Woody Allens neuer Film Liebe, Glück und Totschlag

Begegnung mit Folgen: die Kunstauktionatorin Fanny (Lou de Laâge) trifft ihren ehemaligen Schulkameraden Alain (Niels Schneider). Foto: Gravier Productions/Thierry Valletoux

Mit 88 Jahren legt Woody Allen seinen 50., womöglich letzten Film vor. Ein großer Wurf ist das romantische Kriminaldrama „Ein Glücksfall“ zwar nicht, ein unterhaltsamer, sehr typischer Allen aber allemal.

Paris kann sehr schön sein im Herbst. Das Blattwerk der Bäume leuchtet in Orange und Rot, das Sonnenlicht scheint milde, keine dunkle Wolke stört den Himmel, die Menschen und Häuser sind chic und adrett. Man bummelt und schlendert auf den Boulevards und in den Parks. Angesichts dieser stark idealisierten Atmosphäre in Woody Allens neuestem Werk „Ein Glücksfall“ ist die französische Hauptstadt für den New Yorker offensichtlich ein Sehnsuchtsort. 2010 hat der inzwischen 88-jährige schon einmal eine Geschichte in der telegenen Metropole angesiedelt – damals versetzte Allen in der romantischen Komödie „Midnight in Paris“ einen frustrierten amerikanischen Drehbuchautor zurück in die nostalgisch gezeichnete Pariser Künstlerszene der 1920er Jahre mit ihren ausschweifenden Partys und revolutionären Ideen.

 

Für seinen fünfzigsten und womöglich letzten Film ist Allen in die Stadt an der Seine zurück gekehrt, dreht das erste Mal in seiner Laufbahn mit französischen Darstellern und in französischer Sprache. Der Titel ist vielleicht nicht nur als Hinweis auf den zentralen Moment eines zufälligen Wiedersehens zweier alter Bekannter zu verstehen, die zu Liebenden werden. Vielleicht fühlt sich Allen in Europa wohler, seit ihm in den USA im Zuge der neu entflammten Debatte über alte, von den US-Behörden ad acta gelegte Missbrauchsvorwürfe um Adoptivtochter Dylan ein harscher Wind entgegengeschlagen war. 2017 hatte Amazon Studio den US-Kinostart von Allens „A Rainy Day in New York“ und die Produktion weiterer vereinbarter Werke gestoppt, um nicht den Zorn der Metoo-Bewegung auf sich zu ziehen.

Woody Allen kriegt doch noch die Kurve

„Ein Glücksfall“ beginnt dagegen unbeschwert von konkreten Zeitbezügen in einer träumerisch weichgezeichneten Gegenwart. Ins Zentrum stellt Allen die junge Kunstauktionatorin Fanny Fournier (Lou de Laâge), vermeintlich glücklich verheiratet mit dem Geschäftsmann Jean (Melvil Poupaud), der nach eigener Berufsbezeichnung „Reiche noch reicher macht“, umgeben von guten Freunden und reichlich Luxus. Als Fanny per Zufall ihrem ehemaligen Schulkameraden Alain (Niels Schneider) über den Weg läuft, stellt das Wiedersehen Fannys geordnete Welt auf den Kopf, aus ein paar gemeinsamen Parkspaziergängen in der Mittagspause erwächst bald eine handfeste Affäre.

Altmeister Woody Allen (88) kann das Filmen nicht lassen. Foto: AP/Vianney Le Caer

Ganz klar: Mit 88 Jahren und nach einer Karriere von mehr als einem halben Jahrhundert kann Woody Allen als Geschichtenerzähler das Rad nicht mehr neu erfinden. Wer einige der älteren Allen-Filme gesehen hat, erkennt die Konfliktlinien und Milieus sofort wieder. Beschaulich und angenehm belanglos plätschert die Erzählung im ersten Drittel vor sich hin, in den wenig substanziellen Dialogen charakterisiert Allen sein Figurenensemble als nobel, ein bisschen steif, intelligent, aber nicht allzu tiefgründig. Wenn Fanny bei einer Party mit Weinglas in der Hand Bekannten von ihrem Wiedersehen mit Alain berichtet, dann ist das für sie zunächst nichts weiter als eine aufregende kleine Synkope im sonst ereignislosen Alltag einer glücksverwöhnten Großbürgerin.

Fanny, Jean und Alain könnten als Figuren aufgrund dieser Eindimensionalität langweilig sein; auch wenn der Schriftsteller Alain das aus der Mode gekommene Ideal eines Freigeistes verkörpert und wie ein Fremdkörper Fannys sonst homogen snobistischen Freundeskreis bereichert. Allen kriegt aber doch noch die Kurve und irritiert das Liebesglück von Fanny und Alain, indem er Jean als gefährlichen Intriganten enttarnt, der im Hintergrund die Strippen zieht.

Ob Allen mit der überbetont kitschigen Idylle von Paris mitsamt putzigem Blumenladen, Dachmansarde und dem unvermeidlichen Café als Handlungsorte bewusst ein Gegengewicht zu der im weiteren Verlauf erstaunlich düsteren, teils makaberen Handlung schaffen will, oder als Amerikaner bloß dem Charme europäischer Touristik-Klischees erliegt, bleibt unklar, störend wirken auch ein paar Logiklöcher im Plot. Mit dem Einbruch des unvorhergesehen Bösen in Fannys heile Welt kommt aber doch noch Zug in die Geschichte, inklusive interessanter Wendungen und lustig fieser Schlusspointe, die man anfangs der lauwarmen Anlage nicht zugetraut hätte.

Guter Abschluss seiner Karriere

Als Altmeister des eleganten, dialogbasierten Unterhaltungskinos hat Allen mit diesem Film vielleicht nicht den besten, aber immer noch guten Abschluss seiner Karriere gefunden. In Anbetracht seien hohen Alters und im Vergleich zur kürzlich veröffentlichten, traurig verunglückten letzten Arbeit „The Palace“ von dessen nicht minder umstrittenem Kollegen Roman Polanski (92) liefert Woody Allen eine durchaus unterhaltsame Reflexion über Liebe, Glück, Mord und Totschlag.

Ein Glücksfall: Frankreich, UK 2023. Regie: Woody Allen, Mit Lou de Laâge, Melvil Poupaud. 96 Minuten. Ab 12 Jahren.

Komiker und Antiheld

Filmemacher
 Woody Allens erster Auftritt als Komiker 1960 in einem Nachtclub im Greenwich Village war ein Flop. Mit Filmen wie „Bananas“ (1971) oder „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten…“ (1972) feierte der 1935 in der Bronx Geborene dagegen Erfolge und etablierte sich mit „Der Stadtneurotiker“ (1977) endgültig als intellektueller Clown mit jüdischem Witz. Dabei faszinierten Allen stets auch dunkle Stoffe wie etwa in „Match Point“ (2005).

Privatleben
Allens Privatleben war turbulent, eine frühe erste Ehe mit der Studentin Harlene Rosen scheiterte, ebenso die Beziehung zu Mia Farrow. Die Ehe mit Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn besteht dagegen seit 1997. Die Missbrauchsvorwürfe von Adoptivtochter Dylan Farrow brachten Allen Negativschlagzeilen ein, obwohl die Behörden die Ermittlungen bald einstellten.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Woody Allen Kino Roman Polanski Video