Wohnen im Stuttgarter Eiernest Eine Stuttgarter Familie lebt zu fünft auf 56 Quadratmetern
Schon früher wohnten kinderreiche Familien in Siedlungen wie dem Eiernest in Stuttgart auf engstem Raum zusammen. Geht das auch heute noch? Ein Besuch.
Schon früher wohnten kinderreiche Familien in Siedlungen wie dem Eiernest in Stuttgart auf engstem Raum zusammen. Geht das auch heute noch? Ein Besuch.
56 geteilt durch 5 ergibt 11,2. Eine Aufgabe, die der siebenjährige Jaro und der sechsjährige Milo in der zweiten beziehungsweise ersten Klasse der Lerchenrainschule noch nicht zu lösen gelernt haben. Dass das Häuschen, in dem sie leben, klein ist, wissen sie indes schon.
„Ich reiße das Bad ab und dann haben wir endlich zwei getrennte Kinderzimmer“, sagt Milo, der zuvor in aller Eintracht zusammen mit seinem älteren Bruder Jaro extra für den Besuch von der Zeitung eine fulminante Legolandschaft im gemeinsamen Kinderzimmer gebaut hat – das im Übrigen das größte Zimmer im Haus ist.
56 Quadratmeter misst die Grundfläche dieses Häuschens im Eiernest – mit Freisitz, wie die Terrasse im Mietvertrag genannt wird, sind es 60. Somit stehen jedem Mitglied der Familie D. – zu der neben Enny auch ihr Mann M., und neben Jaro und Milo auch der zweijährige Nuri gehören – theoretisch 11,2 Quadratmeter Wohnfläche zu. Zum Vergleich: Im Jahr 2022 betrug die durchschnittliche Pro-Kopf-Wohnfläche in Deutschland 47,4 Quadratmeter. „Mehr Quadratmeter machen aber nicht automatisch glücklich“, sagt Enny D.
Der kleine Nuri kommt mit seinem Roller vom Garten hinter dem Haus in den Vorgarten gerollt und lacht stolz. Sein Bruder Jaro sitzt auf der Fensterbank und baumelt mit den Beinen, Milo fährt auf seinem Roller und in den roten und ihm viel zu großen Gummistiefeln seiner Mutter die Straße entlang – bis zur nächsten Parkuhr darf er.
Glücklich ist die Familie seit ihrem Einzug in das kleine Haus im Eiernest, das ein bisschen wirkt wie Bullerbü. „Das Buch haben wir“, sagt Jaro, springt von der Fensterbank und läuft ins Haus.
Im Jahr 2016 kauften sie letzteres der Städtischen Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) ab. Dies wäre in früheren Jahren nicht möglich gewesen, denn die inzwischen denkmalgeschützten Häuser im Eiernest wurden von Anbeginn an ausschließlich vermietet.
Die Siedlung, die ihren Namen vom gleichnamigen Gewann am Rande des Stuttgarter Talkessels hat, entstand von 1927 an im Rahmen eines Notstandsprogramms für den Wohnungsbau. Städtische Arbeiter und Angestellte sollten in insgesamt 176 Häusern unterkommen.
Das Hochbauamt orientierte sich beim Bau am damals weit verbreiteten Ideal der Gartenstadt. Schlicht, einheitlich, mit Satteldach und kleinen Gärtchen versehen sollten die Gebäude sein. An luxuriösen Wohnraum war dabei selbst für damalige Verhältnisse nicht zu denken: Die Häuschen, die sich seit 1987 im Bestand der SWSG befinden, weisen lediglich eine Fläche von 60 oder 74 Quadratmeter auf. Tiny Houses sind also keine neue Erfindung.
Kurz nach der Jahrtausendwende hat die SWSG begonnen, die Häuschen zu verkaufen. Unter strengen Auflagen. Sie veräußern die Häuser nur an Familien mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren, die eine gewisse Einkommensgrenze nicht überschreiten, Eigenmittel von nicht weniger als 15 Prozent vom Kaufpreis und höchstens 65 000 Euro vorweisen können und bereits dauerhaft in Stuttgart wohnen oder arbeiten.
Enny D. war erst gegen den Kauf. Eine Freundin, die damals schon in der Siedlung wohnte, drängte die damals mit dem ersten Kind schwangere Enny D. aber, sich um ein Haus zu bewerben. Eigentlich nur ihr zum Gefallen, meldete sich die Familie bei der SWSG – und erhielt nach zwei Tagen eine Zusage. Enny D.s Reaktion war erst einmal „Oh Mist’“.
Die Kinderkrankenschwester und ihr Mann, der damals noch studierte, fingen dann erst an, sich um die Fördermittel zu kümmern. Keine einfache Angelegenheit, aber schließlich erhielten sie einen Förderkredit für junge Familien mit wenig Einkommen sowie einen Baukostenzuschuss von der Stadt Stuttgart. Der Kaufpreis lag damals bei 141 000 Euro – derzeit stehen fünf gleichgroße Häuser im Eiernest für zwischen 261 000 und 326 000 Euro zum Verkauf.
