Wirtschaft in der Krise Die Droge des Kurzarbeitergeldes
Die Inanspruchnahme der Kurzarbeit wächst. Die deutsche Wirtschaft scheint nicht mehr ohne das Instrument auszukommen – das gibt sehr zu denken, meint Matthias Schiermeyer
Die Inanspruchnahme der Kurzarbeit wächst. Die deutsche Wirtschaft scheint nicht mehr ohne das Instrument auszukommen – das gibt sehr zu denken, meint Matthias Schiermeyer
Gäbe es das Kurzarbeitergeld nicht, dann wäre die Wirtschaft schwer angeschlagen aus der Coronapandemie herausgekommen und in die nächste Krise hineingeschlittert. Die Arbeitslosenzahlen wären rasant nach oben geschnellt; von einer stabilen Beschäftigungslage ließe sich heute nicht reden. Damals wurden in den Agenturen für Arbeit Anzeigen auf Kurzarbeit für mehr als zehn Millionen Beschäftigte erfasst – in der Spitze haben sechs Millionen gleichzeitig kurzgearbeitet. Tausende Unternehmen wurden erhalten – mit einem enorm teuren Rettungsanker, dessen Gesamtkosten auf 46 Milliarden Euro beziffert wurden.
Seit knapp einem Jahr ist der in der Pandemie erleichterte Zugang zur Kurzarbeit wieder aufgehoben. Doch die Verfahren sind eingespielt, die Unternehmen nutzen das Instrument selbstverständlicher als vor Corona. Insofern kann der aktuelle Anstieg bei den Kurzarbeiterzahlen noch keinen Schrecken verbreiten. Wegen des Fachkräftemangels sind die Arbeitgeber mehr denn je willens, alle Leute an Bord zu halten – das Kurzarbeitergeld hilft ihnen, kürzere Schwächephasen zu überbrücken.
Dennoch ist Wachsamkeit gefragt. Kurzarbeit darf keine Droge sein, von der die Süchtigen nicht mehr loskommen – gesunde Unternehmen sollten Konjunkturtäler ohne Hilfe der Beitragszahler überstehen können. Fatal wäre es daher, wenn sie auch ein Symptom für eine Dauerschwäche der deutschen Wirtschaft wäre. Ob Kurzarbeit oder Personalabbau, der Verlust von Standorten oder Investitionen im Ausland – alles passiert für sich genommen auf einem erträglichen Niveau. Insgesamt jedoch muss der Substanzverlust erhebliche Sorgen machen.