Wirtschaftsförderer „Wir müssen Geflüchtete in den Arbeitsmarkt integrieren“
Auf Michael Kaiser, den neuen Chef der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, kommen spannende und herausfordernde Jahre zu. Dennoch blickt er optimistisch in die Zukunft.
Auf Michael Kaiser, den neuen Chef der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, kommen spannende und herausfordernde Jahre zu. Dennoch blickt er optimistisch in die Zukunft.
Seit der Gründung vor mehr als 25 Jahren hatte Walter Rogg die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) geleitet. Nun ist er im Ruhestand. Bei der Suche nach Roggs Nachfolger ist die WRS in Karlsruhe fündig geworden: Seit Anfang August ist der 49-jährige Michael Kaiser neuer WRS-Chef. Leicht wird die Aufgabe für ihn nicht. Das wird im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich.
Herr Kaiser, Sie kennen Karlsruhe aus Ihrer Westentasche. Nun haben Sie auch erste Eindrücke in Stuttgart sammeln dürfen. Was hat Karlsruhe, was Stuttgart (noch) nicht hat?
Lassen Sie mich mit dem Verbindenden beginnen: Beide Regionen sind lebenswert, haben hohe Wirtschaftskraft und bisher alle Krisen gut gemeistert. Natürlich sind sie unterschiedlich ausgerichtet: Der Schwerpunkt in der Region Stuttgart liegt auf dem produzierenden Bereich. Karlsruhe wiederum ist – auch wegen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) – stark in der Informations- und Kommunikationstechnik.
Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Ich sehe darin vor allem Chancen. Das Konkurrenzdenken der Regionen sollte ohnehin der Vergangenheit angehören. Heute müssen wir versuchen, die Regionen zu verbinden. Wir müssen schauen, wie wir zusammen Synergien heben können. Da bietet sich die Zusammenarbeit zwischen den starken Technologieregionen Stuttgart und Karlsruhe ja geradezu an. Unser Ziel muss es sein, unsere Potenziale im Innovationsbereich zu multiplizieren.
Das muss doch aber auch kommuniziert werden?
Ja, da gibt es leider durchaus auch noch eine andere Parallele zwischen Karlsruhe und der Region Stuttgart: Trotz unglaublicher Kompetenzen und Innovationen, die es bei uns in Baden-Württemberg gibt, verkaufen sich beide Regionen bisher einfach zu schlecht nach außen. Da sehe ich uns mit in der Verantwortung, das zu ändern.
Wo gibt es denn Ansatzpunkte für Ihre zukünftige Arbeit?
Ich sehe Potenzial beim Thema Gründungen. Es gibt viele Initiativen, die sich um das Thema kümmern. Aber es fehlt ein Gesamtkonzept, wie wir als Start-up-Region neue Ideen und neue Geschäftsfelder – und somit Zukunftstechnologien – etablieren können. Wollen wir von den Kompetenzen etwa der Universitätsabgänger profitieren, müssen wir Gründungen stärker ganzheitlich unterstützen. Dabei geht es unter anderem um inhaltliche Hilfestellung, um Raumangebote, Netzwerke und Finanzierung.
Sie treten in schwierigen Zeiten an. Die Transformation der Wirtschaft verunsichert viele Menschen. Haben Sie den Eindruck, dass die Unternehmen der Region die Dimension des Wandels erkannt haben?
Ich glaube, angekommen ist das schon. Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass leider noch nicht alle die richtigen Schlüsse daraus ziehen. In manchen Unternehmen herrschen noch immer die Vorstellungen der Old Economy vor. Auch wenn es momentan noch gut läuft, warne ich davor zu glauben, es werde schon irgendwie weitergehen. Wir dürfen nicht auf alte Modelle setzen, sondern müssen die Transformation aktiv angehen. Die Unternehmen müssen sich digitalisieren, sie müssen sich an den Arbeitsmarkt anpassen und nach außen als attraktiver Arbeitgeber strahlen. Sie müssen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit in ihren Unternehmen implementieren.
Welche Rolle kann dabei der neue Wirtschaftsförderer übernehmen?
