Diese – wenig originelle – Erkenntnis greift immer mehr um sich: Ohne ausländische Fachkräfte würde der deutsche Arbeitsmarkt kollabieren. Künftig werden noch viel mehr gebraucht, weil das vorhandene Fachkräftepotenzial nicht ausreicht. Mehr als fünf Millionen Menschen ohne deutschen Pass haben hierzulande einen Arbeitsplatz. Würde – nur ein Beispiel – die Pflege ohne sie auskommen müssen, hätte dies katastrophale Folgen für die Versorgung.
Die Politik ist nicht untätig, sie zündet Job-Turbos und schafft günstigere rechtliche Voraussetzungen. Mit dem Erreichten darf sie sich aber nicht zufriedengeben: Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist noch nicht effizient genug. Weniger Bürokratie – mehr Personal in den Behörden. Und mehr Tempo bitte! Die Arbeitskräftelücken werden immer größer und schwächen das Land.
Wer sich nicht willkommen fühlt, bleibt weg
Was aber nützen alle Anstrengungen und wohlmeinende Demonstranten, wenn sich – zumindest dem Schein nach – die Fremdenfeindlichkeit festsetzt? So wird es immer schwieriger, qualifizierte Menschen anzulocken. Logisch, warum sollen sie dorthin gehen, wo sie sich nicht willkommen fühlen? Das deutsche Selbstverständnis, Magnet für Migranten aus aller Welt zu sein, ist überholt – es trifft wegen der guten Sozialleistungen allenfalls noch auf Armutsflüchtlinge zu.
Wenn nun Wirtschaftsführer wie die Chefs von Mercedes und Volkswagen, Ola Källenius und Oliver Blume, mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Bündnis für Demokratie und gegen Extremismus forcieren, setzen sie damit ein überfälliges Zeichen für Weltoffenheit und Toleranz. Gefragt ist die Offensive, bevor Rassismus und Ausgrenzung die Gesellschaft zersetzen und wichtige Regionen weniger attraktiv erscheinen lassen.
Lobbyisten agieren lieber im Verborgenen
Dass sich Unternehmensführer politisch einmischen, ist bisher eine große Seltenheit. Ein Grund ist das dogmatische Verständnis einer sauberen Trennung des Ökonomischen vom Politischen – ein anderer die Furcht vor konkreten Nachteilen. Gerade international erfahrene Vorstände bemühen sich, ihre Geschäftsinteressen diplomatisch zu ummanteln – Lobbyisten agieren lieber im Verborgenen. Wer offen aneckt, so die Sorge, hat weniger Einfluss bei den Regierenden. Als lautstarke Interessenvertreter wurden bisher die Verbände vorgeschickt. Diese Praxis führt aktuell zu einem Mangel an politischer Sprechfähigkeit.
Dass nun erste Topmanager mit dem Tabu brechen, deutet auf einen riesigen Druck hin. Ärger und Verunsicherung, ausgelöst durch die Ampelregierung, mischt sich mit einer sukzessive aufgebauten Distanzierung vom Industriestandort. Zu hohe Löhne und Infrastrukturkosten, eine vermeintlich wirtschaftsfeindliche Politik mit immer neuen Auflagen, der enorme Bürokratieaufwand – da hat sich im Schatten des jahrelangen Aufschwungs viel Unmut angesammelt.
Wenn das ganze System infrage gestellt wird
Nun aber ist Dauerkrise. Da bewegen sich die Wirtschaftsvertreter auf einem schmalen Grat zwischen Fundamentalkritik an der Politik und dem Schüren von Zukunftsängsten. Sie sollten nicht vergessen: Extremisten wenden sich nicht nur gegen bestimmte Entscheidungen – sie stellen gleich das ganze System infrage. Antiliberalismus und ein Hang zu autokratischer Politik gefährden die soziale Marktwirtschaft, einen Grundpfeiler des wirtschaftlichen Erfolgs.
Zudem ordnet sich die Welt neu: Konkurrierende Systeme geraten in schwere Konflikte miteinander. Das ist Gift für die deutsche Wirtschaft, die wie keine andere global so vernetzt ist. Da müssen Unternehmen über den eigenen Horizont hinaus statt nur auf die eigenen Bilanzen schauen. Sie müssen ihre Verantwortung als gestaltende Kräfte annehmen und öfter Flagge zeigen.