Böse Zungen behaupten, oben, auf der Gerlinger Höhe wohnen ausschließlich die Reichen, die auf den Rest der Bevölkerung – die Mehrheit – unten im Ort herabschauten. Die Darstellung ist so pauschal und verkürzt wie falsch. Heute wohl mehr noch als vor 40, 50 Jahren. Gleichwohl: Große Einfamilienhäuser, Villen auch, stehen immer noch inmitten großer Grundstücke, sie prägen nach wie vor ganze Straßenzüge. Und doch gibt es inzwischen eben auch die Mehrfamilienhäuser, die deutlich höher sind als die gewachsene Bebauung. Das Gebiet ist mit einer neuen Generation im Umbruch, es wandelt sich wie lange nicht.
Die Lage hat ihren Preis
Die Lage hatte und hat ihren Preis, der deutlich höher ist als andernorts in der Stadt. Evelyn Futterer weiß um die privilegierte Lage, in der gut ein Zehntel der Gerlinger Bevölkerung hier lebt. „Wir leben in der Natur und mit ihr“, sagt die Vorsitzende des Bürgervereins Schillerhöhe. Weil es zugleich am Rand des Naherholungsgebiet liege, plädiert sie auch weiterhin für eine lockere Bebauung. „Wenn es zugeklatscht ist, ist es nicht mehr schön“ sagt sie. Gleichwohl weiß sie, dass diese Diskussion nicht einzigartig ist, sondern vielerorts geführt wird. Die Frage sei, ob man es erhalten wolle, oder nicht.
So groß der Veränderungsdruck ist, so wenig hat sich in zwei anderen Punkten getan: Lärmschutz und Verkehrsanbindung sind nach wie vor aktuell. Beim Lärmschutz „hat sich wenig getan“, sagt Futterer, er sei immer ein Thema.
Eine Landesstraße begrenzt das Gebiet, dessen Bewohner häufig zur Landeshauptstadt hin orientiert sind. „Für die, die ein Auto haben, ist die Anbindung ohne Probleme“, sagt Futterer. Stuttgart und die Gerlinger Ortsmitte mit ihren weiterführenden Schulen und den öffentlichen Einrichtungen sind gleichermaßen gut erreichbar. Für Jugendliche aber ist die Anbindung des Wohngebiets an die Ortsmitte ein Problem. Sie wünschten sich mehr Möglichkeiten, so Futterer. Und sei es, Fahrräder im Bus transportieren zu dürfen.
Alte Forderungen bleiben, neue kommen hinzu
Vergleichsweise neu ist das Thema Anbindung ans Glasfasernetz. Auch für Sybille Baier ist dies von Bedeutung, sie betreibt die Postfiliale auf der Schillerhöhe. Fotografien und die Beschriftung an der Wand erzählen davon, dass sich in den Räumen einst ein Lebensmittelgeschäft befand, Baier führte es in zweiter Generation. Der Laden sei einer von insgesamt fünf Märkten gewesen, die es auf der Höhe gegeben habe. Sie hatten alle ihre Kunden. Doch irgendwann blieben sie aus, Baier beschloss vor neun Jahren, den als Feinkostgeschäft gestarteten Laden aufzugeben. Damals war sie 67. Die Postfiliale behielt sie. Ebenso eine Bonbonniere mit Süßigkeiten. Sie ist die Anlaufstelle für die Menschen geblieben: für die Kinder, die mach der Schule kommen, auf die Eltern warten, derweil bei ihr etwas malen. Für die Mütter, die, den Kinderwagen schiebend, bewusst oder unbewusst vor dem Laden stehen bleiben. Und für Kinder und Erwachsene gleichermaßen, die reinschauen und nach „Süßis“ fragen. Natürlich dürfen sie sich bedienen. Sibylle Baier freut das, sie ist da, für alle Generationen. Manche Kinder von damals kämen heute mit ihrem eigenen Nachwuchs. Frau Baier kannte sie alle. Heute, sagt sie, sei der Wechsel im Gebiet größer. Die Mitarbeiter von Bosch oder auch Thales zögen weiter.
Neben Sybille Baier hat auch die evangelische Matthäuskirche Verlässliches. Gemeindehaus und Kirche sind neben der Waldschule – einer Grundschule – und dem Kinderhaus die einzigen öffentlichen Einrichtungen auf der Höhe. Die Schulmensa hat im Gemeindehaus ihren Platz. „Wenn die Kirchengemeinde feiert, ist das immer auch ein Stadtteilfest“, sagt die Pfarrerin Margrit Schmid. Die Gemeinde schaffe Begegnungsmöglichkeiten, nicht zuletzt mittels des überkonfessionellen Krankenpflegevereins unter dem Dach der Kirchengemeinde.
All das hat sich der Gastronom Max Dümke am 1. April 1928 nicht denken können, als er eine Gaststätte auf der unbebauten Höhe eröffnete. Er nannte sie „Kurhotel Schillerhöhe“. Die legendären Solituderennen wurden von 1925 bis 1931 auf einem Rundkurs ausgetragen, der direkt am Kurhotel vorbei führte. Erst später wurde sie ins Mahdental verlegt, wo Zigtausende im Juli das Solitude Revival verfolgten.
Nach der Eröffnung der Gaststätte wurde mehr und mehr gebaut auf der Gerlinger Höhe. Die Höhe war immer auch untergliedert in mehrere, separat sich entwickelnde Gebiete, Schillerhöhe und Waldsiedlung etwa, um zwei zu nennen.
Mehr Geld für die Stadtkasse
Die ersten Pläne für eine Waldsiedlung stammten von Studenten der Staatsbauschule, die unter Leitung des in Gerlingen lebenden Professors Ernst Speidel Modelle fertigten. Ihre Oktober 1958 stellten sie die Arbeiten öffentlich im Gemeinderat vor. Der Rat stimmte zu. Die Gründe des Rats für die Entscheidung seien vielfältig gewesen, sagt Klaus Hermann. Laut dem Leiter des Gerlinger Stadtarchivs zählte auch die „Beschaffung von Geld für öffentliche Bauten durch Bauplatz-Erlöse“ und der Bau von Schule und Kindergarten dazu. Gewerbesteuerzahler sollten angesiedelt werden, die Geld in die Stadtkasse bringen würden.
Gerlingen war arm, die Gerlinger Höhe unbebaut. Wenn mehrere Gewerbesteuerzahler zusammen hunderttausend Mark – rund 50 000 Euro – jährlich zusätzlich an Gewerbesteuer aufbrächten, so die Überlegung des Rats, sei das mehr, als der größte Betrieb damals in Gerlingen zahlte. Und der Wald, der dafür zu roden wäre, sei an dieser Stelle ohne besonderen Wert, so die Argumentation. Anfang der 1960er Jahre wurden die ersten Häuser bezogen.
Geblieben ist die Gerlinger Höhe als Wohnsitz für kleine und große Steuerzahler der Region. Die Gründerin der Bausparkasse Wüstenrot, Mathilde Planck, der Brauereichef Carl Dinkelacker, der einstige Ministerpräsident Lothar Späth, der Unternehmer und langjährige Chef des Laserspezialisten Trumpf, Berthold Leibinger, konnten hier privat bleiben. Die Aufzählung ließe sich bis in die Gegenwart fortführen.