Das Thema Windkraft ruft im Kreis Böblingen die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Wir stellen zwei Initiativen vor – Befürworter und Gegner (Symbolbild). Foto: Thomas Fritsch/Thomas Fritsch
Dass Windräder in den Kreis Böblingen kommen, wird immer wahrscheinlicher. Das ruft Kritiker und Befürworter auf den Plan. Wir haben mit zwei Initiativen gesprochen. Das sind ihre Anliegen.
Dass Windräder in den Kreis Böblingen kommen, wird immer wahrscheinlicher. Das ruft Kritiker und Befürworter auf den Plan. Wir haben mit zwei Initiativen gesprochen. Das sind ihre Anliegen.
Pro: „Miteinander ins Gespräch kommen“
Sie sind für Windkraft im Kreis Böblingen: Die Menschen, die sich bei Windkraft Böblingen engagieren. Auf der Informationsveranstaltung zum möglichen gemeinsamen Windpark von Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen war die Initiative mit einem Stand vertreten. Elisabeth Fellmann aus Nufringen hat sie Anfang Dezember zusammen mit zwei Mitstreitern ins Leben gerufen.
Auslöser sei ein Flyer von Windkraftgegnern gewesen, mit Zahlen, die sie stutzen ließen. Da seien sie auf die Idee gekommen, selbst zu recherchieren und die Infos öffentlich zu machen. „Wir wollen die Meinungsbildung unterstützen“, sagt Fellmann. „Mit einer Zahl alleine fange ich nicht viel an, ich brauche Vergleiche.“
/Stefanie Schlecht
Die 59-Jährige beschreibt die Initiative als einen bunten Zusammenschluss von Menschen aus dem Kreis Böblingen. Viele hätten einen Bezug zu Fridays for Future, den Omas for Future, dem Nabu oder zu Greenpeace. Die Altersspanne liege zwischen 20 und 86 Jahren. Ulrich Hensinger, Stadtrat der Grünen in Sindelfingen, stieß Anfang Februar dazu. „Uns verbindet, dass wir Windräder im Landkreis Böblingen wollen, da, wo sie möglich und sinnvoll sind“, sagt er.
Auf Homepage über Windkraft informieren
Inzwischen ist der harte Kern laut Fellmann auf 40 Personen angewachsen. Hinzu kämen 65 Mitglieder im Infokanal der Initiative auf dem Messengerdienst Signal. Als erste größere Aktion bezeichnet Fellmann die Petition, die sich Anfang Februar für die Ausweisung von BB-14 als Vorranggebiet für Windkraft aussprach. BB-14 ist die Fläche, auf der der interkommunale Windpark entstehen könnte. Ende Februar ging die Homepage der Initiative www.windkraftbb.de an den Start. Diese befüllt das Organisationsteam mit Infos zur Windkraft. Die Angabe, woher die Infos stammen, sei dabei essenziell. Zudem lese ein Team die Beiträge gegen, bevor sie online gehen, betont Fellmann.
Hensinger und Fellmann halten die Windkraft für ein zentrales Element der Energiewende, „die wir wegen der Erderwärmung so schnell wie möglich brauchen“, sagt Fellmann. „Wir können die Arbeitsplätze und die Wirtschaftskraft im Kreis nicht halten, wenn wir keine saubere Energie haben“, fügt Hensinger an. „Und gerade als wirtschaftsstarker Standort müssen wir unseren Anteil dazu beitragen.“ Im Zusammenspiel mit Photovoltaik halte er Windkraft für eine sinnvolle Option. „Wenn man sieht, wie viel Strom ein Windrad erzeugt.“ Laut Umweltbundesamt kann eine Windenergieanlage etwa 3000 Haushalte pro Jahr mit Strom versorgen.
Verständnis für Sorge um den Wald
Die beiden könnten sich – basierend auf dem, was aktuell bekannt ist – einen Windpark zwischen Diezenhalde und Maurener Tal vorstellen. Das Vorgehen der drei Kommunen halte er für vorbildlich, meint Hensinger. Fellmann zeigt aber Verständnis für Gegner des Windparks. „Es ist mir wichtig, nicht weiter zu einer Polarisierung beizutragen, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Die Sorge um den Wald und den Artenschutz könne sie am besten nachvollziehen. Ihre Hoffnung: Über mehr Informationen, Ängste abzubauen. Vor eineinhalb Wochen habe die Initiative Windräder im Schurwald bei Schorndorf besichtigt. Die Wege, auf denen die Anlagen transportiert wurden, seien wieder normale Waldwege. „Und eine Anlage benötigt jetzt noch etwa einen halben Hektar Platz“, beschreibt die 59-Jährige.
Die Initiative Windkraft Böblingen hat sich im Schurwald bei Schorndorf Windräder angeschaut. Foto: //Windkraft Böblingen
Weder Hensinger noch Fellmann leben in der Nähe von BB-14. Zumindest aber Fellmann könnte künftig auf ein Windrad schauen. Sie wohne am Ortsrand von Nufringen, in der Nähe eines potenziellen Vorranggebiets. „Ich würde mich freuen, wenn da ein Windrad hinkommt.“ Sie habe bereits früher in Aachen ein Windrad in ihrem Blickfeld gehabt, sich darüber gefreut und keine Beeinträchtigungen verspürt.
