Stuttgart - Auf einem oder zwei Brettern den Hang hinunter, auf Kufen durch den Eiskanal oder mit Schlittschuhen übers Eis: In vielen Wintersportarten reizen Athletinnen und Athleten immer wieder neue Höchstgeschwindigkeiten aus. Als besonders geschwindigkeitsversessen gilt der Bobsport, der Viererbob (Samstag und Sonntag) gar als „Formel 1 des Wintersports“ – mit dem Deutschen Francesco Friedrich als Pilot vorneweg, der in Peking am Dienstag im Zweierbob sein drittes olympisches Gold holte und nun auf Nummer vier zusteuert.
Seine seit Jahren anhaltende Dominanz konnte er 2019 mit dem aktuellen Geschwindigkeitsweltrekord im Eiskanal untermauern: Mit seinen Anschiebern Candy Bauer, Martin Grothkopp und Thorsten Margis erreichte er 157,06 Stundenkilometer im Whistler-Eiskanal von Vancouver, der ursprünglich für die Olympischen Winterspiele 2010 gebaut wurde.
Rekordjagd kann tödlich enden
Damit liegt der schwere Viererbob im Eiskanal in puncto Höchstgeschwindigkeit leicht vor dem Rennrodeln. Hier stellte Felix Loch, ebenfalls ein Deutscher, den Rekord von 153,98 km/h auf – im Jahr 2009 im selben kanadischen Eiskanal wie Friedrich. Die Strecke gilt als schnellste der Welt, geriet jedoch schon vor den Spielen von 2010 als zu gefährlich in die Kritik – und tatsächlich verunglückte dort ein georgischer Rodler im Olympiatraining tödlich.
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Ganz so rasant geht es derzeit im chinesischen Sliding Centre Yanqing jedoch nicht zu. Die Unfallgefahr macht die Rekordjagd quer durch die Wintersportarten zu einer zweischneidigen Angelegenheit – erst recht, wenn man bedenkt, dass auf Brettern im Schnee noch viel halsbrecherischere Geschwindigkeiten möglich sind.
Speedski geht an die Grenzen des Möglichen
Denn die mit Abstand schnellsten Wintersportler sind nicht die Bobpiloten in ihren Hightech-Schlitten, sondern die Geschwindigkeits-Skifahrer. Speedskiing ist eine eigene, nicht olympische Disziplin. Der aktuelle Rekord von 254,958 km/h gelang Ivan Origone 2016 auf gerader Strecke mit spezieller Speedski-Ausrüstung: Kleidung und Helm waren eigens so geformt, dass der Luftwiderstand möglichst gering blieb und der Italiener so aerodynamisch wie möglich in der Hocke verharren konnte.
Ähnliches gilt für den Snowboard-Geschwindigkeitsrekord von Edmond Plawczyk von 2015 mit 203,275 km/h. Selbst auf seinem schmalen Spezial-Snowboard sind jedoch rein technisch keine so hohen Geschwindigkeiten wie auf zwei Skiern möglich: Die bessere Gewichtsverteilung auf der Fläche zweier Bretter bringt den entscheidenden Vorteil. Beide Rekorde stammen von derselben Rennstrecke im französischen Vars, der Chabrières-Piste mit bis zu 98 Prozent Gefälle und einem Höhenunterschied von knapp 500 Metern auf einer 1,2 Kilometer langen Strecke.
Im Skispringen ist Tempo nicht alles
Der schnurgerade Hang in Vars hat mit herkömmlichen Abfahrtsstrecken wenig zu tun. Dementsprechend schaffte es der bislang schnellste Fahrer im alpinen Ski-Weltcup „nur“ auf 161,9 Stundenkilometer. Damit lag der Franzose Johan Clarey 2013 jedoch immer noch vor den schnellsten Fahrern im Eiskanal. Möglich machte dieser Rekord der „Haneggschuss“, der schnellste Teil der Lauberhorn-Abfahrt im schweizerischen Wengen.
Schwieriger einzuordnen ist dagegen das Skispringen. In den Weltcup-Statistiken des Ski-Weltverbands Fis wird nur die Geschwindigkeit beim Absprung erfasst, wobei Skispringer in der Luft noch einmal einige Kilometer pro Stunde zulegen. Das Anlauftempo wird jedoch erst seit den frühen Nullerjahren dokumentiert, offizielle Rekorde gibt es nicht, und die Fis teilt auf Nachfrage mit, man führe keine historische Statistik. 109,6 km/h sind deshalb der höchste Wert, der sich in den neueren Ergebnistabellen der Fis finden lässt. Sie wurden von Anze Semenic im Jahr 2017 auf der Schanze im slowenischen Planica erreicht. Ihre Anlaufstrecke ist die längste aller Weltcup-Skiflugschanzen.
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Allerdings sprangen Skiflieger früher wohl noch schneller ab, immer wieder findet sich ein Verweis auf Pavel Ploc, der 1983 im tschechischen Harrachov angeblich 115,6 km/h erreichte. Tempo ist beim Skispringen zwar wichtig, doch nicht allein entscheidend – in den letzten Jahren sinkt die Geschwindigkeit sogar und wird durch bessere Technik ausgeglichen, was auch das Sturzrisiko senkt. Die aktuelle Weltrekordweite sprang der Österreicher Stefan Kraft mit 253,5 Metern im Jahr 2017, beim Absprung war er jedoch nur 99,6 km/h schnell.
Im Eisschnelllauf muss reine Muskelkraft reichen
Am Ende der Liste rangiert schließlich der Eisschnelllauf. Logisch: Hier konnte Kjeld Nuis 2018 für seinen Weltrekord von 93 km/h keinen Hang oder Eiskanal für sich ausnutzen, sondern erreichte das Tempo durch reine Muskelkraft. Umso beeindruckender, wenngleich der Niederländer den Rekord auf einer 1500 Meter langen geraden Eisbahn nur im Windschatten eines großen mobilen Schilds erreichte. Unter Wettkampfbedingungen auf einer normalen, ovalen Bahn schaffen Top-Eisschnellläufer immer noch mehr als 60 km/h. Die schnellste 400-Meter-Runde lief 2019 der Russe Pawel Kulischnikow mit 60,15 Stundenkilometern – allerdings im Durchschnitt, die langsameren Kurven also eingerechnet.