Wohnen in Stuttgart Hausbesuch bei einem kreativen Stuttgarter Power-Couple
Lieben, wohnen und arbeiten unter einem Tonnendach an der Schnellstraße: Ein Besuch im Gesamtkunstwerk-Haus in Stuttgart von Danielle Zimmermann und Dirk Lenz.
Lieben, wohnen und arbeiten unter einem Tonnendach an der Schnellstraße: Ein Besuch im Gesamtkunstwerk-Haus in Stuttgart von Danielle Zimmermann und Dirk Lenz.
Wer mal wieder auf der B 14 stadtauswärts in Richtung Bad Cannstatt im Stau steht, schaut sich vielleicht einmal ein bisschen um. Auf der rechten Seite zwischen Bäumen und Gesträuch sind bogenförmige Wellblech-Dächer und Flachdachboxen im Wechsel zu sehen – wohnt denn da tatsächlich jemand, so direkt an dieser staugeplagten Straße?
Ja, da wohnen Menschen. Und zwar ziemlich schön, das erfährt, wer Danielle Zimmermann und Dirk Lenz besucht. Ihr Zuhause ist in der Reitzensteinstraße, das ist die kleine Parallelstraße zur mehrspurigen B 14, und hier stehen diese ganz besonderen Reihenhäuser.
Verputztes quaderförmiges Haus mit Flachdach reiht sich an zurückspringende Tonnenhalle reiht sich ans nächste Flachdach, dazwischen kleine Gärtchen mit und ohne schützende Hecken und Bäume, fassadenbündige Hauseingänge mit Holztüren und Bullaugenfenster daneben.
Das Gebäudeensemble hat nach seiner Einweihung 1993 den Hugo-Häring-Preis erhalten, die Bewohner firmieren unter dem Titel „Die Reitzensteiner“. Es leben und arbeiten dort ausschließlich Künstlerinnen und Künstler. Die Stadt hatte – um Künstler zu unterstützen und an Stuttgart zu binden – das Gelände leihweise zur Verfügung gestellt (bezahlt werden muss allerdings eine monatliche Erbpacht).
Bauherren waren die Künstler, die sich zu einer Baugesellschaft zusammenschlossen, Planer das Architektenpaar Elisabeth und Fritz Barth. „Und damit wurden die Künstlerateliers in der Reitzensteinstraße auch zu einem Pilotprojekt in der Bundesrepublik“, heißt es stolz auf der Homepage der Reitzensteiner.
Manche der namhaften Künstler leben immer noch da, andere gingen, die nächste Generation zog ein. Danielle Zimmermann (48), Künstlerin und Kunstlehrerin an einem Gymnasium, hatte dort seit einigen Jahren eines der elf Ateliers gemietet. Seit Ende 2022 lebt sie jetzt zwei Häuser weiter mit ihrem Mann Dirk Lenz (42), einem Philosophen und Dozenten an der Universität Stuttgart.
„Das Künstlerpaar Niko und Frieder Grindler hat uns das Haus verkauft. Wir sind sehr glücklich, dass wir den Zuschlag bekommen haben“, sagt die Künstlerin. „Leisten konnten wir uns das nur, da es sich um Erbpacht handelt und deswegen nur ein Drittel des üblichen Marktwertes bei Kauf kostete – in 38 Jahren geht das Haus zurück an die Stadt.“
Was dann ist, wer weiß. „Wir genießen das jetzt und sind dann über 80 Jahre alt“, sagt Danielle Zimmermann, „vielleicht ziehen wir dann gern in ein betreutes Wohnen oder es gibt bis dahin ganz andere Wohnformen, die uns interessieren.“
Helligkeit, viel Farbe empfängt die Besucher des Hauses – und Stille. Der Straßenlärm bleibt draußen. Im Eingangsbereich des Gebäudes mit seinen 200 Quadratmetern Grundfläche reihen sich knallrote Metallspinde, Platz für ein Klavier ist auch. Seitlich finden sich praktischerweise abgetrennte Räume „haben wir noch nicht wirklich eingerichtet“, sagt Danielle Zimmermann, „sie sind aber toll für die Dinge, die man nicht immer zur Hand haben muss, zumal wir ja keinen Keller haben.“
Vom Entrée aus geht es ins Wohn- und Arbeitsatelier mit einer beeindruckenden Raumhöhe von sechs Metern. Die mehrere Meter hohen Ikea-Bücherregale sind nach Farben sortiert und ergeben eine Art abstraktes Bild, können freilich nicht wirklich mit den Kunstwerken von Danielle Zimmermann konkurrieren.
Sie lässt sich für ihre anspielungsreichen, ironisch kritischen Werke von der bunten Werbewelt inspirieren, sie nutzt Alltagsgegenstände wie Plastiktüten und Kartonagen für ihre Collagen, die zuletzt in der Stuttgarter Galerie Von Braunbehrens in einer Einzelausstellung zu sehen waren. Mit Kunst bedruckte Teppiche, Kleider sind darunter, wie ein Gang durchs Haus zeigt.
Danielle Zimmermann hat nach ihrem Studium an der Kunstakademie Stuttgart in den USA ein DAAD-Stipendium absolviert, ist dann aber wieder von New York zurück nach Stuttgart gezogen. „Ich habe dort viel Inspiration erfahren und bin jetzt glücklich, beides zu vereinen. Kunst zu machen und Kunst weiterzugeben. Die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern bereichert mich sehr.“
Auch der Gatte denkt künstlerisch mit. Als ein Autohaus in der Nähe aufgab, versorgte er die Künstlerin mit einem Metallschild. Der Schriftzug „Motors“ prangt effektvoll an der eingezogenen Wand, hinter der drei Meter hohe Industrieregale versteckt sind mit Stauraum für Künstlermaterial, Rahmen, Bilder und Trockenständer.
