Württembergische Kulturlandschaft Wie Schafe Streuobstwiesen retten
Zwischen Tübingen und Stuttgart wurde einst Gips abgebaut. Danach vertrieb wildwuchernde Natur heimische Tiere und Pflanzen. Lässt sich die Landschaft retten?
Zwischen Tübingen und Stuttgart wurde einst Gips abgebaut. Danach vertrieb wildwuchernde Natur heimische Tiere und Pflanzen. Lässt sich die Landschaft retten?
Eigentlich müsste es eine wahre Goldgrube sein. Im Winter wird es schließlich gern mal kalt, da müsste kuschelige Schafwolle aus heimischen Gefilden wie warme Semmeln weggehen. Auch Schafskäse ist eine leckere Angelegenheit und hervorragendes Fleisch aus der Region erst recht eine gute Option. Wer Schafe besitzt, sollte also viel Geld verdienen können.
Die Realität schaut anders aus. „Wolle will heute keiner mehr“, das mussten Paul Lemke und seine Frau Steffi schon bald feststellen. Paul Lemke geht einem Beruf nach, den es kaum noch gibt: Er ist Schäfer. Unter einem Schäfer stellt man sich gern mal einen kauzigen Typen vor, einen wortkargen Einsiedler, der bei Wind und Wetter mit seinen Tieren in der Natur unterwegs ist und in kargen Hütten und Bauwagen ein einsames Leben führt.
Paul Lemke ist dagegen kein altmodischer Nostalgiker, sondern leistet mit seinen Schafen einen wichtigen Beitrag für die Zukunft. Er, seine Frau und vor allem ihre Tiere betreiben offiziell und professionell Landschaftspflege und Naturschutz im Schönbuch. Ihre rund 600 Schafe – einige Ziegen sind auch mit im Einsatz – sind Tag für Tag irgendwo in der Pampa bei Ammerbuch zwischen Stuttgart und Tübingen unterwegs und tun das, was ihnen vermutlich das Liebste ist: Sie fressen, fressen und fressen.
Mit jedem Halm und jedem Stängel, den die wuscheligen beigen und braunen Vierbeiner futtern, minimieren sie die ökologischen Probleme dieses Landstriches – und leisten einen wertvollen Beitrag, dass die Biodiversität auf einer 55 Hektar großen Fläche derzeit wieder deutlich ansteigen kann. Pflanzen und Tiere, die hier einst heimisch waren, können sich inzwischen wieder ausbreiten.
Wenn man nun über die leicht hügelige Landschaft vorbei an alten Apfelbäumen spaziert und die Vögel zwitschern und Grillen zirpen hört, dann ist das nicht selbstverständlich. Als Stefan Hofmann vor sechs Jahren zum ersten Mal das Gelände besichtigte, war es noch kaum möglich, hier zu laufen oder gar zu wandern. Die einstigen Streuobstwiesen und Wälder waren so hoffnungslos zugewachsen und verbuscht, dass an vielen Stellen kein Durchkommen mehr war. Nicht mal die Bäume konnte man mehr ausmachen, weil der Wildwuchs zum Teil bis zu den Gipfeln reichte. Dazwischen auch noch Müll und Abfall. Hofmanns erster, „ganz schwäbischer Gedanke“, wie er es nennt: „Da muss richtig aufgeräumt werden.“
Der Jurist Stefan Hofmann ist Vorstand der Gips-Schüle-Stiftung – womit das ungewöhnliche Projekt in Ammerbuch direkt nach Stuttgart führt zu Eduard und Marie Schüle. Die beiden eröffneten 1870 in der Haldenstraße in Bad Cannstatt eine Gipsfabrik. Es wurde ein florierendes Geschäft, da Gips vielfach gebraucht wurde, ob als Baustoff oder als Dünger für die Felder. Zunächst kam der Gips der Schüles aus Untertürkheim und wurde mit Pferdefuhrwerken in die Gipsmühle gekarrt, aber schon bald entstanden weitere Mühlen und um 1900 waren die Schüles die Ersten, die in Stuttgart einen Lastkraftwagen besaßen.
Der Betrieb lief sogar so prächtig, dass man alsbald weitere Abbauflächen suchen musste und in Ammerbuch fand. 1910 wurde das Gipswerk Entringen in Betrieb genommen, wo man auch Estrich herstellte, der gern für Fußböden verwendet wurde, weil er die Feuchtigkeit gut regulierte. Bis zu 120 Arbeiter waren zeitweise im Gipswerk Entringen beschäftigt, das bis in die 1970er Jahren betrieben wurde. Dann endet die Geschichte der Familie Schüle. Die Geschwister Bruno, Julie und Berta hatten keine Nachkommen – und das große Vermögen, das sie hinterließen wie auch die vielen Häuser, die sie in Stuttgart für ihre Angestellten gebaut hatten, gingen in eine Stiftung ein. Auf den Hängen in Untertürkheim wächst heute Wein – und die Tröpfchen des Weinguts Wöhrwag und der Untertürkheimer Gips des Weinguts Aldinger erinnern auch geschmacklich noch daran, dass die Reben quasi auf Gips wachsen.
In Ammerbuch dagegen diente der Gipsbruch fortan als schnöde Erddeponie und wurde das Areal alsbald sich selbst überlassen. Und mit jedem Strauch, der hier nun wucherte, verschwand ein Stück der besonderen Kulturlandschaft, die doch eigentlich typisch für Baden-Württemberg ist. Die alten Streuobstwiesen verwilderten. Auf den einstigen Mähwiesen wurden Wiesensalbei, orientalischer Wiesenboxbart oder Wiesenmargerite sukzessive verdrängt und den heimischen Vögeln und Insekten der Lebensraum genommen. „Eigentlich ein totes Gelände inmitten eines Naturschutzgebietes“, erzählt Stefan Hofmann.
