Hier steht an einen Wald angrenzend ein Schwarzwaldhaus, aber ein einigermaßen futuristisch anmutendes aus Holz, Metall und Beton. Die Terrasse ragt weit nach vorne hinaus, das Dachstudio blickt kokett zur Seite, eine Art Vogelnest.
Wie bei alten Bauernhäusern kamen an der Fassade traditionell gespaltene Schindeln zum Einsatz, aber kein Strohdach, sondern eines aus Metall. „Wir haben uns von alten Schwarzwaldhäusern inspirieren lassen“, sagt der aus dem Schwarzwald stammende Architekt Johannes Kraus von Archipel Architekten in Wien. „Wir fanden, es wäre spannend, die Historie neu zu beleben.“
Holzschindeln an der Fassade und im Haus
Typisch für die alten Bauernhäuser ist ein an den Seiten weit herabgezogenes Krüppelwalmdach. Und auch bei diesem neuen Haus umfasst das Metall nicht nur das Dach, sondern knickt in die Fassade hinein. „Wir spielen gern mit Faltungen; damit, dass man die Dinge nicht sofort eindeutig der Fassade oder dem Dach zuordnet, sondern als Hülle begreift.“
Man kann alle Materialien haptisch spüren. Im Treppenhaus streicht die Hand über die Schindeln an der Wand. Es duftet nach Holz. Stahlbeton und Holz finden sich im Inneren des Hauses. Das kühle Rohe trifft auf das handwerklich Feine, minimalistisch und gemütlich.
„Wir leben eigentlich gern bescheiden, campen gerne“, sagt die Bauherrin Stella Jäckle, während sie Kaffeetassen aufs Tischchen neben dem Ecksofa stellt. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf das Piano und auf den Schwarzwald. Viel Licht wie beim Natururlaub haben die Jäckles hier, aber ihr Heim ist dann doch um einiges großzügiger als ein Zelt.
Nachhaltigkeit und Regionalität
Praktisch geschnitten führt vom Flur eine Tür direkt in einen Durchgangsraum, wo Vorräte untergebracht werden können. Von dort geht es weiter in die Küche mit Einbaumöbeln vom Schreiner und Pandomo-Zementboden. Eine Schiebetür öffnet direkt hinaus in den Kräuter- und Blumengarten.
Zu den Betonwänden bildet viel Eichenholz auf dem Boden und bei den Einbaumöbeln einen warmen Kontrast. Das Haus ist in Passivbauweise gebaut, Regionalität und Nachhaltigkeit sind den Bauherren und dem Architekten wichtig. Und auch der Stadt, die den Verkauf des Grundstücks mit entsprechenden Auflagen verband.
„Wir haben mit unseren Kindern in Hongkong gelebt, in Brüssel und dann lange Zeit in Düsseldorf“, sagt Stella Jäckle, „wollten aber immer zurück in die Heimat. Sie ist Freiburgerin, hat ihren Mann, der dort damals in Volkswirtschaft promovierte, kennengelernt, nachdem sie an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Musik, Bewegung und Tanz studiert hatte. Stella Jäckles fünf Geschwister leben in Freiburg. Ein Bruder sogar nur wenige Häuser weiter.
„Auf dem Grundstück sind wir als Kinder Schlitten gefahren“, sagt Stella Jäckle. Ebendieses Grundstück bot die Stadt in einem Bieterverfahren an. „Wir haben dann die ortsüblichen Grundstückspreise recherchiert und ein Angebot geschickt, das den Zuschlag erhielt.“ Das ist das, was man das Geschenk des Augenblicks nennt.
„Beim Notar erfuhren wir, dass wir bald bauen müssen, wir hatten aber keine Ahnung von Häusern und Hausbau“, erzählt die Bauherrin mit einem Lachen. Stella Jäckles Cousin ist Architekt. Er half: „Er sagte, ich baue euch das Häuschen.“
Spektakulärer Blick auf den Schwarzwald
Mit „euch“ ist auch die Schwester gemeint, die im unteren Teil des Hauses lebt. Unterm Dach findet sich eine Studiowohnung mit einem Bad und einem Raum mit Hochbett, Einbauküche und Wohnzimmer – und einer Terrasse und spektakulärem Blick auf den Schwarzwald.
Damit jeder Wohnteil autark ist, führt eine außen liegende Gemeinschaftstreppe nach oben. Falls das Treppensteigen beschwerlich wird, kann ein Aufzug eingebaut werden. Außerdem ist der Wohnbereich der Jäckles baulich veränderbar. „Es ließe sich eine kleine Einliegerwohnung einschalten, falls man sich verkleinern möchte“, sagt der Architekt.
„Wir haben Johannes Kraus komplett vertraut und alles ihm überlassen“, sagt Stella Jäckle, „da wir seine künstlerische Seele kennen und er ein renommierter Architekt ist.“ Man sieht das auch im Herzen des Hauses, dem offenen Lebensmittelpunkt.
Von der Küche zum Ess- und Wohnbereich sind die Übergänge fließend. Hell wird es durch bodentiefe Fenster zu den zwei Terrassen. „Wir haben bewusst Öffnungen und Schlitze gesetzt, damit man gewisse Landschaftsdetails sieht“, sagt Johannes Kraus.
Haus am Hang
Der Blick wird gelenkt, und zwar, naheliegend, eher nicht aufs nah angrenzende Nachbarhaus, sondern auf die Qualitäten des Umfelds, die Natur. Großzügigkeit entsteht auch dadurch, dass die Deckenhöhe 6,5 Meter beträgt. Kraus: „Hier können auch Hauskonzerte stattfinden, daher wirkt das Wohnzimmer ein bisschen bühnenartig mit verschiedenen Positionen, Treppen, einer Galerie wie ein Vogelnest.“ Oben sind die Schlaf-und Kinderzimmer untergebracht und von einer kleinen Empore dazwischen blickt man hinunter auf den Wohnraum.
Spannungsvolle Architektur, innen wie außen. Weil das Haus in einen extrem steilen Hang gebaut ist, wirkt es trotz seiner Größe von 410 Quadratmeter Nutzfläche nicht wuchtig. Aber imposant ist er, der Mix aus massivem Beton und dem auf der Garage und der unteren Wohnung aufbauenden Holzständerbau.
„Entweder man liebt es oder man hasst es“, sagen Stella und Joachim Jäckle. „Die moderne Architektur des Hauses wird von den vorbeigehenden Menschen oft hörbar kommentiert: ,Traumhaus‘ oder ,Wie kann man nur?‘. Dazwischen gibt es nichts.“
Das Fachpublikum ist angetan, eine Jury hat das Gebäude für die „Häuser“-Publikation ausgewählt. Viele Architekturinteressierte waren auch am Tag der Architektur der Architektenkammer Baden-Württemberg zu Besuch. Und Rehe aus dem Wald kommen manchmal; sie bedienen sich im Garten an Kräutern und anderen Pflanzen und sind offensichtlich auch mit den neuen Nachbarn zufrieden.