Lange war es still um das Gebiet Rohrer Weg in Möhringen. Das Areal im Westen des Stadtbezirks mit seinen Streuobstwiesen und Feldern dient vielen Bürgern als Naherholungsgebiet und gehört seit 17 Jahren zum Landschaftsschutzgebiet Glemswald. Doch das Wohnungsproblem in der Landeshauptstadt provoziert neue Begehrlichkeiten und rückt auch den Rohrer Weg als potenzielles Baugebiet wieder in den Fokus der Kommunalpolitik.
CDU-Stadrat Vetter will arbeitsplatznahe Wohnungen schaffen
Ein Vorstoß aus der CDU-Ratsfraktion verursacht nun Aufregung bei Anliegern und der Schutzgemeinschaft Rohrer Weg, die sich 2003 gegründet hat. Der Verein kümmert sich um die Pflege der Streuobstwiesen und setzt sich für den Erhalt des Naturhabitats ein. Carl-Christian Vetter, der wohnungspolitische Sprecher der CDU im Gemeinderat, hat nun erstmals öffentlich das Gelände zum potenziellen Wohnungsbaugebiet ausgerufen. Angesichts Tausender neuer Arbeitsplätze im Gewerbegebiet Vaihingen/Möhringen im sogenannten Synergiepark müsse man darüber nachdenken, entlang der Verkehrsachsen von S- und Stadtbahnen arbeitsplatznah neuen Wohnraum zu schaffen, um so den Pendlerverkehr zu reduzieren und damit einen Beitrag zur Verkehrsvermeidung und damit zum Klimaschutz zu leisten, so Vetter gegenüber unserer Zeitung. Er verweist auf die Stadtbahn, die zwischen der Stadt und der Messe verkehrt und am Rohrer Weg hält.
Areal ist Landschaftsschutzgebiet und Kaltluftentstehungsgebiet
Schon vor Vetters Vorstoß war der Rohrer Weg in einer Potenzialanalyse der Stadt neben dem Birkacher Feld zwischen Möhringen und Plieningen erneut als Areal für neue Wohnungen ausgewiesen worden. Demnach könnten auf dem 9,9 Hektar großen Areal theoretisch 540 neue Wohneinheiten gebaut werden. Während die SPD-Fraktion – mit Unterstützung der CDU – vor allem das Birkacher Feld ins Auge gefasst hat, ist Vetter der erste Stadtrat, der den Rohrer Weg dezidiert als potenzielles Baugebiet benennt.
Dabei wähnte man in Möhringen die Debatte über die Bebauung der Wiesen und Felder eigentlich für beendet. Schon 2002 hatten die bürgerlichen Fraktionen im Rat dort ein neues Quartier aus dem Boden stampfen lassen wollen. Doch der damalige Regierungspräsident Udo Andriof (CDU) legte sein Veto gegen einen Bebauungsplan ein. Das Gebiet sei ökologisch wertvoll und im Übrigen als wichtiges Kaltluftentstehungsgebiet für den Stuttgarter Talkessel ausgewiesen. 2005 wurde das Gebiet zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Doch CDU, FDP und Freie Wähler ließen nicht locker.
Umstrittener Deal zwischen Palmer und Schuster bei OB-Wahl 2004
Bei der OB-Wahl 2004 handelte der damalige Grünen-Bewerber Boris Palmer dann dem CDU-Amtsinhaber Wolfgang Schuster einen Verzicht auf die Baupläne ab und sprach sich als Drittplatzierter des ersten Wahlgangs für Schuster aus, ohne eine direkte Wahlempfehlung abzugeben. Palmers Haltung freute viele Möhringer, sorgte aber jahrelang für ein extremes Reizklima zwischen Grünen und SPD, deren Kandidatin Ute Kumpf bei der Stichwahl gegen Schuster unterlag. Der OB stand zu seinem Wort, legte sich gar mit den eigenen Parteifreunden im Gemeinderat an. Denn die bohrten weiter. Unter Führung des damaligen CDU-Fraktionschefs Reinhold Uhl unterstützte die Union bauwillige Grundstückseigentümer, die unter Berufung auf Ortsbaupläne aus der NS-Zeit vor Gericht zogen, um den Bau mehrerer Häuser am Rand der Streuobstwiesen einzuklagen. Das Stuttgarter Verwaltungsgericht gab ihnen recht. 2010 wurde mit dem Bau auf einem Randstreifen an der Udamstraße begonnen, nachdem die bürgerliche Ratsmehrheit verhindert hatte, dass die Stadt in Berufung ging.
Jetzt also, zwölf Jahre danach, wird die Debatte von CDU-Stadtrat Vetter wieder befeuert. Der Immobilienmakler, nicht unbedingt als engagierter Klimaschützer bekannt, beteuert, er anerkenne den ökologischen Wert des Areals. Wenn man aber den Klimaschutz ernst nehme, müsse man vor allem den Pendlerverkehr reduzieren: „Das ist dann immer eine Güterabwägung.“ Ganz anders sieht das Rüdiger Reinboth, der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Rohrer Weg: „Es ist unfassbar, dass das Thema wieder hochkocht.“ Nach seiner Ansicht müssten die Streuobstwiesen am Rohrer Weg nach dem Bundesnaturschutzgesetz eigentlich als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden. Auch das Birkacher Feld dürfe schon aus Artenschutzgründen nicht bebaut werden. „Wir werden entschieden Widerstand leisten,“ kündigt der Vereinsvorsitzende an.
Bauleitplanung würde in jedem Fall sehr lange dauern
Völlig offen ist derzeit, ob Vetters Vorschlag im Gemeinderat mehrheitsfähig wäre. In jedem Fall würde sich eine entsprechende Bauleitplanung lange hinziehen, das Landschaftsgebiet müsste zunächst über eine Änderung des Flächennutzungsplans wieder entwidmet werden. Der aktuellen Wohnungsnot würde die Bebauung jedenfalls nicht abhelfen.