Der Ärger ist groß, die Befürchtung, dass das Projekt in einer dauerhaften Bauruine endet, immerhin vergleichsweise klein. Die Nachricht, dass der Investor den Schwabenlandtower am liebsten wieder loswerden möchte, bestimmt auch die Debatten in der Fellbacher Lokalpolitik. Denn dass es sich weniger um die von der Adler Group eingestandene vage „Erwägung“, sondern um eine glasklare Absicht handelt, den Wohnturm zu verkaufen, steht für die über einiges Hintergrundwissen verfügenden Beobachter in der Stadt unterm Kappelberg fest.
Versprechungen haben sich „pulverisiert“
Dass Adler den Tower wieder abstoßen wolle, „hat sich abgezeichnet“, sagt Andreas Möhlmann. Der SPD-Fraktionschef hatte Ende Januar in einem Handelsblatt-Artikel von den in London laufenden Bemühungen des Unternehmens erfahren, seine Milliardenschulden zu restrukturieren. Mit diesem „Insolvenzverfahren“, wie Möhlmann es nennt, „wird jetzt vermutlich die Entscheidung auch über den Fellbacher Tower gefällt“. Die Versprechungen der Investoren vom April 2022 im Fellbacher Gemeinderat hätten sich jedenfalls „pulverisiert“.
Vor Ort hat Möhlmann in den vergangenen Wochen „verhaltene Bauaktivitäten“ beobachtet, doch das sei ja nur erfolgt, damit die Baugenehmigung nicht verloren gehe. Bei den derzeitigen Baupreisen und Zinsen sei es fraglich, ob sich ein Käufer finde. „Wünschenswert wäre es natürlich, dass der Turm fertig wird.“ Letztlich bleibe auch kaum etwas anderes übrig. „Der Abriss wäre teurer, als den Wohnturm fertigzustellen“, sagt Architekt Möhlmann. Allein schon, weil drumherum alles bebaut ist: „Sprengen geht deshalb nicht, es geht nur, wenn man die Teile einzeln abknabbern würde“.
Die Gemeinderatsmehrheit habe „den Sprung ins Haifischbecken der Immobilien- und Finanzwelt gewagt“, sagt Möhlmann, „ob nun die Option aufs rettende Ufer aus diesem Haifischbecken noch besteht, ist die Frage.“ Er sei gespannt, „welche Vorschläge die ehemaligen Zustimmer, die uns die Suppe eingebrockt haben, jetzt vorlegen“ – womit er die Fraktionen von CDU und Freien Wählern/Freien Demokraten meint, die seinerzeit das Hochhaus abgesegnet hatten. Fest stehe: „Die Stadt als Rettungsanker kommt nicht in Frage.“ Es sei undenkbar, dass „solch ein Hochrisikoprojekt“ mit städtischen Mitteln bedacht werde, „das muss privat zu Ende gebracht werden“.
Fellbach spielt nur eine kleine Rolle
Für FW/FD-Fraktionschef Ulrich Lenk haben sich mit Blick auf den Auftritt der Adler-Vertreter vor knapp einem Jahr „leider unsere Befürchtungen bestätigt“. Die jetzige Entwicklung sei „ärgerlich und bedauerlich“. Der Investor sei „seit Monaten in den Schlagzeilen“, die Entscheidung über dessen Zukunft werde nun auf internationaler Ebene getroffen, „sodass Fellbach nur noch eine kleine Rolle spielt“. Dennoch sieht Lenk die Zukunft nicht völlig pessimistisch. Auch Baudezernentin Beatrice Soltys habe kürzlich bestätigt, dass der Tower „innen ganz gut aussieht, der letzte Schritt ist nun eben die Fassade“. Kaufinteressenten müssten nun „Risiko und Chance“ abwägen. Er glaubt, dass sich einer findet, „der es weiter macht“ – der allerdings „besser nicht international aufgestellt, sondern eher näher bei Fellbach angesiedelt sein sollte“. Die 190 Mietwohnungen wären schließlich „ein Segen für den Wohnungsmarkt.“ Sein Fazit: „Ich bin mir sicher, dass es keine Bauruine geben wird und auf Dauer nicht nur die Wanderfalken, sondern auch Menschen in den Turm ziehen.“
Ähnlich äußert sich die frühere CDU-Fraktionschefin Simone Lebherz, mittlerweile bei der Gruppe Die Stadtmacher. „Ich bin zuversichtlich, ich bin BWLerin“ sagt sie, „ein halbfertiges Haus bringt doch keine Rendite“. Wenig hält sie ansonsten vom „großen Wehklagen“ nach dem schwäbischen Motto „I han’s doch glei gsagt.“ Dadurch werde „auch nicht schneller gebaut“.
Grünen-Fraktionschefin Agata Ilmurzynska hingegen erinnert an die Warnungen wegen des merkwürdigen Finanzierungskonzepts des ersten Investors, die jedoch ignoriert worden seien. Nun bleibe nur die Hoffnung, dass es weitergehe, „für die Stadt ist es nicht gut, wenn der Turm weiter unvollendet dort rum steht“. Es bleibe nichts übrig als abzuwarten: „Sie können den Turm ja nicht in die Luft sprengen oder wie bei Star Trek einfach wegbeamen.“
Es droht „das böse Erwachen“
CDU-Stadtrat Erich Theile war, anders als der Großteil seiner Fraktion, „kein Befürworter des Turms“. Noch vor knapp einem Jahr hätten die Investorenvertreter „groß angekündigt hatten, was sie machen wollen“, doch „zumindest äußerlich sieht man gar nichts“. Nun drohe „das böse Erwachen“. Denn, so seine rhetorische Frage: „Warum soll denn einer auftauchen nach all den Erkenntnissen der Vorgänger, die am Projekt gescheitert sind?“ Doch „ein Abriss kommt auch nicht in Frage, das kostet ja deutlich mehr Millionen, als man denkt“. Seine Erwartung: „Das scheint eine endlose Geschichte zu werden.“