Zahl der Scheidungen steigt Corona als Zerreißprobe für Beziehungen

Im Lockdown selbst hat sich kein Scheidungswilliger bei der Filderstädter Anwältin gemeldet. Foto: picture alliance/dpa/Martin Gerten
Im Lockdown selbst hat sich kein Scheidungswilliger bei der Filderstädter Anwältin gemeldet. Foto: picture alliance/dpa/Martin Gerten

Die Pandemie hat das Leben vieler Menschen auf den Kopf gestellt. Für Beziehungen sind solche großen Veränderungen nicht immer gut. Eine Scheidungsanwältin aus Filderstadt zieht eine erste Bilanz nach dem Krisenjahr 2020.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Filder - Homeoffice, Homeschooling, Lockdown – seit Frühjahr 2020 haben Familien und Paare zwangsläufig mehr Zeit zu Hause und damit miteinander verbracht als sonst. Das birgt Konfliktpotenzial und führt in vielen Fällen gar zur Trennung. Wie viele Ehen tatsächlich in der Corona-Zeit zu Bruch gegangen sind und gehen, können Scheidungsanwälte erst in etwa einem Jahr sagen. Zurzeit sehe man aber bereits, dass die Fälle im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen sind, sagt Vivien Dolde-Gass.

Als im Frühjahr der erste Lockdown kam, hat sich niemand mehr bei der Scheidungsanwältin gemeldet – keine neuen Fälle kamen rein, laufende Fälle waren plötzlich ausgesetzt. Die Anwältin für Familienrecht in der Filderstädter Kanzlei K3S spricht von einer Schockstarre, die die strengen Corona-Regeln mit sich gebracht haben. „Die Paare haben sich in diesem Zeitraum definitiv nicht getrennt“, sagt Dolde-Gass, „aber das heißt nicht, dass es in den Familien harmonisch zuging“.

Es ging wohl nicht um völlig neue Konflikte

In jeder Beziehung gibt es ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz. Mal verbringt man Zeit miteinander, mal ist man allein, mal mit Freunden unterwegs. Die Corona-Krise hat dieses Gleichgewicht durcheinander gebracht, meint Dolde-Gass. „Die Paare finden sich plötzlich in einem anderen Leben wieder“, sagt sie. So wären einige womöglich erst gar nicht zusammengekommen, wenn sie gewusst hätten, wie eng sie nun zusammenleben müssen. „Normalerweise kann man sich nach einem Streit aus dem Weg gehen, und wenn man mit jemand anderem darüber gesprochen hat, ist es oft schon besser. Aber das funktioniert eben nicht, wenn man das nur noch mit sich selbst ausmachen kann“, sagt Dolde-Gass. Inhaltlich glaubt die Rechtsanwältin nicht, dass es bei Trennungen um völlig neue Streitereien ging, die die Corona-Krise mit sich gebracht hat. „Da gab es bestimmt vorher schon Konflikte“, sagt sie.

Dass sich Paare gerade im harten Lockdown aber nicht getrennt haben, erklärt sich Dolde-Gass so: „Eine Trennung vollzieht sich immer auch räumlich“, erklärt sie, „und der Lockdown war eine Situation, in der man sich einfach nicht ausweichen konnte“. Hinzu kommt, dass viele Menschen 2020 von Kurzarbeit betroffen waren oder gar komplett um ihren Job fürchten mussten. „Da kann man sich nicht trennen, wenn man nicht weiß, ob der Partner einem überhaupt Unterhalt zahlen kann“, sagt Dolde-Gass. Deshalb haben die Scheidungsfälle ihrer Ansicht nach erst nach dem Lockdown im Frühjahr wieder zugenommen.

Das hat sie 2020 erstmals beobachtet

Insgesamt seien Klienten 2020 mit deutlich höherem Stresslevel zu ihr gekommen, sagt Dolde-Gass. Jeder Partner habe individuell eine innere Anspannung und Unsicherheit, wie es weitergeht – nicht mit der Partnerschaft, sondern mit der Arbeit und der finanziellen Sicherheit. Hinzu kommt der Druck des Homeschoolings, der laut Dolde-Gass zu riesigen Streitereien führen kann. Diese individuelle Anspannung könnte ein Grund für das sein, was sie in diesem Jahr zum ersten Mal beobachtet hat: Viele sind vor der Trennung bereits zum Anwalt gegangen. „Normalerweise trennen sich die Paare erst und suchen sich dann einen Anwalt“, sagt sie. „Aber jetzt haben viele eine Besprechung ausgemacht, um sich zu informieren, ob sie zum Beispiel mit den Kindern ausziehen dürfen oder was ihnen an Unterhalt zusteht, wenn sie sich trennen.“

Auch bei Paaren, die bereits getrennt leben, seien in diesem Jahr neue Verhaltensmuster aufgetreten. So gebe es einige Mütter, die ihre Kinder nicht mehr regelmäßig zum Vater bringen, weil sie die Kontakte aufgrund der Pandemie einschränken wollen. Dolde-Gass denkt trotzdem, dass das engere Zusammenleben, das die Corona-Zeit erzwungen hat, nicht ausschließlich schlecht war. Viele Beziehungen seien dadurch sicherlich gestärkt worden. „Aber diese Fälle kommen natürlich nicht zu mir“, sagt sie und lacht.




Unsere Empfehlung für Sie