Wohnen im Kreis Ludwigsburg Das Dach über dem Kopf soll bezahlbar sein

Der Cube 11 kann, muss aber nicht nur als Flüchtlingsunterkunft dienen. Foto: Simon Granville

Die Mieten steigen und steigen. Wie kann gegengesteuert werden? Das Landratsamt Ludwigsburg hat sich etwas überlegt. Ein kreisweites Bündnis soll den Mietwohnungsbau fördern. Kann das funktionieren?

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Kreis Ludwigsburg - Guido Seitz ist ein Sozialdemokrat vom alten Schlag. In Murr ist der 58-Jährige seit zwölf Jahren im Gemeinderat – oft hat er sich dort für niedrige Kindergartengebühren eingesetzt. Im Februar fand der Genosse Gehör, als es um das neue 2,6  Hektar große Baugebiet Im Langen Feld VI für etwa 100  Bewohner ging. Seitz forderte dafür mehrstöckige Mietshäuser mit vier Wohneinheiten. Für Murr wäre das neu: Die Gemeinde würde damit das bisherige Schema, den merklich höheren Geschossbau ausschließlich im Innenbereich des Ortes zu verwirklichen, durchbrechen. Eine Entscheidung steht aber noch aus.

 

Die neuen Töne im Murrer Gemeinderat sind symptomatisch für eine veränderte Lage im stark verdichteten Landkreis Ludwigsburg. Bezahlbarer Wohnraum erscheint angesichts horrender Grundstücks- und Baupreise sowie Mieten selbst für gut ausgebildete Facharbeiter, Polizisten und Krankenpflegerinnen nicht erschwinglich. „Das Problem betrifft nicht mehr nur bestimmte soziale Schichten, es ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen“, sagt Heiner Pfrommer, Sozialdezernent im Landratsamt Ludwigsburg. Pfrommers damaliger Chef Rainer Haas rief im Jahr 2018 das kreisweite Bündnis für bezahlbaren Wohnraum ins Leben. Seitdem treffen sich Bürgermeister mit Beteiligten aus ganz verschiedenen Interessengruppen.

Das Bündnis soll die gemeinsame Blickrichtung bewusst machen

Flächenfraß für den Häuserbau regierte bisher in den Kommunen, die immer neue Baugebiete auf der grünen Wiese erschlossen. Darf es ein Weiter-So geben – oder hat die klassische Trias von Einfamilien-, Doppel- und Reihenhaus ausgedient? „Ich würde es nicht so zuspitzen, aber man muss sich doch die Frage stellen, ob der Interessenausgleich mit dem Naturschutz und dem bezahlbaren Wohnen sowie mit der Landwirtschaft und dem Gewerbe nur mit diesen Gebäuden noch möglich ist“, sagt Heiner Pfrommer, der einräumt, dass die Interessen im kreisweiten Bündnis ganz verschieden seien. So brächten marktorientierte Bauunternehmer und Architekten einen anderen Blick mit als etwa Vertreter des Mieterschutzbunds, der Naturschutzorganisationen oder des Kreisseniorenrats. Im Vordergrund steht jedoch laut Pfrommer das gemeinsame Ziel. „Alle Beteiligten streben an, dass überhaupt bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird.“

Wie stark Interessen aufeinanderprallen können, zeigt das Beispiel Dürren IV in Oberstenfeld. Das Neubaugebiet in idyllischer Lage unterhalb des Blickfangs Burg Lichtenberg soll auf 2,3  Hektar zusätzlich zu 30  klassischen Haustypen mit sechs höheren Mehrfamilienhäusern ausgestattet werden. Nachbarn und Naturschützer liefen dagegen Sturm, weil der Blick auf die Burg beeinträchtigt und der Tier- und Pflanzenwelt Schaden zugefügt würde, so die Kritik. Die Gemeinde verweist auf die hohe Nachfrage von Menschen, die gerne in erschwinglichen Wohnungen leben möchten und hält sogar die Nähe etwa zu einem Wildkatzenkorridor für vertretbar.

Eine Kommune kann die Vermarktung von Grundstücken steuern

Geht es um bezahlbaren Wohnraum, sind die Kommunen entscheidend. Denn deren Gemeinderäte zurren mit Bebauungsplänen die Spielregeln fest. Dass eine Kommune die Grundstücksvermarktung nicht dem Spiel der Kräfte auf dem freien Markt überlässt, sondern steuert, ist wiederum ganz im Sinne von Heiner Pfrommer. „Der Boden ist ein zu wichtiges Gut“, sagt er und begrüßt es, wenn in den Kommunen das politische Bewusstsein wächst, die Richtung entsprechend vorzugeben. Dabei gebe es unterschiedliche Wege: Eine Gemeinde könne etwa einen Bauträger verpflichten, zu einem bestimmten Anteil bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – und im Gegenzug die Grundstücke preiswerter verkaufen.

In der Regel wollen kleinere Kommunen selbst nicht als Bauträger auftreten und auch keine Wohnbaugesellschaften gründen. In die Bresche springen könnten aber kommunale Gesellschaften wie etwa die Wohnungsbau Ludwigsburg GmbH (WBL). „Wir sind offen, mit jeder Kommune zusammenzuarbeiten, wenn es um bezahlbaren und geförderten Mietwohnungsbau geht“, sagt Andreas Veit, Geschäftsführer der WBL. Die meisten Kommunen setzten aus finanziellen Gründen auf private Unternehmen. In Ludwigsburg hingegen kaufe die Stadt alle Flächen selbst auf, wenn das Baugebiet größer als 3000 Quadratmeter sei. Die WBL erhalte davon 30  Prozent. „Wir müssen aber wie andere Unternehmen eine Konzeptplanung entwickeln.“ Der Kaufpreis sei für alle Bauträger gleich – das zwinge dazu, preisgünstige Bauweisen zu entwickeln.

Kommunale Wohnbaugesellschaften könnten in die Bresche springen

Im Endeffekt ist entscheidend, wie teuer das Wohnen für den Mieter in einem Haus wird. Die Wohnungsbau Ludwigsburg GmbH liegt bei ihren geförderten Wohnungen rund 33 bis 40 Prozent unter den Vergleichsmieten in der Stadt „Wir sind bei 7,31 Euro pro Quadratmeter im Gesamtdurchschnitt“, sagt Veit. Eine sparende Bauweise ermögliche etwa das Modell Cube 11, das 2015 während der Flüchtlingskrise entwickelt worden sei, aber mit seiner Holzbauweise auch viergeschossig errichtbar sei und ein 50-prozentiges Sparpotenzial bei den Nebenkosten mit sich bringe. Gebäude gebe es bereits in Neckarweihingen und Grünbühl.

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