InterviewInterview Neuer Thriller von Wolfgang Schorlau „Die offizielle Lesart der Krise steht im eklatanten Widerspruch zur Realität“

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Und das ist ein Irrtum?
Von der gewaltigen Summe von etwa 250 Milliarden Euro sind in Athen – das sagen alle Experten – höchstens zehn Prozent angekommen, nach meinen Recherchen sogar nur 5 Prozent. Der Rest floss im Wesentlichen an deutsche, französische und amerikanische Banken, die sich mit Griechenland verzockt haben, sowie in Rückzahlungen an die EZB und den internationalen Währungsfonds. Vermutlich waren die Gelder nur ein paar Stunden in Athen, bevor sie dann zurückflossen nach Frankfurt und London. Der „große Plan“ ist also: Europas Steuerzahler übernehmen die Schulden der privaten Geldinstitute und reicher Privatpersonen.
Also doch: Verschwörung des Kapitals!
Nennen Sie es, wie Sie wollen. Es ist der Stoff meiner Romane: Wie wenig die Fakten, die man mit einiger Mühe recherchieren kann, mit der großen Erzählung zusammen hängen, die wir alle mehr oder weniger glauben. Was Griechenland anlangt, herrscht nach wie vor die Meinung, die Griechen hätten über ihre Verhältnisse gelebt und jetzt regle die Troika all jene Dinge, die zu regeln die Griechen selbst nicht imstande sind. Um es mit Schäuble zu sagen: Die Griechen müssen lernen, ihre Hausaufgaben zu machen. Der faule Pleitegrieche: aus solchen Vorurteilen speist sich die offizielle Lesart der Krise, die in eklatantem Widerspruch zur Realität steht.
Und da können Sie und Dengler nicht still halten.
Das Fatale ist ja: es wird in Griechenland nichts gerettet. Das Land hat 11 Millionen Einwohner, etwa soviel wie Baden-Württemberg. Und trotz der gewaltigen Geldströme geht es den Menschen in Griechenland immer schlechter. Die Dolmetscherin, die mich bei meinen Recherchen begleitete, erzählte mir eine Geschichte aus der Klasse ihrer Tochter, die ich in ähnlicher Form oft hörte: Kinder fallen im Unterricht ohnmächtig um aus Hunger. Ich hörte viele Geschichten von Kranken, die sich keine Operationen mehr leisten können, auch keine Medikamente. Ich hörte von Diabetikern, für die Insulin unerschwinglich geworden ist, und deren Hände und Arme deshalb amputiert wurden. Ich selbst war in Schulen, Gesundheitszentren, Suppenküchen, Stadtquartieren: Die Not ist in Europa ohne Beispiel. Die politischen Maßnahmen – Sozial- und Rentenkürzungen bei steigender Arbeitslosigkeit und steigenden Preisen– verwandeln Griechenland in ein Land der Dritten Welt.