Wunderglaube Die Tränen der Madonna
Nahe Rom pilgern die Menschen zu einer Muttergottes, die Blut weint. Die einen glauben an ein Wunder, die anderen an ein Geschäftsmodell.
Nahe Rom pilgern die Menschen zu einer Muttergottes, die Blut weint. Die einen glauben an ein Wunder, die anderen an ein Geschäftsmodell.
Es ist wieder so weit. Am Ufer des nordwestlich von Rom gelegenen Bracciano-Sees weint die Muttergottes blutige Tränen. Derlei geschieht häufiger, gerne im hyperkatholischen Italien, manchmal auch in Deutschland. Ein Marienbildnis vergießt Tränen, eine Marienstatue bekommt feuchte Augen. Gläubige Menschen eilen herbei, Verzweifelte und Versehrte. Andere verdienen daran: Spenden für vermeintlich gute Zwecke wandern in private Taschen, der Tourismus floriert.
Im Januar 2016 hatte die Sizilianerin Maria Giuseppe Scarpulla von einem Besuch in dem herzegowinischen, von der katholischen Kirche offiziell nicht anerkannten Wallfahrtsort Medjugorie eine Marienstatue mitgebracht. Bald darauf ging die gescheiterte und des Insolvenzbetrugs beschuldigte Unternehmerin mit der Geschichte von der weinenden Madonna hausieren. Sie sprach von Begegnungen mit der Gottesmutter, zeigte das blutverschmierte Gesicht der Gipsfigur herum und initiierte auf diese Weise eine eigene Wallfahrt in der Gemeinde Trevignano Romano am Bracciano-See. Zuletzt eilten am 3. April rund 300 Wundergläubige herbei. Außerdem gründete Scarpulla eine natürlich gemeinnützige Stiftung, um die Spenden der um ihre Gesundheit und ihr Seelenheil bangenden Pilger einzusammeln. Ein Mann will ihr 123 000 Euro anvertraut haben. Außerdem baute sie einen gut gehenden Handel mit Devotionalien auf.
Allerdings bekommt das neue Geschäftsmodell Scarpullas inzwischen Risse. Ein Privatermittler führte bei den Behörden Klage, der Muttergottes rinne Schweineblut übers Gesicht, er habe das untersuchen lassen. Alles Lug und Trug? Die Kontaktfrau Mariens ist mitsamt Gatten verschwunden. Ihr Anwalt beschwert sich über die öffentliche „Hexenjagd“ auf die fromme Frau.