Dass man nun schon wieder einen Wendehals hören kann, der sich nur in offenen Flächen wohlfühlt, das verdankt die Region den Schafen von Paul Lemke, aber eben auch Stefan Hofmann. An sich fördert die Stuttgarter Gips-Schüle-Stiftung die Wissenschaft und Hochschulen, unterstützt hier Forschungsprojekte zu Klima, Umwelt oder Medizin und zeichnet dort vielversprechende Ideen von Doktoranden aus. Als Stefan Hofmann aber dieses „tote“ Gelände in Ammerbuch sah, war für ihn klar, dass die Stiftung diesmal ganz konkret im Landschaftsschutz tätig werden sollte.
Für das Landratsamt und das Regierungspräsidium in Tübingen war das eine glückliche Fügung. Denn die Flächen im Schönbuch gehören zum europaweiten Schutzgebietsnetz Natura 2000. Mit der sogenannten Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie will man erreichen, dass gefährdete Pflanzen und Tiere, die typisch für ein Gebiet sind, wieder natürliche Lebensräume erhalten. Und typisch für Baden-Württemberg meint: Streuobst- und Mäh- beziehungsweise Blumenwiesen.
So ist das Land durch die europäischen Vorgeben in der Pflicht, Areale zu rekultivieren – „aber natürlich dürfen wir nicht auf fremden Flächen agieren“, sagt Ines Aust vom Regierungspräsidium Tübingen. So ist man darauf angewiesen, dass Privatleute ihren Besitz zur Verfügung stellen und war man froh, dass die Gips-Schüle-Stiftung sich zur Rekultivierung bereit erklärte, was man denn auch finanziell und ideell unterstützte.
Wer schon mal wild gewucherte Brombeersträucher ausreißen wollte, der weiß, mit welcher Kraft Pflanzen ihren Lebensraum verteidigen. Die Robinie etwa ist gewitzt, sägt man sie ab, steckt sie alle Energie in die Wurzeln, sodass schon bald ringsum neue Schösslinge aus dem Boden treiben. Wer ihren Bestand minimieren will, sollte lieber die Rinde entfernen, damit die Pflanze allmählich abstirbt.
Es ist ein hartes Stück Arbeit, diesen über Jahrzehnte gewucherten Wildwuchs zu lichten – zumal man nicht großflächig roden wollte, um hinterher neue Wiesen anzulegen, sondern auf naturnahe Maßnahmen setzte. Zunächst mussten die Landschaftspfleger mit Maschinen anrücken. Mit Motorsägen ging es durchs Gestrüpp, mit Schlepper und Zange wurden große Teile herausbefördert und Äste und Stämme vor Ort gehäckselt. Das Material wurde später ins Heizkraftwerk gefahren und verfeuert.
Entstanden sind freie Flächen, auf denen zum Teil noch alte Obstbäume stehen. Aber die Idylle trügt – es würde nur wenige Wochen und Monate dauern, schon wären die weiten Wiesen und Hänge wieder zugewuchert. Deshalb wird Paul Lemke und seinen Tieren die Arbeit nicht so schnell ausgehen. Seine Ziegen sind hier nun im Einsatz, weil sie sehr gern Sträucher fressen, die schnell nachtreiben. Indem sie diese dauerhaft kurz halten, haben nun auch andere Arten eine Chance, sich auszubreiten.
Die Schafe leisten dagegen auf vielerlei Weise wertvolle Dienste – gerade auch mit ihrer Wolle, die der moderne Mensch verschmäht. Denn in ihr bleiben viele Pflanzensamen hängen, die dann an anderer Stelle zu Boden fallen, womit auf neuen Flächen Pflanzenvielfalt entstehen kann. Auch Insekten, die nicht fliegen können, nutzen Schafe sehr gern als Taxi, um sich in andere Gegenden befördern zu lassen.
Es dauert drei bis fünf Jahre, bis auf diese natürliche Weise ein artenreiches Weideland entsteht, aber schon jetzt kann man die Ergebnisse in Ammerbuch sehen. Die alte Gipsgrube ist auf dem besten Weg, eine fruchtbare Weidefläche zu werden, einige kleine Abbruchstellen mit offenen Felswänden wurden belassen, weil sie Pflanzen und Tieren eine Heimat geben können. Hier und da findet man auch noch Gipsbrocken, das Material, mit dem die Familie Schüle den Wohlstand in der Region voranbrachte.
Jetzt ernährt die Rekultivierung ihrer Flächen nicht nur Schafe und Ziegen, Fledermäuse und Vögel, die sich hier nun wieder wohlfühlen können, sondern auch Paul Lemke. Er lebt mit seiner Familie auf einem Hof in Altingen und verdient sein Geld mit der Landschaftspflege, die er und die Schafe betreiben. Er hat schon früh seine Liebe zu Schafen entdeckt. Als er eine Weile mit einem Schäfer mitlief, war endgültig klar, dass der Beruf zu ihm passt.
Und wenn er nun ein- oder oft auch zweimal am Tag seine blökenden und meckernden Tiere auf neue Flächen führt, ist es im Grunde einerlei, dass die Menschen die Schafwolle nicht mehr zu schätzen wissen. Hauptsache, Pflanzen und Tiere tun es.