Wohngruppen und Ausgangsbeschränkungen Die Zeit der Zwangspause birgt auch Vorteile

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Die Paulinenpflege betreut in der Krise noch rund 700 Menschen – dank engagierter Mitarbeiter.

Auf dem Gelände der Paulinenpflege ist es ungewohnt menschenleer. Foto: Gottfried Stoppel
Auf dem Gelände der Paulinenpflege ist es ungewohnt menschenleer. Foto: Gottfried Stoppel

Winnenden - Es ist eine Situation, die viele bisher noch nie erlebt haben. Wegen der Ausgangsbeschränkungen muss man zu Hause bleiben, kann sich nicht oder kaum aus dem Weg gehen. Betroffen davon sind auch Einrichtungen für Menschen mit Behinderung oder der Jugendhilfe. Zum Beispiel bei der Winnender Paulinenpflege. Zwar sind die meisten Bewohner vor zwei Wochen nach Hause geschickt worden. Doch sind immer noch einige Menschen vor Ort, deren Zuhause die Paulinenpflege ist und die einen strukturierten Tag gewohnt sind.

Betreuer sorgen für Struktur im Alltag

„Die Struktur setzen zurzeit die Betreuer in den Wohngruppen“, sagt Lucia Dangel, die als Abteilungsleiterin in der Jugendhilfe für drei Wohngruppen und deren Betreuer zuständig ist. Da die Jugendlichen nicht zur Schule gehen können, wird in den Gruppen gelernt. „Die Betreuer achten darauf, dass nicht alle auf einem Fleck sitzen“, betont Lucia Dangel. An Lernstoff mangele es nicht. „Die Schulen haben jede Menge mitgegeben.“

Die Stimmung in den Gruppen sei gut, und der ungewohnten Situation würden durchaus auch Vorteile abgewonnen. „Zum Beispiel längeres Ausschlafen.“ Und man könne sich jetzt Sachen vornehmen, zu denen man lange nicht gekommen ist. „Basteln, Lesen, Fotoalben kleben. Eine Gruppe baut sich jetzt eine Gartenlaube.“ Die Freizeitgestaltung sei zwar anders, aber durchaus möglich. „Die Jugendlichen dürfen ins Freie, nur gegenseitige Besuche sind zurzeit nicht erlaubt.“ Und da die Paulinenpflege verschiedenste Angebote hat, ist für draußen viel geboten. Und das Mehr an Freizeit könne gut für die Beziehungsarbeit genutzt werden.

In der Wohngruppe ist vormittags Schule

Ähnlich ist es bei rund 500 Menschen mit Behinderung, die in der Paulinenpflege zuhause sind und deren Werkstätten geschlossen sind. „Die Stimmung ist bei uns gut. Wir probieren gerade andere Ideen der Beschäftigung in der Wohngruppe aus. Mein Team ist hoch motiviert“, erzählt der Wohngruppenleiter Stephan Kaufmann. Von einem Kollegen hat er den Tipp bekommen, einfach vormittags „Schule“ zu machen.

Insgesamt unterstützt der Heilerziehungspfleger mit seinem Team zwanzig Menschen mit Behinderung – verteilt auf vier Häuser. Im Haupthaus an der Paulinenstraße war bis vor der Corona-Krise der Treffpunkt aller Außenhäuser. Direkter Kontakt soll nun größtenteils vermieden werden: „Wir Mitarbeiter sind noch öfter in den Außenhäusern präsent. Natürlich gibt’s auch die digitale Kontaktmöglichkeit mit SMS oder Videotelefonie.“ Einfach mal anrufen gehe bei vielen Klienten nicht, weil sie gehörlos sind.

Für viele Bewohnerinnen und Bewohner sei der neue Alltag bisher kein großes Problem. Es müssten auch nicht alle ständig beschäftigt werden. Einige genießen es, dass sie gerade nicht zum Arbeiten oder weniger in die Stadt gehen könnten. „Es gibt Klienten, die verschwinden nach dem Kaffee wieder ins Bett, schauen in ihrem Zimmer fern oder lesen Zeitung“, berichtet Stephan Kaufmann.

Lob vom Vorstand: Helden der Krise

Dass sich die verschiedenen Bereiche innerhalb der Paulinenpflege aushelfen, sei für viele selbstverständlich. Dem Vorstand Andreas Maurer ist dieser Einsatz sehr wichtig: „Für mich sind unsere Mitarbeitenden, die die Betreuung der auch jetzt noch rund 700 Menschen sicherstellen, Helden der Krise.“

Im Klinikum Schloss Winnenden werden weiter Patienten behandelt, deren Krankheit einen stationären Aufenthalt notwendig macht. „Wir haben bis jetzt keine bestätigten Corona-Fälle bei uns“, teilte das Psychiatrische Landeskrankenhaus am Freitag mit. Der Alltag hat sich auch hier verändert. „In unseren Therapien achten wir auf kleinere Gruppengrößen bei gleichzeitig größeren Räumen. Auch Fachtherapien werden angeboten.“