Wohngemeinschaft in Stuttgart Drei Freunde mit Down-Syndrom gründen eine WG

Yannik (von links), Tim und Jakob unternehmen viel zusammen. Foto: Petra Hauser

Tim, Yannik und Jakob kennen sich, seit sie Babys sind – nun werden sie bald Mitbewohner. Eine WG wie ihre gibt es in Stuttgart bisher nicht. Zwei Zimmer sind noch frei – hierfür werden zwei junge Leute ohne Behinderung gesucht.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Neulich beim Nägelschneiden war so ein Moment der Erkenntnis: „Wer macht das eigentlich, wenn ich ausziehe?“, fragte Tim seine Mutter, Maren Krebs, die die Schere führte. Ja, wer macht das dann? Gute Frage eigentlich. Aber Maren Krebs ist optimistisch. Auch dafür wird sich eine Lösung finden. Es sind aufregende Wochen – nicht nur für Tim, sondern auch für seine Freunde Yannik und Jakob. Und für ihre Familien.

 

Die drei jungen Männer aus Stuttgart kennen sich, so lange sie denken können. Alle drei sind 23 oder fast 23 Jahre alt und haben Trisomie 21. Früher lagen sie als Babys nebeneinander auf der Krabbeldecke, heute machen sie gemeinsam Sport. Ihre Eltern hatten sich über den Verein 46 Plus Down-Syndrom Stuttgart kennengelernt, in dem auch die drei Mitglied sind. Nicht mehr lang, dann werden aus Freunden Mitbewohner. Die WG, in die Yannik, Tim und Jakob einziehen, bedeutet nicht nur für sie selbst Neuland. Was in der Wohnung in Zuffenhausen-Rot geplant ist, gibt es in dieser Form in Stuttgart bisher nicht.

Die achte WG sticht heraus

„Das Konzept ist ein Prototyp“, heißt es bei der Diakonie Stetten, die das Ganze ermöglicht – wie auch die Stadt Stuttgart als Kostenträger. Diese habe „richtig Lust“ auf das Projekt, freut sich der zuständige Wohnverbundleiter des Trägers, Volker Kärcher. Die Diakonie Stetten betreut bisher sieben Wohngemeinschaften in Stuttgart. Die bald achte sticht heraus: Sie ist integrativ (mitten im Stadtteil gelegen) und – das ist neu – inklusiv. Auch zwei Menschen ohne Behinderung werden einziehen.

Dass in Stuttgart eine inklusive WG fehlt, fand man bei dem Träger schon länger. Entsprechend froh war man, als sich drei Mütter mit dieser Idee meldeten. „,Endlich kommt jemand und will das’“, sei die positive Reaktion gewesen, erinnert sich Jakobs Mutter, Stephanie Sproll. Was sie und die anderen Eltern begeistert: Sie dürfen mitgestalten. Das Konzept haben das Team ambulante Wohnprojekte der Diakonie Stetten und die Familien gemeinsam entwickelt.

So eine Chance kommt nicht so schnell wieder

Die Eltern von Tim, Yannik und Jakob haben sich schon früh mit der Frage auseinander gesetzt, was wird, wenn ihre Söhne erwachsen sind. Die Mütter recherchierten zunächst jede für sich nach Wohnformen. Irgendwann kam die Idee auf: „Es wäre doch perfekt, wenn die drei eine WG gründeten“, erzählt Sproll.

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Sie selbst hatte geplant, dass ihr Sohn 25-jährig auszieht. Nun ist es zwei Jahre früher so weit. „Aber diese Chance kommt so schnell nicht wieder.“ Die Sechs-Zimmer-Wohnung, die die Neues Heim eG an die Diakonie Stetten vermietet, ist bald bezugsfertig. Am 14. April ist Schlüsselübergabe. Der Einzug erfolgt voraussichtlich im Mai.

