Wolf bei Aalen gesichtet Tierhalter in der Region bangen um ihr Vieh

In Aalen-Oberkochen wurde ein Wolf gesichtet (Symbolbild). Foto: dpa/Boris Roessler

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Wolf auch hier wieder heimisch wird. Naturschützer freuen sich, doch viele Tierhalter sehen dem skeptisch gegenüber. Sie halten die Politik für verfehlt.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

„Leute, das ist ein Wolf!“ Das Erstaunen ist dem Spaziergänger in dem Video deutlich anzumerken. Das Tier steht nur wenige Meter vom Weg entfernt und zeigt keine Scheu. Der Clip, der in der vergangenen Woche die Runde machte, ist in Oberkochen bei Aalen aufgenommen worden. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg hat bestätigt, dass er einen Wolf zeigt.

 

Dieses Tier – vermutlich ein Jungtier auf der Suche nach einem Revier – wird dort wohl nicht heimisch werden. Auch wenn die bisher in Baden-Württemberg sesshaften Wölfe sich alle im Schwarzwald niedergelassenen haben: Durch einige Landkreise in der Region Stuttgart sind schon Wölfe gestreift. Im vergangenen Juni etwa wurde ein Wolf im Kreis Esslingen gesichtet. Und als im Frühjahr 2023 ein Wolf im Landkreis Böblingen ein Reh riss, war die Aufregung dort groß. Obwohl es sich um ein Wildtier handelte, wünschten sich manche Schäfer, früher informiert worden zu sein.

Vielleicht war das einer der Gründe, warum das Landratsamt Rems-Murr vorsorglich schon im vergangenen Herbst zu einer Informationsveranstaltung zur Ausbreitung des Wolfs geladen hatte. Das Zielpublikum waren sowohl Tierhalter als auch -schützer. „Wir wollten, dass die Leute informiert sind, bevor der Wolf hier auftaucht“, erklärt der Wildtierbeauftragte des Landkreises, Dominic Hafner. In der Zwischenzeit gab es im Rems-Murr-Kreis mehrere vermeintliche Sichtungen von Wölfen – keine davon wurde von der FVA bestätigt.

„Grundsätzlich ist es positiv, wenn eine Tierart, die hier lange ausgestorben war, selbstständig nach Baden-Württemberg zurückkehrt“, sagt Alexandra Ickes, Artenschutzreferentin des Nabus Baden-Württemberg. Der Wolf habe seinen Platz im Ökosystem: „Er hält den Bestand an Rehen und Wildschweinen fit und hilft damit auch den Wäldern, sich von den Folgen der Klimakrise zu erholen.“

Bei Naturschützern beliebt, von Tierhaltern gefürchtet

Der Wolf erobert sich seine Lebensräume zurück. Foto: Adobe Stock/ Holly Kuchera

Andere, wie der Welzheimer Wanderschäfer Hans-Dieter Wahl, sind weniger angetan vom Gedanken an Wölfe in der Region. Der 57-Jährige hält hauptberuflich 800 Mutterschafe und sagt: „Oberkochen ist von hier rund 50 Kilometer entfernt – das schafft ein Wolf in ein, zwei Tagen. Da macht man sich schon seine Gedanken.“

Immer wieder stellen sich vermeintliche Wolfsrisse zwar als Werk von streunenden Hunden heraus. Doch eine Auswertung des Umweltministeriums zeigt: Im Jahr 2023 sind im Land in 15 Fällen insgesamt 42 Tiere erwiesenermaßen von Wölfen getötet worden. Im Jahr zuvor waren es noch 29 Tiere in 19 registrierten Fällen. Vor allem Schafe und Ziegen, vereinzelt auch Rinder, fielen den Raubtieren zum Opfer. Bei Tierhaltern führt das zu Sorgen, mitunter gar zu Existenzängsten. Der Alfdorfer Alfred Höfer und seine Familie halten im Nebenerwerb Galloway-Rinder. „Die kalben ja auf der Weide und wären vom Wolf gefährdet“, sagt Höfer. Schafzüchter Wahl sagt, er würde aufhören, wenn zu viele seiner Tiere von Wölfen getötet würden.

Die Landesregierung hat in den Jahren 2018 bis 2023 insgesamt knapp 17 Millionen Euro ausgegeben, um Viehhalter zu unterstützen. Das Geld floss vor allem in Zuschüsse zu wolfsabweisenden Zäunen. Sowohl Wahl als auch Höfer halten davon allerdings nicht viel: Ersterer erklärt, es gebe manche Gelände, auf denen man einen Zaun gar nicht vorschriftsgemäß und wirkungsvoll aufstellen könne – etwa an steilen Hängen. „Gleichzeitig sollen wir gerade dort Landschaftspflege betreiben, die Politik widerspricht sich da doch selbst“, sagt Wahl.

Auch Unterhaltungskosten für Herdenschutzhunde werden vom Land gefördert. Der Galloway-Halter Alfred Höfer steht dem aber skeptisch gegenüber. Da er seine Tiere in drei Herden separat halten müsse, bräuchte er dann auch drei Hunde. „Bei all dem Aufwand, den ich für 18 Galloways betreiben müsste, wären es pro Jahr bestimmt 6000 Euro an Kosten. Ist es das der Gesellschaft wert – für einen Wolf, von dem letztlich niemand etwas hat?“, fragt er. Auch der Wanderschäfer Wahl ist nicht überzeugt: „Für meine Schafe bräuchte ich zehn Hunde – da müsste ich extra jemanden anstellen, der sich um sie kümmert.“

Ein Ausgleichsfonds entschädigt für gerissene Tiere

In Niedersachsen leben deutlich mehr Wölfe als in Baden-Württemberg. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Auch der „Ausgleichsfonds Wolf“, der vom Landesnaturschutzverband verwaltet wird und für Ausgleichszahlungen für getötete oder verletzte Weidetiere oder Gebrauchshunde gedacht ist, kann die Tierhalter nicht wirklich umstimmen. „Der Fonds ersetzt zwar die Kosten für ein Tier, kommt aber nicht für Folgeschäden auf, die zum Beispiel eine panische Herde auf der Autobahn anrichten kann“, sagt Hans-Dieter Wahl. Er sei dafür, auffällig gewordene Wölfe rasch schießen zu lassen.

Die Diskussionen um den richtigen Umgang mit dem Wolf zeigen: Es wird wohl auch in Zukunft noch Gesprächsbedarf geben. Beim Landratsamt ist man auf weitere Informationsveranstaltungen vorbereitet – und auch die FVA berät Landwirte und Tierhalter in Sachen Schutz vor dem Wolf. Illusionen machen sollten die sich aber keine: „Einen hundertprozentigen Schutz kann es keinen geben“, räumt die Nabu-Referentin Alexandra Ickes ein.

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