Die Initiative will mit weiteren Aktionen präsent sein, etwa beim „2. Festival für die Erde“ Ende April in Böblingen. Finanziell unterstützt werden sie laut Fellmann aus dem Bundesprojekt „Klimaschutz in kleinen Kommunen und Stadtteil“ (KlikKS). Ihr Wunsch für die Zukunft: Auf Marktplätzen zu stehen, mit Pinnwand und Flyer, und sich auszutauschen.
Kontra: „Nicht in unserem Waldgebiet“
Gegen Windkraft im Allgemeinen seien sie gar nicht, betonen Ulla Jaiser, Sylvia Ehrler und Wolfgang Rott von der Initiative Lebenswertes Böblingen. Sie wollen aber den Bau von Anlagen im möglichen Windkraft-Vorranggebiet BB-14 zwischen der Diezenhalde und dem Maurener Tal verhindern. Die Bürgerinitiative hat vorigen Herbst zusammengefunden, als bekannt geworden war, dass die Städte Böblingen und Holzgerlingen zusammen mit der Gemeinde Ehningeneinen interkommunalen Windpark planen wollen.
/Stefanie Schlecht
Jaiser und Ehrler wohnen auf der Diezenhalde, Rott auf dem Böblinger Tannenberg. Sie seien von den Plänen direkt betroffen, sagen sie. „Wenn Sindelfingen auf der Dachsklinge Windräder aufstellt, juckt mich das nicht“, sagt Rott. Es gehe ihm um einen Windpark vor seiner Haustür.
„Ich habe es damals aus dem Wochenblatt erfahren“, sagt Sylvia Ehrler. Von der ihrer Meinung nach schlechten Kommunikation über das Projekt sei sie entsetzt. Auch Wolfgang Rott sieht es so: „Erst jetzt gab es die erste Veranstaltung“, sagt er – und meint damit den Informationsabend der beteiligten Kommunen vor gut zwei Wochen, bei dem sich auch Bürgerinitiativen vorstellen durften. „Bevor man anfängt, so etwas zu planen, sollte man die Bürger fragen.“
Flugblätter und Webseite sollen informieren
Seit ihrer Gründung hat die Bürgerinitiative mehrere Flugblattaktionen organisiert. Die kleine Gruppe sei schnell gewachsen. Wie viele Menschen genau in der Bürgerinitiative sind, können Jaiser, Rott und Ehrler nicht sagen. Dadurch, dass es kein Mitgliederverzeichnis gebe, sei das auch schwer zu beurteilen. Allerdings seien auf der Mailing-Liste mehrere Dutzend Personen registriert. „Und wenn wir Flugblätter verteilen, sagen die Leute oft, dass sie uns gern unterstützen würden“, sagt Ulla Jaiser.
Auf ihrer Webseite https://www.bb-lebenswert.de hat die Gruppe zu Themen wie „Gesundheit“, „Natur“ und „Politik“ verschiedene Informationen zusammengestellt. Dort finden sich auch Links zu den Seiten anderer Bürgerinitiativen und zur Bundesinitiative Vernunftkraft, einem Verein, der Windkraftgegnern bei der Organisation hilft und sie mit Material ausstattet.
Sorge der Gruppe: Bleibt Ort zur Erholung?
Zu den Sorgen der Gruppe gehört die Überzeugung, dass Fragen zu möglichen Risiken von Windkraft nicht ausreichend geklärt würden, bevor mit dem Bau von Anlagen im Kreis Böblingen begonnen werde. „Wir sind nicht der Meinung, dass Infraschall uns alle krank macht“, relativiert Ehrler ein oft zitiertes Argument von Windkraftgegnern. „Aber die Studienlage belegt nicht genügend, dass er unschädlich ist.“
Zudem geht es der Initiative gegen den Strich, Windräder in einem „nahezu intakten Waldgebiet“ zu planen, wie es Ehrler ausdrückt. Durch die Präsenz und die Drehbewegung der Windräder würde das Naherholungsgebiet zwischen Diezenhalde und Maurener Tal zerstört. „Wir sind hier in der Region ständig irgendeiner Lärmbelästigung ausgesetzt“, sagt auch Jaiser. Industrie, Autobahn 81, Bundesstraße 464, aber auch die Panzerkaserne mit ihren Schießübungen zählt sie auf. „Wenn man dann noch auf ein kleines Stück Naherholungsgebiet verzichten soll, was bleibt uns dann noch?“
Initiative sieht sich als erfolgreich
Insgesamt möchte die Initiative eher für etwas stehen als gegen etwas. Trotzdem zeigt sie auf ihren Flyern eine bedrohlich wirkende Fotomontage von sechs riesigen Windrädern im Böblinger Stadtrandwald, die auf den Hügelkämmen thronen. „Für das Bild sind wir oft angefeindet worden“, sagt Ehrler. „Die Stadt hat sich noch nicht bemüht, den Bürgern klarzumachen, wie so ein Windpark in der Landschaft aussehen könnte.“ Ihrer Meinung nach sei das manipulierte Foto durchaus realistisch.
Aktuell werde am neuesten Flugblatt gefeilt, erzählen die drei. Im Vorfeld der Kommunalwahlen im Juni wolle man „eine gewisse Sichtbarkeit schaffen“, so Rott. Man könne sich daher auch vorstellen, zum Beispiel auf dem Wochenmarkt im Böblinger Stadtteil Diezenhalde aufzutreten. „Wir wollen mit den Leuten ins Gespräch kommen“, sagt Rott.