Wohnprojekt in Stuttgart-Weilimdorf Hausbau mit Fremden, die zu Freunden werden

Von Marta Popowska 

Allein in ihren großen Häusern alt werden, wollen sie nicht. Daher suchen zwei Akademikerpaare Gleichgesinnte, um gemeinsam ein Haus in Stuttgart-Weilimdorf zu bauen. Für sie sind alternative Wohnformen kein Trend, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.

Gerd Warnke,  Eva Warnke und  Alexander Müller (von links) würden sich über passende Nachbarn freuen. Foto: Marta Popowska
Gerd Warnke, Eva Warnke und Alexander Müller (von links) würden sich über passende Nachbarn freuen. Foto: Marta Popowska

Stuttgart-Weilimdorf - In einem altersgerechten Haus wohnen, mit Menschen, die zu einem passen: das ist und war ein lang gehegter Wunsch von Alexander und Adelheid Müller. Vor einiger Zeit hat das Ehepaar beschlossen, dass es mit zwei weiteren Paaren ein solches Wohnprojekt umsetzen möchte. Die zweite Partei ist gefunden und das Grundstück in Weilimdorf bereits gekauft. Nur die dritte Fraktion fehlt ihnen bislang. Noch sind die potenziellen Bauherren auf der Suche nach Menschen, die sich ebenfalls eine alternative Lebensweise wünschen, ohne dabei auf ihre Privatsphäre verzichten zu müssen.

Für Alexander und Adelheid Müller sowie Eva und Gerd Warnke ist es eine schöne Wunschvorstellung fürs Alter: Ein Dreifamilienhaus in Südlage in einer ruhigen Wohngegend unweit des Löwen-Markts, seniorengerecht errichtet, mit gemeinschaftlichen Räumen aber mit jeweils eigenem Haushalt.

Die zwei Ehepaare sind zwischen 59 und 70 Jahre alt, aktiv, umweltbewusst, studiert, gebildet. Eigenschaften, die auch die dritte Partei mitbringen sollte, dann klappt’s auch mit den Nachbarn beziehungsweise den Mitbewohnern. „Gleich und Gleich gesellt sich gern“, sagt Alexander Müller und lacht. Was viele Menschen vermuten, kann der Psychologe auch wissenschaftlich begründen. „Es heißt im Volksmund zwar, dass Gegensätze sich anziehen, doch das ist nicht von Dauer“, erklärt er. Dabei spielt es für die künftigen Bauherren keine Rolle, ob es ein Paar in ihrem Alter ist, oder eine junge Familie mit Kindern. „Sie sollen natürlich Interesse an uns mitbringen“, sagt Eva Warnke. Gemeinsam im Garten zu arbeiten ist nun mal schöner, wenn man sich gut versteht. Sie betont, dass es nicht darum geht, sich irgendwann einmal gegenseitig zu pflegen. „Wir wollen uns aber helfen. Zu diesem Projekt bedarf es viel Mut und Vertrauen“, sagt sie, „und das Kapital, um den Bau zu finanzieren“, ergänzt Alexander Müller.

Weilimdorf statt Kempten

Von einer Wohngemeinschaft im Alter träumten die Müllers schon seit langem. Beide haben bereits in jungen Jahren in Wohngemeinschaften gelebt. „Wir dachten für das Alter an etwas Ähnliches“, sagt Alexander Müller. Ursprünglich wollte das Paar mit einer großen Gruppe ein alternatives Wohnprojekt in Kempten realisieren. „Als wir das mit der Gruppe nach zwei Jahren nicht hinbekommen haben, verwarfen wir den Plan“, erinnert er sich. Das ständige Pendeln ins Allgäu wurde für die beiden in Stuttgart voll Berufstätigen zudem zu anstrengend. „Wir beschlossen also, hier zu bleiben“, sagt er. Und so gaben sie eine Zeitungsanzeige auf.

Rund 60 Rückmeldungen erhielten sie. Am Ende blieben Eva und Gerd Warnke aus Gerlingen. Hier habe es menschlich gepasst. Daran hat sich nichts geändert, auch nach einem gemeinsamen Härtetest. „Wir verbrachten dann zeitnah ein gemeinsames Wochenende, um zu schauen, ob wir uns am nächsten Tag auch noch leiden können“, sagt Eva Warnke und lacht. Den Impuls, das Rentenalter noch einmal zu überdenken, gab Eva Warnke, nachdem sie ein Buch über alternative Wohnformen gelesen hatte. „Ich fing an, mir Gedanken zu machen. Ich sehe das bei meiner Mutter und meinem Schwiegervater. Sie sind allein in so großen Häusern“, sagt sie. Die Realität sei nun einmal, dass immer einer übrig bleibe. „Das wollte ich nicht“, fügt sie hinzu. Ihren Mann Gerd hatte sie recht schnell überzeugt, obwohl dieser, wie er sagt „vorher nicht im Traum an so etwas dachte. Ich war dann aber begeistert. Ich habe Lust, etwas Neues zu bauen“, sagt der Mathematiker. Sie alle hoffen, dass sich noch in diesem Jahr die fehlenden Mitstreiter finden, damit sie den Hausbau bald angehen können.

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