Wohnheim an der Föhrichstraße in Stuttgart-Feuerbach Barbara und Ulrich Endreß betreuen obdachlose Männer

Von Georg Friedel 

Seit mehr als 30 Jahren betreuen Barbara und Ulrich Endreß einst obdachlose Männer in einer städtischen Sozialunterkunft. Ein Besuch.

Das Ehepaar kümmert sich   seit über 30 Jahren um die Bewohner. Foto: lg/Achim Zweygarth
Das Ehepaar kümmert sich seit über 30 Jahren um die Bewohner. Foto: lg/Achim Zweygarth

Feuerbach - Der Alkohol war sein ständiger Begleiter. Etwa 45 Schnäpse Asbach uralt, das war die tägliche Ration, die Winfried T. in der Kneipe um die Ecke zu sich nahm. Das Leben schien gelaufen zu sein, dann hörte er auf zu trinken: „Von heute auf morgen und ohne einen Entzug“, sagt Barbara Endreß mit einer gewissen Bewunderung in der Stimme. Das war vor etwa 27 oder 28 Jahren. Er zog sich fein an, dunkler Anzug, weißes Hemd. Bevor er zu einem Rendezvous ging, fragte er Barbara Endreß, die wie eine Mutter für ihn war: „Kann ich so gehen?“. Sie antwortete: „Alles tipp-topp, Winfried, nur die knallgelben Socken, die passen nicht so richtig. Komm, ich gebe dir ein paar dunkelblaue von meinem Mann.“ Winfried T. fand die große Liebe, eine Arbeitsstelle, eine Wohnung und kehrte zurück ins normale Leben. „Bei der Hochzeit waren wir die Trauzeugen. Bis heute sind sie ein Paar und leben inzwischen in Schorndorf“, erzählen Barbara und Ulrich Endreß. Klingt fast wie im Märchen.

Mindestens ebenso außergewöhnlich ist das Engagement, dass Ulrich Endreß und Ehefrau Barbara an den Tag legen: Seit 31 Jahren kümmern sie sich um das Haus an der Föhrichstraße – ehrenamtlich. Etwa 40 Menschen leben hier auf insgesamt 950 Quadratmetern, viele alleinstehende Männer, aber auch einige Flüchtlingsfamilien. Ulrich Endreß achtet darauf, dass in der Sozialunterkunft die Kehrwoche erledigt, Streitereien geschlichtet, freie Zimmer belegt und kein Chaos entsteht, wenn mal wieder einer der Bewohner über die Stränge geschlagen hat. Wird einer der alleinstehenden Männer krank, kümmert sich das Ehepaar um ihn, bringt ihn notfalls ins Krankenhaus und packt ihm frische Wäsche ein.

Bei uns gibt es viele Chefs, aber nur einen Boss

„Bei uns gibt es viele Chefs, aber nur einen Boss“, steht auf dem Schild an der Bürotür von Ulrich Endreß. Neben dem Schreibtisch hängt ein Kästchen mit Zimmerschlüsseln und eine Liste mit Namen, Geburtstagen und Telefonnummern der Bewohner. Auch wer momentan welches Appartement im Männerwohnheim Föhrichstraße bewohnt, steht auf einem der Zettel.

In dem Haus war früher einmal die Bäckerei Kipp. Als die Ära Kipp endete, wurde das Objekt verkauft. Die Stadt mietete die Räumlichkeiten an und brachte obdachlose Männer unter. Das war vor etwa 35 Jahren. Bei einer Adventsfeier besuchte das Ehepaar Endreß erstmals die Unterkunft. „Anfangs waren wir sechs oder sieben ehrenamtlich engagierte Personen von der evangelisch-methodistischen Gemeinde Feuerbach, die das Wohnheim gemeinsam geführt haben. Doch alle außer uns sind nach und nach abgesprungen.“ Immer montags und freitags ist Ulrich Endreß vor Ort, um nach dem Rechten zu sehen. Früher hat er im Waldheim Lindentäle Weihnachtsfeiern und Sommerfeste mit den Bewohnern gefeiert. Es wurden Ausflüge nach Heidelberg und in die Schweiz gemacht. Mit vielen Bewohnern ist das Ehepaar alt geworden, auch mit Rolf H. Der 79-Jährige lebt schon lange im Haus Föhrichstraße und ist der Senior unter den Bewohnern. „Er ist meine rechte Hand und mein verlängerter Arm im Haus. Er gehört fast schon zur Familie“, sagt Ulrich Endreß. Früher sei „der Rolf“ Karosseriebauer gewesen. Er hat mehrere Kinder und war verheiratet. „Durch die Scheidung ist er abgerutscht.“ Irgendwann landete er in der Sozialunterkunft. Viele haben diese Karrieren hinter sich, berichtet das Ehepaar. Den Job verloren, das Ersparte durchgebracht, einen Kredit aufgenommen, immer mehr Schulden gemacht und irgendwann den Wohnsitz verloren. Oft seien das „ ganz nette Kerle“, sagt das Ehepaar.