Es dauerte nach dem Kauf 2016 aber noch eine ganze Weile, bis die Familie das Haus nach der Renovierung beziehen konnte. Enny D. war da bereits mit dem zweiten Kind schwanger. Zuvor hatten sie und ihr Mann mit viel Eigeninitiative das Häuschen renoviert, optimiert und verschönert.
Das hat gut funktioniert. Das Haus ist freilich nach wie vor klein, aber es wirkt licht und freundlich, wohnlich und gemütlich. Klein heißt hier auch kuschelig: Hier fühlt man sich geborgen. In den Räumen wird gelebt, sie sind keine Präsentationsfläche wie in vielen anderen Häusern. Und das ist gut so.
Die hölzernen Türen wurden weiß gestrichen, damit die Zimmer mit den kleinen Fenstern heller wirken, im Obergeschoss wurden Einbauschränke unter die Dachschräge gebaut, um Stauraum zu schaffen und vor die Kellertüre in der Küche ließen sie in Maßanfertigung vom Schreiner einen großen Wandschrank inklusive Backofen bauen, der auf Rollen aufliegt und sich wie eine Geheimtüre zur Seite schieben lässt. Ja, Platz ist ein Thema im Eiernest.
Bevor Enny D. mit dem dritten Kind schwanger wurde, überlegten sie und ihr Mann sich sehr genau, ob sie es mit drei Kindern schaffen könnten in dem Haus. Früher haben in den Häuschen oft Familien mit zehn oder zwölf Kindern gelebt.
Enny D. ist sich jedoch nicht sicher, ob sie, wenn die Jungs größer sind, weiter in ihrem Haus wohnen bleiben können. „Der große Wunsch ist aber, es zumindest zu behalten“, sagt sie. Einige Familien im Eiernest zögen mit ihren halbwüchsigen Kindern einige Jahre in eine Mietwohnung, vermieteten derweil das Haus im Eiernest – und kämen wieder, wenn die Kinder aus dem Haus sind.
„Das ist natürlich auch ein toller Alterssitz“, sagt Enny D. Aber die steile Treppe, auf der nach Aussage der Hausherrin in der Siedlung schon einige Menschen zu Tode gekommen sein sollen? „Meine Nachbarin von gegenüber ist fast Hundert und hat sich einen Treppenlift und einen Wannenheber einbauen lassen“, sagt Enny D.
„Ich muss dir was sagen, Mama, nämlich dass das Klo wieder verstopft ist“, sagt Milo, nachdem er aus dem Bad kommt, das er eben noch abreißen wollte. Er hüpft die steile Treppe hinab in das Erdgeschoss, in dem sich die Küche, das Wohnzimmer und das elterliche Schlafzimmer befindet, in dem auch der kleine Nuri schläft.
„Wir hatten in den drei Räumen aber schon alle Konstellationen“, sagt Enny D. und verweist auf die Lampe in Form eines Fliegers, die im Wohnzimmer von der Decke baumelt. „Das war früher das Jungszimmer, als sie noch nicht alleine oben schlafen wollten. Jetzt überlegen mein Mann und ich gerade, ob wir nicht im Wohnzimmer schlafen sollen, damit die Jungs getrennte Zimmer hätten.“
Denn tatsächlich seien Jaro und Milo so unterschiedlich, dass dieser Wunsch früher bei ihnen aufgetreten sei, als Enny D. es erwartet hatte. „Man muss hier flexibel sein und sich an die aktuellen Bedürfnisse anpassen.“ Für später sei es eventuell auch eine Option, ein Wohnfass im Garten aufzustellen – als Elternschlafzimmer.
Trotz dieser Probleme liebt die Familie ihr Leben im Eiernest. „Meine Tante hat uns einmal angeboten, mit ihr ihr 160 Quadratmeter großes Haus mit Garten zu tauschen. Aber keiner will hier weg.“ Zumal alles nahe ist: die Lerchenrainschule, die Kita, der Kinderladen, eine Eltern-Kind-Initiative, die in der ehemaligen zentrale Waschküche der Siedlung angesiedelt ist. Hier waren früher Tröge und eine Überdachung, um die Wäsche zum Trocknen aufzuhängen.
Für die Kinder ist das Eiernest ein Paradies. „Die Jungs sind den halben Tag draußen, sie packen ihren Leiterwagen mit Getränken und Broten voll und gehen mit den Nachbarskinder in der Siedlung spielen“, sagt Enny D. Alle in der Nachbarschaft hätten einen Blick auf die Kinder.
Auch sonst helfe man sich, ihre drei Kinder essen bei den Nachbarskindern zu Abend – oder diese kommen zur Familie D. rüber – immer im Wechsel. „Das entlastet alle“, sagt Enny D. Nach der letzten Schwangerschaft sei sie recht schwer erkrankt – nur mit der Hilfe aus der Nachbarschaft habe ich es mit drei Kindern trotzdem geschafft, mal kam eine Nachbarin zum Aufräumen vorbei, oder mal stand einfach ein Blümchen vor der Tür.“
Man sagt, es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Das hat man im Eiernest. Zumal 11,2 mal 5 jede Menge Glück ergeben kann.