Nächste Woche geht es ins Möbelhaus

Als Yannik von dem Projekt erfuhr, habe er es zunächst„nicht für notwendig gefunden, dass er auszieht“, erzählt dessen Mutter, Petra Hauser. Es gebe doch zuhause genug Platz! Inzwischen habe auch er „richtig Lust“. Dass liege auch daran, meint sie, dass sich der Träger so bemühe. Seit einem Jahr gibt es immer wieder Treffen, um die drei aufs WG-Leben vorzubereiten. „Wir lassen uns richtig Zeit“, drückt es Volker Kärcher aus, bei einem gesonderten Gesprächstermin. Der Sozialpädagoge Justin Weißmann hat zum Beispiel mit den Freunden den Rohbau besichtigt und den Stadtteil erkundet. In wenigen Tagen geht es gemeinsam ins Möbelhaus.

Zwei Mitbewohner fehlen noch

Jetzt fehlen nur noch die zwei Mitbewohner oder (was die drei super fänden) Mitbewohnerinnen: junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die bereit sind, sich 20 Stunden im Monat als Freizeitbegleiter einzubringen. Kino, kochen, Fußballspielen – alles sei drin, auch „vor der Glotze hängen oder FIFA zocken“, so steht es in der Beschreibung. „Im Gegenzug wohnt man zu einer deutlich günstigeren Miete in einer Riesenwohnung“, sagt Weißmann. Pflege fällt nicht an. Personal für die Assistenz ist zusätzlich stundenweise sowie am Wochenende vor Ort.

Yannik interessiert sich sehr für Fußball, Jakob spielt Tuba

Die Mitarbeiter sorgen zum Beispiel dafür, dass die drei gefrühstückt und pünktlich zur Arbeit aufbrechen. Dass die Wäsche gewaschen, die Betten bezogen, der Kühlschrank gefüllt wird. Aber die Jungs seien schon sehr selbstständig, so Weißmann. Yannik arbeitet in der Lebenshilfe in der Hauswirtschaft. Er ist es gewohnt, beim Putzen zu helfen und Gemüse zu schnippeln. Seine Leidenschaft – VfB und Fußball – teilt er mit Tim. Der ist in der BHZ-Kreativwerkstatt in der Männle-Produktion, kann laut seiner Mutter „super lesen und schreiben“, hat aber kein Gefühl für Zahlen. Das geht Jakob auch so. Er ist der Künstler unter den Dreien, ein talentierter Zeichner. Er arbeitet im Weltcafé und in der Lederschmiede. Tuba spielt er auch noch.

Die Herausforderung für die Eltern: loszulassen

Bald wird es ernst – für alle Beteiligten. „Es ist nie einfach, wenn die Kinder ausziehen“, sagt Petra Hauser. Stephanie Sproll freut sich drauf. Maren Krebs ist gespannt. Lange sei ihr Sohn der Großteil ihres Lebensinhalts gewesen. Sie ist überzeugt, dass es der richtige Schritt ist und die drei ganz andere Entwicklungen machen werden. Manches dürfte für sie herausfordernd werden. Ihr Sohn legt sich – im Vorgriff auf den Auszug – nun selbst Klamotten raus. Er freut sich schon darauf, bald endlich zur bisher verbotenen Jogging-Hose zu greifen. Seine Mutter will, dass er ordentlich angezogen zur Arbeit geht. „Da musst Du als Eltern loslassen“, sagt Maren Krebs.

Mitbewohner und Mitarbeiter gesucht

Mitbewohner
Wer Interesse an einem Zimmer in der WG hat, kann sich an Justin Weißmann von der Diakonie Stetten wenden (justin.weissmann@diakonie-stetten.de). Den Großteil der Miete übernimmt der Träger, dafür bringen sich die Mitbewohner 20 Stunden als Freizeitbegleiter ein. Die Wohnung ist voll ausgestattet und in einem Neubau gelegen.

Mitarbeiter
Auch Mitarbeiter für die Betreuung der WG werden noch gesucht: Fachpersonal, ungelernte Hilfskräfte und FSJler, die ein „tolles Jahr“ erleben könnten, heißt es bei der Diakonie Stetten. Heilerziehungspfleger, Sozialpädagogen, Heilpädagogen und Pflegekräfte könnten sich zum Beispiel für die qualifizierten Stellen bewerben. Ansprechpartner ist Volker Kärcher (E-Mail: Volker.Kaercher@diakonie-stetten.de, Telefon: 07 11/3 89 80 90 12). Im Internet findet sich hier auch nochmal die Projektvorstellung. vv

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