Bei ihrem Auszug aus der Reinsburgstraße, berichtet Dirk Lenz, habe man sich von vielen Möbeln getrennt, verschenkt, und sich mehrere Monate nach Möbeln, Sideboards, Esstisch, Stühlen, umgesehen, die gefallen und bezahlbar sind „es sollte ein zum Ort stimmiges Gesamtkonzept sein“, sagt Danielle Zimmermann, „und nicht ein streng designter Ort“, fügt Dirk Lenz hinzu.
Dafür haben die beiden sogar ein 3D-Modell angefertigt. Es ist ein wohnlich-künstlerisches Gesamtkunstwerk geworden, durchaus verspielt und ironisch wie die von der Künstlerin neu bezogenen Sessel im Loungebereich mit neonfarbenen „Bla Bla“-Sprechblasen an der Wand anzeigen. Um die Kunstwerke an den Betonwänden aufzuhängen, nehmen die Hausherren ihre Schlagbohrmaschine zur Hand.
Stockwerk mag man fast nicht sagen, da ja das Gebäude komplett offen ist, eine Treppe führt hinauf in den Küchen-, Ess- und Schlafbereich. „Mezzaninestock“, sagt Dirk Lenz dazu. Renoviert hat das Paar vieles selbst, Zwischenwände herausgenommen, neue Leitungen verlegt, fürs Abschleifen und Ölen der Holzböden sowie fürs Wändestreichen kamen Profis zum Zug.
Hier oben hat auch der Philosoph seinen Schreibtisch und ein ganz klassisch nach Autoren sortiertes Bücherregal, in dem philosophische Werke neben Popliteratur stehen dürfen, Platon neben Walter Moers etwa. Manches ist gedanklich näher beieinander: Fjodor Dostojewski lehnt sich an Friedrich Nietzsche.
Die neue passgenau eingebaute Küche hat sich das Paar in doppelter Ausführung gegönnt, Platz für Mitbringsel wie Messer aus dem Japanurlaub ist auch. „Dirk kocht hervorragend von Omas Rostbraten bis zu experimentellen Maultaschen“, sagt Danielle Zimmermann. „Ich mache am liebsten etwas mit Gemüse und Salate.“ Jeder kocht, aber jeder eben anders – und gern gleichzeitig. „Wir stehen oft zusammen in der Küche und bereiten etwas zu, jeder probiert dann vom anderen“, sagt Dirk Lenz.
Nur bei der Musik dazu müssen sie sich einigen, wer die KI namens Alexa anweist, Songs oder klassische Musik zu spielen. Manchmal, wenn es regnet und aufs Wellblech prasselt, genießen sie einfach nur die Regenkulisse. Auch da hat das Paar meist einen ähnlichen Geschmack.
Ebenso wenn es, wie schon früher zu Atelierzeiten, Musiker, die sie mögen, für Wohnzimmerkonzerte einlädt, zu denen dann auch Freunde und interessierte Fremde kommen dürfen. Eintritt wird nicht verlangt, hinterher geht aber ein Spenden-Hut herum. Sie sagen beide: „Wir wissen, dass wir mit diesen Räumen ein tolles Privileg haben und wollen das gern teilen.“
Um mehr Platz fürs Wohnen zu bekommen, hat das Paar jetzt noch ein wie im Industriebau übliches Plateau mit Geländer selbst eingebaut, das in den Atelierraum hineinragt und hervorragende Aussicht auf die Kunstwerke, den imposanten 1,80+3,30 Meter großen Arbeitstisch, die Druck-Ecke mit Walzen und Druckplatten und das sonstige künstlerisch-philosophische Geschehen parterre bietet.
Arbeiten und Wohnen in einem Raum und das auch noch zu zweit, das könnte sich bei aller Liebe vermutlich nicht jedes Paar vorstellen. „Für uns ist es großartig, wir haben ja trotz aller Nähe jeder einen eigenen Bereich und Ruhe zum Arbeiten.“ Und manchmal auch zum Feiern, das nächste Atelierkonzert – diesmal mit Cori Nora – ist bereits in der Planung.
Die Reitzensteiner
Zwischen der Adenauerstraße in Stuttgart und der Bundestraße 14, unweit des Schwanentunnels, befindet sich die Reitzensteinstraße. Im Jahre 1991 zogen die ersten Künstler in die Atelierhäuser in dieser Straße ein. Wie es dazu kam, ist auf der Homepage www.reitzensteiner.de nachzulesen.
Atelier und Konzerte
Am 1. Juli findet ein exklusiver Nachmittag des offenen Ateliers mit Danielle Zimmermanns Stuttgarter Galerie (von Braunbehrens) zusammen statt. Zum frühen Abend hin ist mit Voranmeldung auch das Reinschnuppern möglich, nach Anmeldung per Email: mail@danielle-zimmermann.de Danielle Zimmermann und Dirk Lenz veranstalten regelmäßig Konzerte im Atelier, das nächste Konzert findet mit Cori Nora statt, Informationen dazu finden sich auf www.facebook.com/atelierkonzert