Und so sieht er in Wirklichkeit aus. Ein Eichhörnchen huscht über die Straße, ein Specht klopft, ansonsten – Ruhe auf einem der schönsten Hügel Stuttgarts. Neben alten und neuen Villen finden sich auf dem Bopser sogar noch manche Nachkriegshäuschen. In einem davon wohnt das Architekten-Ehepaar Petra und Stefan Behnisch.
Gekauft haben sie es kurz vor der Jahrtausendwende. „Noch zu D-Mark-Zeiten“, wie Stefan Behnisch sagt. Aus heutiger Sicht sei das Haus damals erschwinglich, aber auch in schlechtem Zustand gewesen. Das Gebäude ist im Jahr 1957 als kleines Wohnhaus in einem ehemaligen Weinberg entstanden und wurde drei- bis viermal umgebaut. „Wir haben einiges renoviert“, sagt Petra Behnisch. „Was wir uns eben gerade leisten konnten“, ergänzt Stefan Behnisch. Irgendwann standen sie aber vor der Frage: Was tun? Die Entscheidung fiel fürs Rundumerneuern.
Ein Aufzug im Haus
Von einem 50er-Jahre-Mangelbau ist seit dem spektakulären Umbau nichts mehr zu sehen, von der Bescheidenheit der Zeit schon. Einerseits. Andererseits auch gar nicht. Es hängt davon ab, von welcher Seite aus man es anschaut. Von der oberen Straßenseite aus kommend hat man den Eindruck, das ist ein kleines, besonderes Haus mit den gehobelten Latten aus Gebirgslärche und dem dunkel glänzenden Dach.
Das kommt „dem Hang der Bauherren zum Unprätentiösen entgegen“, sagt die Architektin Katja Knaus von Yonder Architektur, die gemeinsam mit Benedikt Bosch den Neubau verantwortet. Der Blick von der unteren Seite aufs Haus hingegen vermittelt den Eindruck eines sehr großen Gebäudes, was es tatsächlich ist mit 16 Meter Länge und 280 Quadratmeter Wohnfläche.
Um zum Eingang zu kommen, geht man einige Stufen hinab, die längst nicht so steil sind wie die der alten Sandsteintreppe. Ein Steg, der einen Blick auf Stuttgarts Kessel erlaubt, führt zur Haustür. So schön das Leben auf der oberen Halbhöhe ist, bequem ist es nicht. Treppen allerdings müssen die Bauherren im Haus nur noch benützen, wenn sie mögen. Ein hinter Einbaumöbeln aus Eichenholz verborgener Aufzug verbindet die Geschosse vom Keller bis zum Dach.
Ein Energieplus-Haus mit Photovoltaikschindeln
Die messingfarben gestrichene Aufzugstür wird bewacht von einem kleinen grün-blau-gelb-orangefarbenen Dackel. Kein Kirmesplüsch, sondern ein Designtier namens „Waldi“. Otl Aicher – Begründer der als Bauhaus-Nachfolger geltendenden Hochschule für Gestaltung in Ulm – entwarf für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München das visuelle Erscheinungsbild. Und da entstand als Maskottchen der Hund.
Man darf dies auch als Referenz an die Arbeit von Stefan Behnischs Vater verstehen. Günter Behnisch hatte das Olympiastadion für die Olympischen Spiele geplant. Das Stadion mit der Zeltdachkonstruktion von Frei Otto gilt als einer der wichtigsten Nachkriegsbauten.
Die Liebe zur Innovation zeigt sich bei den Behnischs auch im Haus B, etwa im konsequent verfolgten Anspruch, ein Energieplus-Haus zu bauen. Das Haus ist mit Holzfaser gedämmt, das Dach ist nicht mit Solarpaneelen zusätzlich über der Dachdeckung „bepflastert“, sondern Photovoltaikschindeln bilden das komplette Dach. „Wir haben lange dafür recherchiert: Die PV-Schindeln sollten voll in die Dachfläche integriert sein und nicht als gesondertes Bauteil in Erscheinung treten“, sagt Katja Knaus.
Nachhaltigkeit ist den Bauherren wichtig
Das Büro Behnisch mit Standorten in Stuttgart, München und Boston engagiert sich für Nachhaltigkeit. Das private Haus des Architekten soll ein entsprechendes Statement sein. Auch wenn es höhere Kosten verursacht. „Das Dach hätten wir ohnehin neu machen müssen, das war nicht so viel teurer“, sagt Stefan Behnisch. „Ob sich das trägt, ist nicht die Überlegung. Das gute Gefühl kann man nicht in Geld umrechnen.“
„Eine Wärmepumpe und in 90 Meter Tiefe gebohrte Geothermiesonden heizen und kühlen, dabei funktionieren Fußböden und Decken als Heiz- und Kühlflächen“, sagt Benedikt Bosch. Neben dem Hauseingang befindet sich die Elektrotankstelle für Tesla und Co. Bosch: „Das Haus ist so gut wie energieautark.“ Was an Energie übrig ist, wird ins Netz eingespeist.
Was dieses Krafthaus auch besonders macht, ist das, was nicht im Haus ist: die Lage. Die neue Dachterrasse inszeniert die Aussicht, der Wohnbereich gibt auf voll verglaster Breite den Blick frei auf die Stadt. Salopp gesagt – ein Hammer.
„Man gewöhnt sich wirklich nicht daran. Ich freue mich jeden Tag neu“, sagt Petra Behnisch „Es entsteht immer wieder ein anderes Bild; je nach Wetter und Licht ergibt sich eine andere Stimmung.“ Die Etage bildet das Zentrum des Hauses. Die Dezenz, die das Haus außen ausstrahlt, setzt sich im Inneren fort, viel Holz, viel Licht, viel Klarheit, eingerichtet mit Designklassikern und mit Kunst an den Wänden.
Toller Ausblick auf die Stadt
Zuvor befand sich bei niedriger Raumhöhe auch das Elternschlafzimmer im Erdgeschoss. Die Wand wurde entfernt und Dach- und Erdgeschoss wurden in Teilen abgetragen; der nun größere Raum ist mit drei Meter hohen Wänden auch deutlich luftiger. Die Architektin Katja Knaus erzählt dies neben ihrem Auftraggeber sitzend. Auf die Frage, warum Architekten nicht ihr eigenes Haus umbauen, sagt Stefan Behnisch: „Das ist wie mit dem Schuster, der seine eigenen Schuhe machen soll.“
Zudem wussten die Behnischs, wen sie engagierten. Benedikt Bosch und Katja Knaus hatten im Büro Behnisch gearbeitet, bevor sie sich selbstständig machten und den Hausumbau als erstes großes Projekt annahmen. „Eine tolle Aufgabe“, sagt Katja Knaus. „Hätten wir es selbst gemacht, wäre es nicht so gut geworden“, sagt Stefan Behnisch. Das ist für einen Mann aus Schwaben ein großes Lob. Mehrere Architekturpreise sprechen auch davon.
In der Planungsphase hatten sich Bauherren und Architekten allenfalls über das Bauamt geärgert. „Alles, was den Bebauungsplan frei interpretiert, wird schwierig“, sagt Katja Knaus. Stefan Behnisch: „Aber Satteldachhäuser wie bei Monopoly – kein Problem! Man versteht, warum alles so aussieht, wie es aussieht: weil es schneller geht.“ Petra Behnisch drückt es diplomatisch aus: „Man muss als Architekt einen langen Atem haben, um die guten Pläne durchzusetzen.“ Bei Haus B hat es sich gelohnt.