Wohnungsbau in Musberg Wo einige bauen dürfen und andere nicht

Von Natalie Kanter 

Bezahlbare Mietwohnungen sind auf den Fildern zwar Mangelware. Doch auch wer neuen Wohnraum schaffen will, hat es mitunter schwer. Was ein Beispiel aus Musberg auf vielfältige Weise zeigt.

In Musberg stellt sich die Frage, was wichtiger ist: Wohnungsbau oder Tierhaltung? Foto: dpa/Sven Hoppe
In Musberg stellt sich die Frage, was wichtiger ist: Wohnungsbau oder Tierhaltung? Foto: dpa/Sven Hoppe

Leinfelden-Echterdingen - Das Quartier liegt am Ortsrand und gehört doch mitten zu Musberg. Trotz Corona-Krise herrscht dort reger Betrieb. Fußgänger und Radfahrer sind auf dem Oberaicher Weg in Richtung der Felder unterwegs oder kommen von dort. Die Musberger nutzen die Frühlingssonne, sie wollen zumindest für kurze Zeit den eigenen vier Wänden entfliehen. Der Hofladen, der an diesem Weg liegt, ist gut besucht. Auch wenn maximal vier Leute auf einmal in die Verkaufsräume dürfen.

Es gilt „ganz altes Baurecht“

Der Laden gehört zu einem landwirtschaftlichen Betrieb, der früher einmal Milchkühe hatte, nun Gemüse und Beeren anbaut und von diesem Verkauf lebt. Das Geschäft läuft. Gerade in diesen Zeiten wollen die Menschen besonders gern frisches Gemüse und Bio-Eier auf ihrem Esstisch haben. Die Betreiber verzichten zudem komplett auf eine Selbstbedienung.

In dem Viertel Oberaicher Weg/Karlstraße/Wilhelm-Busch-Straße gibt es alte, und neuere Häuser. Dazwischen liegen unbebaute Flecken. Eine der Wiesen ist nicht breit genug, durch ein anderes Grundstück läuft eine Gebietsgrenze hindurch. Beides machte eine Bebauung bisher nicht möglich. „Unbebauter Innenbereich mit kleinteiliger Eigentümer- und Parzellenstruktur“, beschreibt die Stadtverwaltung die Lage. Zudem gilt dort „ein ganz altes Baurecht“, sagt Bürgermeisterin Eva Noller.

Verzicht auf Viehzucht

Wenn aber diese Wiesen doch bebaut würden, dürfte der am Oberaicher Weg ansässige Landwirt nie mehr Nutztiere am Hof halten. Er müsste die Viehhaltung an den Nagel hängen, auch wenn er von diesem Recht, das zum Bestandschutz seines Betriebs gehört, derzeit nicht Gebrauch macht. „Eine Tierhaltung verursacht meist Geruch und Lärm“, sagt Noller. Das vertrage sich nicht mit Wohnungsbau.

Das Thema Bauen ist in diesem Eck schon immer ein schwieriges. „Wir haben damit schon lange zu tun“, sagt die Bürgermeisterin. Nun aber könnte Bewegung ins Spiel kommen, ausgelöst durch die Pläne eines Bauträgers aus Filderstadt. Auch wenn Bürgermeisterin Noller diese Pläne als eine „sehr dichte Bauweise“ bewertet, deren Umsetzung auch die Bauverwaltung für schwierig hält.

Die GmbH hat einer Erbengemeinschaft ein größeres Grundstück an der Karlstraße abgekauft. Die Firma will dort drei Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 18 Wohnungen errichten, welche die jeweiligen Eigentümer wohl zu ortsüblichen Mieten anbieten werden. Eigentümer angrenzender Areale haben sich mit einem Brief an Oberbürgermeister Roland Klenk gewandt, weil sie mit dieser Bauanfrage nicht einverstanden sind. Sie fordern die Stadt auf, das Gebiet städtebaulich sinnvoll zu entwickeln und so dringend nötigten Wohnraum zu schaffen. Das gesamte Gebiet müsste neu geplant und umgelegt werden, heißt es in dem Schreiben. Die Verfasser wünschen sich „eine saubere Erschließung und eine sauberere Lösung“, sagen sie.

Post für den Oberbürgermeister

Auch die Stadt möchte laut Noller nun „geordnete Verhältnisse schaffen“. Mit einem neuen Bebauungsplan soll eine „ungeordnete städtebauliche Entwicklung verhindert“ werden. Der Technische Ausschuss des Gemeinderates hat die Aufstellung eines solchen Planes abgesegnet. Oberbürgermeister Roland Klenk hat dieses Votum besiegelt. Dies wäre eigentlich die Aufgabe des Gemeinderates gewesen, der kann aber aufgrund der Corona-Krise derzeit nicht tagen.

Die Stadt will nun das Landratsamt, das Gewerbeamt sowie die Eigentümer der angrenzenden Areale hören. Die Verwaltung hat laut Noller den Bauträger gebeten, seine Anfrage vorerst zurückzustellen. „Eine städtebauliche Neuordnung ist nur möglich, wenn alle mitmachen“, gibt die Bürgermeisterin zu bedenken. Von einer formellen Umlegung der Grundstücke hält sie wenig. Ein solches Verfahren sei sehr kompliziert und könne mitunter sehr lange dauern.




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