Wir als WRS können Potenziale und gute Beispiele zeigen, um den Transformations- und Innovationsprozess greifbar und verstehbar zu machen. Was sind neue Erkenntnisse aus Forschung und Entwicklung? Was sind neue Erkenntnisse am Markt und aus den Hochschulen? Dieses Wissen müssen wir vor allem in die kleineren und mittelständischen Unternehmen tragen. Gerade sie brauchen Impulse. Ich glaube, Wirtschaftsförderung muss immer da sein, wenn es darum geht, Menschen und Kompetenzen zusammenzubringen.
Sehen Sie die Dominanz des Automotive-Bereichs in Stuttgart als eine Gefahr?
Zuerst einmal ist es doch ein großes Glück, dass wir eine Branche hier in der Region haben, die so stark in der Welt verankert ist, viele Menschen in Lohn und Brot bringt und zum Wohlstand der Region maßgeblich beiträgt sowie ein hohes Innovationspotenzial hat. Zwar erwirtschaftet der Automotive-Bereich 70 Prozent des Umsatzes des produzierenden Gewerbes. Es ist aber auch so, dass mittlerweile die Dienstleistungsbranche deutlich größer ist als das produzierende Gewerbe.
Aber es besteht doch Handlungsbedarf?
Natürlich ist es wichtig, dass sich eine Region in mehreren Kompetenzfeldern gut aufstellt, um resilient und krisensicher zu sein. Ich glaube, da sind wir in der Region Stuttgart sehr gewillt und auch dran, neue Geschäftsfelder zu erschließen: Wir sind im Bereich Quanten unterwegs, in der KI, den Lifesciences, der Kreativwirtschaft, und wir versuchen, das ganze Thema Mobilität neu zu denken. Und wir haben nach wie vor beste Chancen, auch zukünftig global Anbieter für hervorragende Technologien zu sein.
Allerdings gibt es gerade auch in der Region Stuttgart limitierende Faktoren. Wie soll es gelingen, jene 250 000 Arbeitskräfte zu ersetzen, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen?
Der Arbeitsmarkt ist ja in Gesamtdeutschland eine Herausforderung. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir ohne Zuwanderung keine Lösungskonzepte hier, aber auch in Gesamtdeutschland finden werden. Natürlich können wir versuchen, Teilzeitkräfte vom längeren Arbeiten zu überzeugen und Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen, die diesem bisher fernstanden. Aber das allein wird die Situation nicht lösen.
Denken Sie dabei auch an Geflüchtete?
Ja, in jedem Fall. Zum einen müssen wir natürlich schauen, wie wir gezielt Menschen motivieren können, nach Deutschland zum Arbeiten zu kommen. Für mich ist es aber auch ein echtes Herzensthema, wie wir Geflüchtete, egal, woher sie nun kommen, in den Arbeitsmarkt bei uns integrieren können. Denn viele von ihnen wollen ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten. Ist es wirklich der richtige Weg, Menschen, die hier eine Ausbildung gemacht haben, aus Deutschland zu verweisen, bloß weil sie keinen Aufenthaltstitel mehr haben? Zudem kann Arbeit einen positiven Beitrag zur gesellschaftlichen Integration leisten. Dafür müssen jedoch die bürokratischen Prozesse reduziert werden.
Ein weiteres Problem ist der Flächenmangel in der Region. Haben Sie dafür Lösungen parat?
Zum einen ist das Thema Nachverdichtung wichtig. Ich glaube aber auch, dass wir beim Transformationsprozess nicht umhinkommen werden, zumindest eine Zeit lang auch grüne Flächen zu nutzen. Zudem brauchen wachsende und neue Unternehmen Möglichkeiten, um sich entwickeln zu können. Das Gleiche gilt für das Thema Wohnen. Wenn wir weiter auf Wirtschaftswachstum setzen wollen, heißt das auch beim Wohnen Wachstum. Deshalb bin ich für die Nutzung neuer Flächen, aber mit großem Bedacht.
Karriere
Michael Kaiser ist seit dem 1. August Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS). Davor war der gelernte Industriekaufmann und Diplom-Geograf 13 Jahre lang Direktor der Wirtschaftsförderung der Stadt Karlsruhe und Vorstandsvorsitzender der Wirtschaftsstiftung Südwest sowie der Gesellschaft für Beratung und Beteiligungen. Er war geschäftsführender Vorstand des Vereins Cyberforum und Mitglied des Vorstands des Vereins Automotive.Engineering.Network.
Persönliches
Michael Kaiser ist 49 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.