Windrad-Pläne in Sindelfingen Schneller am grünen Rad drehen
Je mehr grüner Strom vor Ort entsteht, desto besser. Dabei ist Tempo gefragt und nicht Bedenkenträgerei.
Je mehr grüner Strom vor Ort entsteht, desto besser. Dabei ist Tempo gefragt und nicht Bedenkenträgerei.
Bis zu zehn Windräder entlang der Autobahn A8 auf Sindelfinger Markung – das könnte Wirklichkeit werden. Schon bald sogar, wenn da nicht die Bedenken über die Vorgaben bezüglich der Flugsicherung wären. Vor Ort zeigt sich damit, woran es bei der Energiewende in Deutschland ganz grundsätzlich hakt: An einer Kultur des Willens, bei der alle Akteure – inklusive der Verwaltung – pragmatisch an einem Strang ziehen. Man kann es den Stadtwerken Sindelfingen und ihrem weitsichtigen Geschäftsführer Karl Peter Hoffmann nicht hoch genug anrechnen, solch ein Mammutprojekt voranzutreiben.
Die Ansiedlung von Windkraftanlagen ist einer der Schlüssel zu mehr erneuerbaren Energien. Und die werden dringend gebraucht, das ist spätestens seit der durch den russischen Angriffskrieg ausgelösten Energiekrise überdeutlich. Die Anlagen vor Ort zu bauen, löst mehrere Probleme auf einmal. Zum einen müssen dafür nicht aufwendig Stromtrassen quer durchs Land gebaut werden – der Strom wird im Idealfall vor Ort erzeugt und verbraucht. Zum anderen profitieren die lokalen Akteure selbst von der Wertschöpfung. Doch bis es soweit ist, müssen die Anlagen erst genehmigt werden.
Aufgrund der deutschen Genauigkeit in Genehmigungsfragen gilt mittlerweile die Faustformel von 70 Aktenordnern, die für ein einzelnes Windrad eingereicht werden müssen. Im Sindelfinger Fall bestehen unter anderem Sorgen hinsichtlich der Flugsicherung: Könnten die bis zu 250 Meter hohen Rotorblätter den Flugverkehr stören? Ein berechtigter Einwand, auf dessen Klärung die Genehmigungsbehörden allerdings drängen sollten, statt auf die Bremse zu treten. Denn gerade in Baden-Württemberg scheint dem Ausbau der Windkraft die Puste auszugehen.
Legte die Zahl der neu in Betrieb gegangenen Windräder im Land zwischen 2014 und 2018 kräftig zu von 391 auf 715, herrscht seitdem Stagnation. Seit 2021 ist laut den Daten des Umweltbundesamts sogar gar kein neues Windrad im Südwesten hinzugekommen: Bei 762 Anlagen verharrt die Zahl seit zwei Jahren. Doch gerade der wirtschaftsstarke Landkreis Böblingen mit seinem großen Energiehunger sollte alles daran setzen, Initiativen wie die in Sindelfingen zu befördern. Denn wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Das zeigt der Blick in die große Politik, wo es 2022 binnen Monaten gelang, Ersatz für die ausbleibenden Gaslieferungen aus Russland zu beschaffen. In Windeseile wurden Flüssiggas-Terminals genehmigt, und schon rückten die Bagger an und schaufelten die Fundamente. So strömte sehr schnell Ersatzgas ins Land, das locker reichte, um über den Winter zu kommen. Nur, warum legt der Staat nicht auch beim Ausbau der Erneuerbaren ein solches Tempo vor? Experten gehen davon aus, dass der Ausbau von Windkraftanlagen ungefähr fünfmal so schnell vonstatten gehen müsste, um die hehren Ausbauziele zu erreichen.
Noch dazu ist der Strom aus Luft und Sonne günstiger zu erzeugen, als mit Kohle, Gas oder Atomkraft. In einer Studie kommt das Fraunhofer-Institut zum Ergebnis, dass Strom aus Gaskraftwerken zwischen acht und zehn Cent pro Kilowattstunde kostet. Doch bei Windrädern auf dem Land liegen die Kosten nur zwischen vier und acht Cent. Vor allem große Solaranlagen auf Freiflächen liefern ebenfalls Energie in diesem niedrigen Kostenrahmen. Grüner Strom schont also nicht nur die Umwelt, er bietet auch einen entscheidenden Standortvorteil, weshalb der Ausbau strategisch von Bedeutung ist. Noch ist die Stadt Sindelfingen verwöhnt mit Rekordeinnahmen aus der Gewerbesteuer – 220 Millionen in diesem Jahr. Die Stadt tut also gut daran, ihren Wohlstand durch kluge Investitionen in grüne Energiequellen langfristig zu sichern.