Wintersport Oldies but Goldies: Die Ü-40-Party auf Schnee und Eis

Immer noch auf dem Höhenflug: Skispringer Noriaki Kasai Foto: Getty 9 Bilder
Immer noch auf dem Höhenflug: Skispringer Noriaki Kasai Foto: Getty

Noriaki Kasai, Claudia Pechstein, Jaromir Jagr und Ole Einar Björndalen haben eines gemeinsam: Die Superstars des Wintersports sind jenseits der 40 – aber noch immer im Einsatz.

Stuttgart - Noriaki Kasai: Der Japaner gab 1988 sein Weltcup-Debüt. Damals stand noch die Berliner Mauer, und Richard Freitag, der den Gesamtweltcup der Skispringer vor der am Samstag in Oberstdorf beginnenden Vierschanzentournee anführt, war nicht geboren. Er ist Jahrgang 1991. 29 Jahre nach seinem Debüt ist Kasai immer noch dabei. Beim Weltcup in Titisee jubelten die Zuschauer, als der alte Knabe einen beachtlichen Satz hinlegte und Zehnter wurde. Im Zielraum sprudelte es nur so aus ihm heraus – vor einer japanischen Reporterin, die ihn seit Jahren in Europa auf Schritt und Tritt verfolgt und die Menschen im Land der aufgehenden Sonne mit Nachrichten versorgt.

Das Lächeln des 45 Jahre alten Skispringers ist freundlich wie am ersten Tag. Ein paar Furchen haben sich ins Gesicht gegraben, doch ist Kasai immer noch der Gummi-Mann der Branche, sein Sprungstil unverwechselbar elegant, er liegt wie ein Brett in der Luft. „Das Geheimnis steckt in mir drin, in meinem Körper“, sagt Kasai, der sich mit über 40 bei den Winterspielen 2014 in Sotschi Einzelsilber und Team-Bronze schnappte. Und der 42 Jahre und 176 Tage alt war, als er sich selbst zum ältesten Skisprung-Weltcup-Sieger kürte.

„Kamikaze-Kasai“, wie sie den Springer aus Shimokawa nennen, sagt auch heute noch bei jeder Gelegenheit, dass er sich jünger fühle denn je. Die Winterspiele im Februar finden in Südkorea statt. Also ein Heimspiel. Wer immer die Tournee gewinnen wird – Noriaki Kasai ist Kult und wird mit jedem Tag, den er älter wird, beim Publikum beliebter. Er könnte von einigen jungen Hüpfern der Vater sein. Er kaschiert das Alter mit langen Haaren. Sie fallen aus seiner Mütze immer wild auf die Schultern. Drahtig wie ein Karatekämpfer verkörpert er wie kein anderer die japanische Askese. Und die Branche hält ihn für ein Wunder der Natur.

Doch auch das ist Noriaki Kasai: ein Tüftler vor dem Herrn. Als 1990 von Parallel- auf V-Stil umgestellt wurde, schraubte er die Bindungen schräg auf die Latten, damit er nach dem Absprung die Fußgelenke kaum nach außen drehen musste. Sie aber bei der Landung leicht nach innen rotieren zu lassen galt als brandgefährlich. Er würde sich ­dabei die Knochen brechen, wurde ­befürchtet. Doch so ein Bewegungswunder bricht sich nichts. Der Dauerläufer macht keinerlei Aufhebens um sich, das Alter und die Erfolge. Es geht ihm nicht darum, seine lange Karriere jetzt noch krampfhaft zu vollenden. Zu oft verließ ihn das Glück – er kennt es schon. Er besitzt einen bis an den Rand gefüllten Koffer mit Silber- und Bronzemedaillen, nur einmal gab es Gold bei einer Skiflug-WM, 1992 in Harrachov.

Nun glauben Beobachter, der Japaner würde den noch nicht gewonnenen Goldmedaillen hinterherhecheln, aber so ist es nicht. „Es macht mir einfach zu viel Spaß“, erklärt Noriaki Kasai – süchtig nach dem Rausch in der Luft. „Es ist schön, dass er dabei ist“, sagt indes Bundestrainer Werner Schuster – und spricht vielen aus der Seele.

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