Die Bewohner des oberhalb des auf einer Stuttgarter Halbhöhe gelegenen Hauses konnten sich so einen Wunsch erfüllen, ihr Zuhause wurde überdies von einer Jury für „100 deutsche Häuser“ ausgewählt, für den Holzbaupreis Baden-Württemberg nominiert und in Fachmagazinen vorgestellt.
Das Haus grenzt an einen Wald, ist am Hang gelegen, rundum Schrebergärten, höchstens mal ein Hüttchen, das war’s. Beim Blick aus dem Fenster beobachten sie Eichhörnchen auf dem Baum, manchmal schnürt schon mal ein Fuchs durch den Garten, mit Beute im Maul. Natur eben, grausig nur für Menschenverstand.
Blicke ins Grüne, auf Obstbäume, Sträucher, Blumen, eine Wiese erlaubt dieses von Lohrmann Architekten aus Stuttgart entworfene, in Holzständerbauweise gebaute Haus für Familie mit drei Kindern von fast jeder Seite. Holger Lohrmann: „Wie Bilderrahmen erlauben die Fenster Blicke auf Kirschbäume und Rehe auf der Wiese.“ Große Fensterfronten mit Sitznischen laden dazu ein, einfach nur dazusitzen, dazuliegen, zu schauen.
Mut und Fantasie war gefragt
Bis es so weit war, haben die Bauherren Fantasie und Mut aufbringen müssen. „Wir haben das Grundstück im Internet gefunden“, berichtet die Bauherrin (die, wie sie sagt, sehr glücklich mit dem Haus ist, aber namentlich nur den Architekten genannt wissen möchte). Die vermittelnde Immobilien-Dame habe ihr recht unwirsch die Adresse genannt.
Offenbar hatte schon halb Stuttgart das an einem Hang liegende Grundstück mit bruchreifem Haus angeschaut. Für alle Interessenten waren allerdings die vielen Unklarheiten in Bezug auf die Bebaubarkeit des Grundstücks (unklare Lage der Wasserleitungen, kein direkter Zugang von oben zum Grundstück, naturgeschütztes Biotop auf dem Grundstück, langer, steiler, nicht befahrbarer Weg durch den Garten zum Baufenster, unklare Fliegerbombeneinschläge auf dem Grundstück) zu schwerwiegend, sodass sich keiner an den Kauf des Grundstücks wagen wollte. „Wir haben uns das Grundstück angeschaut“, sagt die Bauherrin, „und ich habe gefühlt: Das könnte unser Platz werden.“
Das Haus sollte schlicht und schnörkellos sein
Und auch wenn klar war, das alte Haus darf umgebaut und bewohnt werden, so ganz sicher, wie das machbar ist, waren die Bauherren erst mal nicht. Nur wie sie wohnen wollten, das wussten sie: „Wir mögen Holz, wir mögen es schlicht und schnörkellos, das Haus soll in die Umgebung passen und nicht protzig sein.“ Als sie sich umsahen, wer ihnen solch ein Haus bauen könnte, stießen sie auf Lohrmann Architekten und deren eigenes, am Hang liegendes Haus. Ein Glücksgriff für beide, sagen Bauherren und Architekten über ihre Zusammenarbeit.
Das unter anderem von der Architektenkammer Baden-Württemberg für Beispielhaftes Bauen ausgezeichnete Gebäude ist an einem zehn Meter breiten, 100 Meter langen Hang im Stuttgarter Westen gebaut. Es durfte gerade mal fünf Meter Breite messen. Jedes Stockwerk der vier Ebenen ist offen. Holger Lohrmann: „Wir haben Funktionszonen eingebaut, etwa mit einer eingezogenen Wand, die das Bad vom Schlafraum trennt. Durch die Offenheit ergeben sich schöne Lufträume.“ Sie verleihen dem Gebäude lichte Großzügigkeit.
Auch die Bauherren im Stuttgarter Osten wünschten sich ein nachhaltiges, offenes Wohnkonzept. Holger Lohrmann: „Alle Materialien sind natürlich, unbehandelt.“ Damit die Bauherren sich ein Bild machen konnten, stellten Holger Lohrmann und Stefanie Larson, beruflich und privat seine Partnerin, Moodboards zusammen. „Bilder und Beispiele von Materialien, die verwendet werden könnten“, wie Stefanie Larson sagt.
Große Fenster machen die Räume hell
Die Architekten machten Vorschläge, Alt und Neu zu kombinieren. Stefanie Larson: „Uns ist der klangvolle Name einer Marke weniger wichtig als ein Mix aus Neuem und handwerklich gut gemachten alten Materialien.“ Seien das 300 Jahre alte Dielen oder Zementfliesen mit guter Patina. Oder ein Vintage-Waschbecken, das sich gut zu schlichten neuen Fliesen macht.
Das zeigt sich beim Rundgang durch das in etwa einjähriger Bauzeit entstandene Haus mit 147 Quadratmeter Wohnfläche und Fußbodenheizung unterm Estrich. Im Erdgeschoss wird gekocht und gelebt, die großen Fenster machen die Räume hell. Eine Küchenwand zoniert den Raum. Holz, Glas und Beton bilden eine Einheit, die Ruhe und Gemütlichkeit ausstrahlt. Die Treppe führt hinauf in den mit unbehandelter Weißtanne ausgekleideten Rückzugsraum für die Erwachsenen.
Douglasien-Ummantelung für die Feuertreppe
Das Dach ist mit Biberschwanzziegeln gedeckt, der Aufbau aus rau belassener Douglasie ruht auf dem alten Fundament. Der Steinsockel wurde mit haptisch reizvollem Kellenwurf-Putz versehen. Holger Lohrmann: „Die Grundidee für das Haus war die, dass sich das Haus wie eine große Schwester zu den nachbarlichen Holzbauten verhält. Wir haben uns an der ländlichen Form der Holzscheune orientiert. Wir haben uns beim Entwurf oft gefragt, wie würde es der Bauer machen, und sind so auf einfache Lösungen gekommen.“ Zum Beispiel im unteren Geschoss, dem Reich für die Kinder. Hier lässt sich ein hölzerner Sonnenschutz vor den Terrassentüren wie ein Scheunentor zuschieben.
Allerdings: eine Scheune mit Fluchttreppe? So etwas sieht man nicht auf dem Land. Das Haus brauchte jedoch aus Brandschutzgründen eine. „Was es aber gibt auf dem Land, sind Silos“, sagt Holger Lohrmann. Kreisrunde Behälter, die wie Wachtürme in der Landschaft stehen. Und so bekam die Spindeltreppe eine Douglasien-Ummantelung. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass das Haus nun fast skulptural wirkt.
Abgesehen davon ist das Haus natürlich alles, nur keine Bauernscheune. Die Hausherrin bringt es auf den Punkt: „Jetzt wohnen wir in einem Haus, das ins landschaftliche Bild passt.“ Mitten in der Natur, mitten in der Stadt.
Dieser Text erschien erstmals am 10.01.2020.