ZDF Magazin Royale Böhmermann geht Frontex an

Jan Böhmermann attackiert die EU-Grenzagentur Frontex. Foto: ZDF/Screenshot
Jan Böhmermann attackiert die EU-Grenzagentur Frontex. Foto: ZDF/Screenshot

Jan Böhmermann hat das „ZDF Magazin Royale“ mal wieder als investigatives Politmagazin genutzt. Mit bösen Gags und harter Recherche hat er die EU-Grenzagentur Frontex attackiert.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Stuttgart - Achtung, ein wenig Zeit einplanen, diese Webadresse sollte man mal besuchen. Sie wird in den nächsten Wochen für politische Diskussionen sorgen. Hinter frontexfiles.eu stecken Jan Böhmermann und sein Team vom „ZDF Magazin Royale“. Und obwohl die jüngste Sendung wieder mal sehr witzig war, ist die Website kein Spaß. Nach einem eher verhaltenen Saisonauftakt vergangene Woche macht der TV-Satiriker nun so weiter, wie er vor der Winterpause aufgehört hat – als Mischung aus Spötter, Welterklärer und Investigativjournalist.

„Sorry, no Rettungsring“

Frontex, das ist jene Agentur der Europäischen Union, die deren Außengrenzen sichern soll. Ihr Gebaren hat bereits erhöhte Aufmerksamkeit erregt, weil es nun Videohinweise gibt, dass die Schiffsführer von Frontext das internationale Seerecht brechen. Dass sie also Menschen in unmittelbarer Lebensgefahr nicht retten, sondern Flüchtlingsboote abdrängen.

Böhmermann hat mit frecher Lässigkeit und garniert mit ätzenden Bemerkungen – „Sorry, no Rettungsring!“ – die Widersprüche und Kanten der Frontex-Maschinerie erstaunlich klar dargelegt. Da agiert eine Grenzpolizei ohne Kontrollapparat. Und da überantworten die Demokratien der EU, allesamt eingeschworen auf die Menschenrechte, Flüchtlingsschicksale routinemäßig der sogenannten libyschen Küstenwache. Die stuft Böhmermann wohl ganz zu Recht als „Warlord-Haufen“ ein.

Lobbyisten und Drohnen

Zusammen mit externen Rechercheurinnen und der NGO „Frag den Staat“ hat das „ZDF Magazin Royale“ Unterlagen über „Industry Meetings“ der Frontex ausgewertet und stellt sie nun auf frontexfiles.eu zur Verfügung. Die Papiere mussten nicht von Whistleblowern zugespielt werden, sie waren via Informationsfreiheitsgesetz der Europäischen Union beschaffbar. Zwischen 2017 und 2019 hat Frontex Industrievertreter und Lobbyisten eingeladen: „108 Vertreter*innen von Unternehmen, 10 Think Tanks, 15 Universitäten, eine Nichtregierungsorganisation“, wie die Website auflistet – und keine einzige Menschenrechtsorganisation.

Der Vorwurf von Böhmermann: Frontex habe sich Lobbyisten der Industrie geöffnet, lasse von denen die praktische Umsetzung der Flüchtlingspolitik bestimmen und nutze so auch Technologie, um Verantwortung zu umgehen. Wer etwa das Mittelmeer per Drohne statt per Schiff überwacht, der steht gar nicht erst vor der Herausforderung, Menschen an Bord nehmen zu müssen.

Zynismus und Bugs Bunny

Das ZDF-Politmagazin „Frontal 21“ wird das Thema am Dienstag, 9. Februar 2021, ab 21 Uhr vertiefen. Bis dahin kann man nicht nur in den Frontex-Dokumenten stöbern. Man kann auch einfach noch mal staunen, wie geschickt Böhmermann Spott, Moralappell und Analyse verknüpft. Wie er ein Werbevideo des Frontex-Chefs zerlegt und den Frontex-Chef Fabrice Leggeri in die Nähe von Bugs Bunny rückt, ohne dass sich der Ernst des Themas in Albernheit auflöst. Oder wie Böhmermann das vermeintlich rührende Video mit dem slowenischen EU-Abgeordneten Alojz Peterle, der im Parlament auf der Mundharmonika die offizielle EU-Hymne spielte, Beethovens „Ode an die Freude“ nämlich, zu einem Dokument der Heuchelei umwertet.

Man kann, das ist völlig okay, Jan Böhmermanns Stil trotzdem nicht mögen. Was einem aber die Haare sträubt, ist die gern abgetwitterte Bemerkung, er könne „nix außer beleidigen“. Handwerklich so nah dran wie Böhmermann und sein Team ist hierzulande niemand sonst an den großen US-Shows, die dort bereits als Instanz der Politdebatten funktionieren.

Verfügbarkeit: Die ganze Sendung kann hier in der ZDF-Mediathek bis zum 6. Mai 2021 abgerufen werden.




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