 2615 Personen verletzt. Die Schäden an den Autos steigen kontinuierlich und sind laut dem Gesamtverband der Versicherer seit 2012 um weit mehr als die Hälfte auf 950 Millionen Euro im Jahr 2022 gestiegen.
Die Frage stellt sich also schon: Wird genügend getan, um den Tieren das gefahrlose Überqueren der Straßen zu ermöglichen? Die Autoren einer ganz aktuellen Studie der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg, die dem Forstministerium untergeordnet ist, haben dazu eine eindeutige Meinung: „Zusammenfassend kann in Bezug auf die Verkehrsinfrastruktur gesagt werden, dass sich, entgegen der gesetzten Landesziele seit 2010, die Überwindbarkeit von stark befahrenen Straßen und Schienen für wandernde Wildtiere nicht wesentlich verbessert hat.“ Auf Nachfrage wollte sich die FVA jetzt aber nicht mehr äußern und verwies auf das Forstministerium.
Derzeit gibt es 32 größere Grünbrücken im Südwesten
Tatsächlich wurde schon 2010 im Südwesten ein Generalwildwegeplan erarbeitet, der 2015 in eine Konzeption zum landesweiten Biotopverbund mündete. Zudem brachte der Bund 2012 ein Programm zur Wiedervernetzung vor allem an Autobahnen auf den Weg, das Land hat ein Konzept für die weiteren Straßen aufgestellt. In letzterem stehen allein 125 vordringliche Projekte. Doch trotz vieler Bemühungen sieht es nicht allzu gut aus. Von den 14 Querungshilfen, die das Bundesprogramm vorsieht, ist bisher lediglich eine fertiggestellt worden – sie steht bei Merklingen an der A 8. Insgesamt existieren laut dem Verkehrsministerium derzeit 32 größere Überführungen im Land, vier davon seien aktuell noch im Bau, sagt Wenke Böhm, die Sprecherin des Ministeriums.
Der Generalwildwegeplan zeigt auf, in welchen Korridoren sich Tiere einigermaßen gefahrlos in andere Gebiete begeben können. Oft liegen die Korridore entlang von Flusstälern. Diese nationalen und internationalen Wildwege seien wichtig, um einen genetischen Austausch und um den Tieren in Zeiten des Klimawandels ein Ausweichen in bessere Biotope zu ermöglichen, betont Alexandra Ickes vom Nabu-Landesverband. Auch der umgekommene Luchs hätte davon profitieren können: „Besonders ärgerlich ist, dass es ganz in der Nähe eine Brücke gibt, die man in eine Grünbrücke hätte umgestalten können.“ Der Unfall hätte womöglich verhindert werden können, so die Nabu-Mitarbeiterin.
Aber auch bei den Wildwegen gibt es zunehmend Probleme. Immer häufiger wird in die 1000 Meter breiten Korridore hineingebaut, sodass die Stellen für die Tiere teils zum unüberwindlichen Engpass werden können. Laut der genannten Studie der FVA hat sich die Anzahl der Engstellen seit 2010 von 31 auf 92 verdreifacht im Südwesten.
Ein zunehmendes Problem in den Korridoren seien Freiflächen-Fotovoltaikanlagen, da sie immer von einem Zaun umgeben seien, sagt auch Alexandra Ickes. Mittlerweile seien aber immer Durchschlupfe für Wildtiere vorgesehen, betont Sebastian Schreiber, der Sprecher des Forstministeriums.
Martin Bachhofer, der Landesgeschäftsführer des BUND, geht deshalb sogar so weit zu fordern, dass es keine neuen Straßen mehr geben dürfe. Zudem müsse die Vernetzung von Lebensräumen in allen Planungen zum Standard werden. Das sei bisher nur bei Straßen in den Wildkorridoren der Fall, räumt Sebastian Schreiber ein, bei Gebäuden nicht. Bachofer fordert zudem: „Es geht viel zu schleppend voran, die Maßnahmen müssten schneller vorangetrieben werden.“
Die Landesregierung verweist aber darauf, dass die Planungen sehr aufwendig seien. Es reiche nicht aus, die Brücke zu bauen. Vielmehr müssten im Hinterland Grundstücke angekauft werden, um für die Tiere Biotop-Trittsteine zu schaffen. Oft müssten Wege im Umfeld verlegt werden, um menschliche Störungen zu verringern. Und es brauche immer links und rechts der Brücke einen oft langen Zaun, der die größeren Tiere zum richtigen Ort leitet. Mittlerweile, betont Schreiber, sei man dazu übergegangen, reine Grünbrücken zu bauen, die also vom Menschen nicht genutzt werden können. Nur diese würden sicher von den Tieren – vom Luchs über Eidechsen bis hin zu Laufkäfern – angenommen.
Teuer sind die Bauwerke zudem. Die Grünbrücke bei Merklingen kostete zum Beispiel 3,4 Millionen Euro. Dennoch vermutet Alexandra Ickes, dass die Politik diese Projekte eben in der Priorität nicht so hoch ansiedelt. „Es fehlt schon auch der politische Wille“, meint sie.
Luchse in Baden-Württemberg
Männchen
Drei männliche Luchse im Südwesten besitzen Namen: Toni lebt im Nordschwarzwald, Wilhelm im Südschwarzwald und Lias im Oberen Donautal. Der namenlose Luchs B 3002 hält sich laut FVA vorwiegend am Hochrhein bei Waldshut-Tiengen auf, das Tier B 723 am westlichen Bodensee. Der Luchs B 962 ist von der Schweiz kommend quer durchs Land gewandert und wurde jetzt im Enzkreis überfahren.
Weibchen
Da weibliche Luchse selten größere Strecken wandern und eine natürlich entstehende Luchs-Population wenig wahrscheinlich ist, hat sich Forstminister Peter Hauk (CDU) zu einem Auswilderungsprogramm entschlossen. Mehrere Weibchen sollen freigelassen werden. Den Anfang machte das zweijährige Weibchen Finja vor wenigen Wochen im Nordschwarzwald.