Wohnungsverkäufe im Kreis Böblingen Baubranche sendet Warnsignale

Richtfest in Böblingen: Situation wird unterschiedlich gemeistert Foto: /Stefanie Schlecht/Archiv

Der Markt für Neubauten im Kreis Böblingen ist wie vielerorts eingebrochen. Während die einen weiter im großen Stil investieren, warnen andere vor Risiken.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Die Feierlichkeiten zur Einweihung des neuen Firmensitzes in Holzgerlingen dauerten ein ganzes Wochenende. Am dritten Tag, dem vorletzten Sonntag im Oktober, sitzt die Immobilienunternehmerin Bärbel Falkenberg-Bahr in der fünften Etage ihres neuen „Herzstücks“ bei Kaffee und Kuchen und zeigt sich zufrieden. Gerade einmal drei Jahre sind vergangen zwischen den ersten Vorüberlegungen zu dem Neubau und der jetzigen Einweihung, zu der neben dem Holzgerlinger Bürgermeister Ioannis Delakos auch der Böblinger Landrat Roland Bernhard herzlich gratulierte. Und das in einer Zeit, in der sich die Baubranche vom Musterknaben zum Sorgenkind entwickelt hat:Der Markt für Neubau-Immobilien ist innerhalb kürzester Zeit dramatisch eingebrochen.

 

Viele Faktoren führen zur Krise

Hätten in den Vorjahren etwa in der Landeshauptstadt Stuttgart in einem Halbjahr im Schnitt 700 neue Wohnungen den Besitzer gewechselt, seien es im ersten Halbjahr 2023 nur noch 37 gewesen. Auch im Kreis Böblingen zeige sich kaum ein anderes Bild, sagen Insider. Der Grund: Mehrere Faktoren, die in kurzer Zeit zusammenfielen.

Da wäre zunächst die coronabedingte Lieferketten-Problematik: Durch weltweite Lockdowns und Lieferstopps explodierten die Rohstoff-Preise. „Der Holzpreis hat sich über Nacht verdreifacht“, sagt ein Branchenkenner. Oder es waren vergleichsweise winzige Bauteile wie Fensterbeschläge, die nicht mehr lieferbar waren und die eine komplette Baustelle lahmlegen konnten. War Corona dann gerade so ausgestanden und die Lieferketten stabilisierten sich wieder, brach der Ukraine-Krieg aus und sorgte für Verwerfungen bei den Energiepreisen.

Galoppierende Zinsen befeuern die Krise

Als wäre all das noch nicht genug, hob die Europäische Zentralbank in Windeseile die Leitzinsen an und die Zeit des billigen Geldes war binnen Monaten vorbei. So vervielfachten sich die Kosten für Immobilienkredite. Bei steigenden Baukosten galoppierten also parallel die Finanzierungskosten davon, viele Häuser und Wohnungen wurden unerschwinglich. „Es sind viele dunkle Wolken am Himmel aufgezogen – und heraus kam der perfekte Sturm“, sagt ein Kenner der Branche. Und dieser brach dem ein oder anderen das Genick.

Im Sommer dieses Jahres meldete der große Gewerbe-Bauträger Development Partner mit Sitz in Düsseldorf Insolvenz an, der unter anderem gerade dabei war, den neuen Technology Campus der IBM in Ehningen fertig zu bauen. Mittlerweile herrscht auf der Baustelle Stillstand, der weitere Fortgang ist zur Stunde ungewiss. Im Kreis Ludwigsburg ging Paulus Wohnbau mit Sitz in Pleidelsheim im September dieses Jahres pleite. Nun bangen zahlreiche private Eigentümer um ihr Geld, dass sie bereits in die Projekte des Bauträgers investiert oder angezahlt hatten. Überall seien es die gleichen Parameter, die nicht mehr stimmten, sagen Immobilienexperten. Dabei sei die Nachfrage nach Wohnungen noch immer immens hoch. Nur sind diese derzeit schlicht für die breite Masse nicht mehr bezahlbar und die Bauträger blieben darauf sitzen. „Wir leiden extrem unter der Nicht-Verkäuflichkeit von Wohnungen“, sagt ein erfahrener Immobilienunternehmer, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Die Unternehmen von Bärbel Falkenberg-Bahr und ihrem Mann Claus Falkenberg lassen sich von all den Unkenrufen aus dem Markt hingegen nicht beirren.

Acht Baustarts allein in diesem Jahr

„Bei uns befinden sich derzeit 300 Wohnungen im Bau“, sagt Claus Falkenberg. Allein in diesem Jahr habe man acht Baustarts gefeiert, sagt er, 20 Baustellen betreue die Firma derzeit. Das Signal ist klar: Trotz der Turbulenzen im Markt bleibt das Unternehmerpaar auf dem Gas. Die beiden setzen auf das Vertrauen ihrer Kunden, dass sie über Jahre aufgebaut hätten und die langjährigen Beziehungen zu Baufirmen und Handwerkern in der Region, bei denen man einen guten Ruf genieße. Hürden sähen sie als Ansporn, diese zu überwinden, sagt Falkenberg.

Das jüngste Projekt in Holzgerlingen, das gleichzeitig das neue Domizil der Firma ist, sei das beste Beispiel: Fast alle Wohnungen seien bereits verkauft. Doch nicht überall sind die Vorzeichen so positiv.

Paulus liefert ein negatives Beispiel

Kenner der Branche warnen vor den Risiken, die diese Zeit mit sich bringe. Denn gerät ein Bauträger in Schwierigkeiten, kann schnell das Eigentum von Privatleuten in Gefahr kommen. Wie bei Paulus in Pleidelsheim: Dort gibt es aller Wahrscheinlichkeit über 1000 Geschädigte, die Geld verlieren könnten. Darunter Handwerker und vor allem private Geldgeber. Sie hatten dem Unternehmen insgesamt Millionen anvertraut und können nur noch auf einen glimpflichen Ausgang der Insolvenz hoffen.

Im Kreis Böblingen gibt es für eine Schieflage in dieser Größenordnung bisher keine Anzeichen. Aus der Branche ist lediglich zu hören, dass sich Neubauten – wie vielerorts – derzeit so gut wie nicht verkaufen ließen. Auch unbebaute Grundstücke fänden kaum Abnehmer. Einzig der Markt für gebrauchte Immobilien normalisiere sich etwas. Wurden hier in der Niedrigzinsphase zum Teil astronomische Summen selbst für in die Jahre gekommene Häuschen bezahlt, gebe es da mittlerweile deutliche Abschläge.

Sichtbarstes Zeichen der Krise in der Baubranche ist die Baustelle der neuen IBM-Zentrale in Ehningen: Der halb fertige Bürokomplex wurde unlängst mit Bretterverschlägen vor dem Winter geschützt.

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