Stuttgart - Es ist drei Jahre her, als die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen noch in Ordnung schienen: Am 3. April 2019 weihte Mercedes-Benz im Pkw-Werk Moscovia, 40 Kilometer von Moskau entfernt, seine neue Produktion ein. Mit dabei: der damalige Daimler-Chef Dieter Zetsche, Wirtschaftsminister Peter Altmaier – und Präsident Wladimir Putin, der feierlich ein Auto signierte. Gut 250 Millionen Euro hatten die Stuttgarter in den Standort mit rund tausend Mitarbeitern und einer Jahreskapazität von 25 000 Fahrzeugen investiert.
Nun setzt Putin das Werk aufs Spiel. Nach seiner Invasion in der Ukraine scheint alles möglich. Noch gibt sich die Mercedes-Benz Group vielsagend: „Im Lichte der aktuellen Ereignisse gilt es, die geschäftlichen Aktivitäten neu zu bewerten“, sagte eine Sprecherin unserer Zeitung. „Genau das tun wir jetzt – in enger Abstimmung mit den deutschen Behörden.“ Über die Ergebnisse werde man schnellstmöglich informieren. Derzeit würden die Werke weiterlaufen. „Wir bewerten die Lage ständig neu.“ Es sei aber „zu früh, um das volle Ausmaß dieser Eskalation für unser Geschäft genau zu bewerten“.
„Geschäftliche Aktivitäten in Russland bis auf Weiteres eingestellt“
Was das Gemeinschaftsunternehmen mit dem russischen Lastwagenhersteller Kamaz angeht, ist man schon einen Schritt weiter. „In Anbetracht der Ereignisse der letzten Tage haben wir uns entschlossen, mit sofortiger Wirkung unsere geschäftlichen Aktivitäten in Russland bis auf Weiteres einzustellen“, sagt ein Truck-Sprecher. Diese Entscheidung werde regelmäßig überprüft. Wie es heißt, wird zudem juristisch bei der Mercedes-Benz Group als früherem Truck-Mutterkonzern geprüft, wie man sich von der seit 2012 bestehenden Kooperation und dem 15-prozentigen Anteil an Kamaz schnellstmöglich trennen kann.
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Klar ist, dass „keinerlei Fahrzeugteile mehr nach Russland auf den Weg gebracht werden“. Zu dem Gemeinschaftsunternehmen gehören zwei Fabriken etwa tausend Kilometer östlich von Moskau in Nabereschnyje Tschelny. Weil der Nutzfahrzeughersteller Kamaz auch für das Militär fertigt, betont Daimler Truck, „dass die Kooperation rein ziviler Natur ist“ – dies sei von Beginn an eine klare Regelung gewesen. „Wir liefern keinerlei militärische Komponententeile.“ Alle Exportvorschriften würden eingehalten. Rund tausend Beschäftigte sind in Russland für das Joint Venture tätig – zu fast hundert Prozent Einheimische. Mit dem kleinen Anteil westlicher Bürger sei die Konzernsicherheit in Kontakt, heißt es.
„Deutliche Folgen“ für Bosch-Aktivitäten in der Region
Bosch konzentriert sich zunächst auf das Wohl der Mitarbeiter und hat diverse Hilfsmaßnahmen angestoßen. In Russland fertigt der Konzern mit gut 3400 Beschäftigten Kraftfahrzeugkomponenten, Gebrauchsgüter und Thermotechnik in sieben Werken an drei Standorten. „Wir evaluieren derzeit die Auswirkungen der Sanktionen auf unser Geschäft“, sagt eine Sprecherin. „Klar ist jedoch, dass deutliche Folgen für unsere Aktivitäten in der Region und darüber hinaus zu erwarten sind.“ Man stünde im engen Austausch mit Lieferanten und Kunden. Bosch hat 2021 einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro in Russland erzielt.
Auch der Automobilzulieferer ZF hat alle Lieferungen nach Russland eingefroren – etwa die zum Joint Venture ZF Kama. Dort fertigen 450 Mitarbeiter Getriebe – „ausschließlich für die zivile Nutzung in Lkw“, wie die Friedrichshafener betonen. Neben einem weiteren Joint Venture mit 150 Mitarbeitern ist ZF noch in Vertrieb und Service dort tätig. Der Wert der russischen Aktivitäten ist für den Konzern relativ gering: Der Umsatz machte 2020 mit rund 360 Millionen Euro etwa ein Prozent des Gesamtumsatzes aus. Wie es generell weitergeht, da hält sich der ZF-Sprecher noch bedeckt.
Kapital der russischen Tochterunternehmen zurückgeführt
Für den deutschen Maschinenbau sind Exporte im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro von den neuen Lieferverboten tangiert. Dietrich Birk, Geschäftsführer des VDMA Baden-Württemberg, sagt, dass nun die Risiken neu bewertet werden. Gemeint sind vor allem die Geschäfts- und Finanzbeziehungen infolge der Sanktionen. Demnach haben schon Firmen Kapital ihrer russischen Tochterunternehmen zurückgeführt. Auch müssten sich Unternehmen nach dem Aussetzen der Hermes-Bürgschaften anders absichern – etwa indem eine 100-Prozent-Anzahlung der russischen Geschäftspartner vorausgesetzt wird. Mit Hermes-Bürgschaften werden Ausfuhren in Länder abgesichert, in denen ein erhöhtes Risiko für Zahlungsausfall besteht. Weitaus schwerer als bisher ist das Service- und Ersatzteilgeschäft zu organisieren. Zudem kam die geschäftliche Reisetätigkeit zum Erliegen. „Manche Unternehmen sind mit nennenswerten Auftragsbeständen im Russland-Geschäft unterwegs, deren Wegbrechen zu spürbaren Einbußen führt“, sagt Birk. Dass eine völlige strategische Neubewertung ansteht, so weit will er bislang aber noch nicht gehen.
BDI-Präsident Siegfried Russwurm weiß mehr, als einzelne Firmenzentralen offen bekennen wollen: „Viele Verantwortliche haben mir mit Blick auf Russland sehr deutlich gesagt: Mit diesem Regime kann man keine Geschäfte mehr machen“, sagte er im „Handelsblatt“. „Viele Unternehmen überlegen die Konsequenz, sich aus Russland zurückzuziehen, auch ohne Sanktionen.“