Miriam ist hohe Mieten gewöhnt. Die 25-Jährige stammt aus dem Raum München. Als sie für ihr Bachelorstudium an der Hochschule der Medien nach Stuttgart zog, hatte sie auf günstigere Mieten als in der bayerischen Landeshauptstadt gehofft – doch weit gefehlt. „Mein erstes Zimmer in einer Wohngemeinschaft kostete 600 Euro, obwohl es nicht im Zentrum, sondern in Vaihingen war“, sagt sie. „Richtig krass.“ Bald zog sie in ein Wohnheim um. Dort zahlte sie zwar nur noch 320 Euro – und dennoch einen hohen Preis: lebendige Fische in Waschbecken, ganze Kaninchen im Ofen, gruselige Anblicke auf der Toilette. Das will sie nicht mehr.
Für ihren Master in Rhetorik ist Miriam nun vor wenigen Tagen nach Tübingen in eine WG gezogen. Für ihr 18 Quadratmeter großes Zimmer bezahlt sie 415 Euro, „das ist okay, aber auch nicht wenig“, sagt sie. Ursprünglich sollte es 365 Euro kosten, doch wegen der steigenden Energiekosten schlug der Vermieter 50 Euro drauf. Miriam, die ihren Nachnamen hier nicht lesen möchte, hält bereits die Augen offen nach etwas Günstigerem.
Durchschnittspreis für WG-Zimmer in Stuttgart: 520 Euro
Was die 25-Jährige schildert, erleben zurzeit viele Studierende. Die Mietkosten für ein WG-Zimmer sind erheblich gestiegen; bundesweit um 11,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das ergab eine Untersuchung des Moses-Mendelssohn-Instituts in Kooperation mit dem Internetportal Wg-gesucht.de. Mit durchschnittlich 435 Euro pro Monat zahlen junge Leute in Deutschland für ein übliches WG-Zimmer 44 Euro pro Monat mehr als noch vor einem Jahr, in Stuttgart sind die Kosten sogar um 13 Prozent von 460 Euro auf 520 Euro gestiegen. München liegt bei einem Durchschnittspreis von 700 Euro für ein WG-Zimmer (2021: 620 Euro).
In den deutlich günstigeren, öffentlich geförderten Studierendenwohnheimen bekommt seit Wochen niemand mehr einen Platz. Das Studierendenwerk Tübingen-Hohenheim hatte bereits Anfang September einen Bewerbungsstopp verfügt und die Warteliste geschlossen. Für die in diesem Wintersemester 40 neu verfügbaren Wohnplätzen in Stuttgart-Hohenheim hatten sich 541 Interessenten beworben.
18-Jährige als Mitbewohner eher unbeliebt
Die 23-jährige Architekturstudentin Carolin hat nach rund einem Dutzend Mails und drei Vorstellungsgesprächen in Wohngemeinschaften eine Zusage bekommen – also vergleichsweise schnell. Das liege am Alter, ist sie überzeugt. 18- oder 19-Jährige hätten große Schwierigkeiten: „Ich habe mit Erstsemestern gesprochen, die jetzt im Hostel wohnen.“ In den meisten Wohngemeinschaften seien Menschen mit WG-Erfahrung gewünscht – die schon einmal eine Waschmaschine selbst bedient hätten und keine reinen „Partymäuse“ mehr seien. Carolin wohnt mit zwei Berufstätigen in einem Altbau in S-West, ihre Mitbewohner sind beide 27 Jahre alt. „Es kann etwas Gutes sein, wenn Studierende mit Arbeitenden zusammenwohnen“, sagt sie, „dann müssen nicht alle morgens um 7 ins Bad.“
Sie arbeite oft bis 4 Uhr nachts an ihren Architekturentwürfen, stehe dann aber auch mal erst um halb zehn auf. Ihr 16 Quadratmeter großes WG-Zimmer kostet 448 Euro. Ihre Eltern zahlen ihre Miete komplett, „da bin ich schon privilegiert“. Günstiger für sie und ihre Eltern war aber das Bachelorstudium – das hatte sie in Weimar gemacht, wo es WG-Zimmer auch für unter 300 Euro gibt.
Kein Monatsticket, kein Auswärtsessen
Die Tübinger Studentin Miriam berichtet, dass ihr gesamtes Umfeld zurzeit nervös sei wegen steigender Kosten. In ihrer WG, die in einem alten, kaum isolierten Haus sei, wurde in diesem Herbst erst zweimal für je 15 Minuten geheizt, „wir versuchen, so sparsam wie möglich zu leben“. Beim heißen Duschen plagt sie ein schlechtes Gewissen.
Zurzeit müssen Miriams Eltern ihr pro Monat 1000 Euro überweisen, „das tut allen Beteiligten weh“. Nach Abzug aller Fixkosten bleiben ihr 150 Euro für Mobilität und kleinere Anschaffungen übrig. In Restaurants geht sie nicht, aber für die Kennenlerntreffen mit neuen Kommilitonen werde sie hin und wieder ein Getränk bezahlen müssen, sagt sie. Auf ein Monatsticket für den ÖPNV verzichtet sie aus Spargründen, „ich radle und laufe alles“. So schnell wie möglich will sich Miriam nun einen Job in Tübingen suchen, um ihre Eltern zu entlasten. Um Bafög-berechtigt zu sein, verdienen ihre Eltern etwas zu viel, doch sie könnten auch nicht die zwei Töchter, die beide studieren, dauerhaft finanzieren, sagt Miriam.
Vor dem Master gejobbt – das hilft finanziell
Auch Damian ist zurzeit auf Jobsuche. Der 25-Jährige ist aus der Nähe von Bonn nach Stuttgart gezogen, weil er an der Uni Vaihingen seinen Master in Maschinenbau absolviert. Am liebsten würde er eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft annehmen. „Aber ich brauche dann noch einen zweiten Job“, sagt er. Zwar will er in der Woche selbst kochen und die Mensa nutzen, am Wochenende möchte er aber auch mal essen gehen und Party machen, sich hin und wieder etwas Neues zum Anziehen kaufen, sagt er. Außerdem fährt er zurzeit einmal pro Monat nach Hause und leistet sich ein Auto.
Finanzielle Unterstützung von seinen Eltern erhält Damian nicht, dennoch hat er einen Vorteil gegenüber Miriam und Carolin: Bis zuletzt hat er zu Hause gewohnt. Und er hat zwischen Bachelor und Master ein Jahr lang am Flughafen Bonn/Köln gearbeitet und dadurch ein finanzielles Polster aufgebaut, „das hilft mir jetzt sehr“. Obwohl er noch keine WG-Erfahrung hatte, fand er problemlos ein Zimmer: Er konnte in die ehemalige WG eines Bekannten in Stuttgart-Plieningen einziehen. Für die 15 Quadratmeter zahlt er nun 400 Euro, allerdings noch ohne Nebenkosten.
Für die dritte Besichtigung fehlte das Geld
Deutlich mehr Aufwand mit der WG-Suche hatte die Studentin Miriam. An manchen Tagen schrieb sie ausnahmslos alle WGs an, die Zimmer in Tübingen gelistet hatten. Nur die wenigsten meldeten sich zurück, am Ende war sie zu drei WG-Castings eingeladen. Bei der zweiten Wohnung sagte sie zu. Eigentlich hätte sie sich gerne noch die dritte WG angeschaut. Aber am Tag vor der Besichtigung lief das Neun-Euro-Ticket aus, „und ich wollte die Fahrt nach Tübingen und zurück nicht bezahlen“.