Polizei fand Maschinenpistolen-Attrappen

Das galt auch für Hartmut F. (Name geändert). „Er war einer der wenigen im Wohnheim ohne Alkoholprobleme, äußerlich ein lieber Kerl, ganz ruhig“, sagt das Ehepaar. Doch er hatte Wahnvorstellungen und massive psychische Probleme. Am 29. Dezember 2008 ging er mit einem Kampfmesser auf Wohnheimleiter Ulrich Endreß los und stieß ihm die Klinge zirka sechs Zentimeter tief in den Leib – ohne Motiv, ohne Vorwarnung. Die Hand mit der Stichwaffe hatte er unter seinem Parka versteckt und urplötzlich herausgezogen. Endreß musste operiert werden, Ärzte im Robert-Bosch-Krankenhaus nähten ihn wieder zusammen: „Der Stich ging knapp am Darm vorbei, damals habe ich einen Schutzengel gehabt.“ Vor dem Landgericht sagte Endreß beim späteren Strafprozess als Zeuge aus: „Ich trag ihm nichts nach. Der Kerle ist halt krank“, sagte er zum Richter. Im Zimmer des Angeklagten fanden die Polizisten nach der Tat mehrere Maschinenpistolen-Attrappen, sowie ein ganzes Arsenal an Kampfmessern, militärische Tarnkleidung und ähnliches. Aber auch jede Menge Frauenkleider und hochhackige Schuhe in Größe 47: „Damit ist er manchmal hier durch die Gegend gestöckelt“, sagt Endreß und schmunzelt.

Eine andere skurrile Geschichte: Nach dem Tod eines Bewohners meldete sich ein Mitarbeiter des Sozialamtes: „Wohnt die Frau Maier mit ihrem Kind noch bei Ihnen?“, fragte er. „Eine Frau Maier hat hier noch nie gewohnt“, antwortete Ulrich Endreß. „Aber die ist doch unter dieser Adresse gemeldet. Ich habe sogar eine Unterschrift.“ Die Sache löste sich schnell auf. Der Verstorbene hatte sich unter dem Namen seiner Ehefrau angemeldet und jahrelang das eigentlich ihr zustehende Geld kassiert. „Erst als er starb, flog die ganze Sache auf“, berichtet der 75-Jährige.

Bei vielen der Geschichten, die das Ehepaar erzählt, liegen Tragik und Komik eng beieinander. Menschliche Abgründe und soziale Abstürze haben sie im Wohnheim Föhrichstraße kennengelernt und erlebt. Mit Betrügern, Zuhältern, Zechern, und sogar Kapitalverbrechern haben sie es im Laufe der vergangenen Jahrzehnte zu tun gehabt. Oft ist es eine Gratwanderung zwischen Zuckerbrot und Peitsche, ein Drahtseilakt zwischen Respekt einfordern und Fürsorge zeigen. Aber wo andere kapitulieren würden, geht der „Uli“, wie ihn alle im Haus nennen, auch auf die größten Problemfälle zu und findet den passenden Ton. Letztendlich könne es schließlich jedem passieren, dass er abrutscht.

„Hast du Sorgen, hast du Fragen – Uli sagen“, lautet sein Hausmotto. Wenn es sein muss, kann der „Uli“ aber auch anders: Ein Bewohner probte den Aufstand und sagte mal im Vollsuff zu ihm: „Dich stech ich ab.“ Endreß fackelte nicht lange, holte zum Gegenschlag aus und stellte den Mann in den Senkel: „Dann war Ruhe“, berichtet seine 57-jährige Frau. Am nächsten Tag wurde der Konflikt gemeinsam besprochen. Sich alles gefallen lassen, geht gar nicht: „Man muss sich im Wohnheim schon Respekt verschaffen und zeigen, wer der Boss ist“, sagt Endreß. Hart, aber herzlich hält er den ganzen Laden zusammen. Wenn das Ehepaar einmal verreist, kümmert sich Gerhard Bauer, der Pastor der evangelisch-methodistischen Kirche in Feuerbach um das Haus.

Auch die beiden Kinder von Barbara und Ulrich Endreß kennen viele Bewohner. „Unser Sohn und unsere Tochter sind früher immer gerne mitgegangen.“ Manche Bewohner haben ihnen sogar Süßigkeiten geschenkt oder etwas von ihrem Mittagessen abgegeben.

Kürzlich hat das Ehepaar den Landesverdienstorden verliehen bekommen. Doch Ehrungen sind ihnen nicht wirklich wichtig, die Bewohner an der Föhrichstraße aber schon, die lassen sie nicht im Stich: „Solange es uns gesundheitlich noch gut geht, wollen wir weitermachen.“

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