Wissenschaftler in Stuttgart und Tübingen Hoffnung im Kampf gegen Keime

Von Regine Warth 

Erreger, die resistent gegen Antibiotika sind, nehmen zu. Forscher aus Stuttgart und Tübingen synthetisieren im Kampf gegen die Keine einen Wirkstoff aus dem Reich der Orchideen.

Eine Petrischale mit MRSA-Keimen Foto: dpa
Eine Petrischale mit MRSA-Keimen Foto: dpa

Stuttgart/Tübingen - An einer Lungenentzündung sterben? Das war vielleicht noch vor hundert Jahren üblich. Aber heute gibt’s doch Antibiotika. So oder so ähnlich denken viele – und irren sich doch: Denn für manche Formen dieser bakteriellen Infektionen stehen kaum noch wirksame Antibiotika zur Verfügung. Nach Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben pro Jahr weltweit rund 700 000 Menschen, weil Antibiotika versagen. Immer mehr Bakterienstämme werden resistent, sprich: Weder Standard- noch Reserveantibiotika können ihnen noch etwas anhaben.

MRSA-Keime sind für viele schwerwiegende Krankheiten verantwortlich

Mikrobiologen warnen daher schon seit einigen Jahren, mehr in die Forschung zu investieren, um neuartige Antibiotika auf den Markt zu bringen. Und tatsächlich haben Forscher der Universitäten Stuttgart und Tübingen nun einen Wirkstoffkandidaten gefunden: Sie haben die Wirksamkeit einer neuartigen Antibiotikaklasse nachgewiesen, die insbesondere gegen den Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) helfen soll. Dieser ist ebenfalls für schwerwiegende Krankheiten bis hin zu Lungenentzündung und Blutvergiftung verantwortlich. Die Arbeit wurde in dem Journal „Angewandte Chemie“ veröffentlicht.

Der Wirkstoff stammt ursprünglich aus einer Orchideenart

Ursprünglich stammt der Wirkstoff aus einer Orchideenart, der Clusia rosea – auch bekannt als Balsamapfel –, die in Südasien, aber auch in Zentralamerika wächst. Den Forschern ist es jetzt gelungen, diesen Wirkstoff nachzubauen und chemisch so weit zu verändern, dass seine Wirkung auf MRSA-Keime weiter verstärkt wird.

Dass Forscher auf der Suche nach neuartigen Arzneimitteln immer mehr Wälder und Savannen durchforsten, um auf Pflanzen, Pilze und Bakterienstämme zu stoßen, die sich als geeignete Bausteine für neue Antibiotikasorten erweisen, ist durchaus üblich: „Die moderne Forschung orientiert sich häufig beispielsweise an der generationenübergreifende Erfahrung von Naturvölkern, wie diese ihre Erkrankungen kurieren“, sagt Professor Bernd Plietker vom Institut für organische Chemie der Uni Stuttgart.

Unklar ist, wie gut der Wirkstoff beim Menschen wirkt

Ähnlich war es auch beim Balsamapfel. Dass dieser antibiotisch wirkt, war schon länger bekannt. „Wir wussten nur nicht, auf welche Weise und wie wir die Wirkung verbessern können.“ Mit seinem Tübinger Kollegen Friedrich Götz und dessen Team ist es Plietker und seinen Mitarbeitern gelungen, diese Wirkstoffklasse der sogenannten polyzyklischen polyprenylierten Acylphloroglucine (PPAP) in nur wenigen Schritten im Labor zu synthetisieren. Sie modifizierten auch die Struktur und konnten so die Wirkung gegenüber den MRSA-Keimen deutlich steigern – und das bei moderater Toxizität gegenüber menschlichen Zellen. Unklar ist aber noch, wie gut der Wirkstoff beim lebenden Menschen wirkt. Dazu braucht es weitere Studien.

Im Klinikalltag versucht man derweil, den Kampf gegen Keime zu vermeiden: Ärzte setzen daher auf einen besseren Umgang mit dem Arzneimittel: So sollen Antibiotika nur sparsam und gezielt eingesetzt werden und nicht etwa flächendeckend zur Vorbeugung in der Viehzucht. Patienten wird geraten, Antibiotika wie verordnet bis zum Schluss zu nehmen, um bei einer Krankheit wirklich alle schädlichen Bakterien abzutöten.