Die unfassbare Schnelligkeit des Spiels, der Kraftakt mit neun Partien in zweieinhalb Wochen, der dritte Titel der Dänen nacheinander, erstaunliche Leistungen der Jungstars – es gibt einige Punkte, die von der Handball-WM 2023 in Erinnerung bleiben werden. Dazu gehören auch der respektvolle Umgang der Spieler mit und die Akzeptanz von Schiedsrichterentscheidungen. Meint zumindest Urs Meier, der bei zwei Fußball-Weltmeisterschaften gepfiffen hat. „Nicht nur im Handball, auch im Rugby oder American Football gibt es eine Erziehung zum Fair Play, die auffallend ist“, sagt der frühere Weltklasseschiedsrichter und TV-Experte aus der Schweiz. „Im Fußball ist die Kultur eine ganz andere. Leider.“ Doch ist das wirklich so?
Im WM-Finale standen nicht nur die dänischen und französischen Handballer im Fokus, sondern auch Gjorgji Nachevski und Slave Nikolov. Die Unparteiischen aus Nordmazedonien hatten, das fiel auf, nicht ihren besten Tag. Und trotzdem gab es keine wilden Proteste, keine Rudelbildungen, keine aggressiven Trainer. Erst nach der 29:34-Pleite sagte Guillaume Gille, der französische Coach, dessen Team nicht gerade bevorteilt worden war: „Wir müssen die Qualität des Gegners anerkennen. Daneben gibt es ein wenig Frustration über ein paar Pfiffe gegen uns. Wir haben das Gefühl, dass einige davon ins Gewicht fielen.“
Das Regelwerk bietet mehr Möglichkeiten
Nicht immer ist die Handballersprache so kultiviert, der Respekt auf dem Feld aber die Regel. Die Spieler attackieren sich hart, schonen weder sich selbst noch die Gegenspieler. Aber mit den Schiedsrichtern wird nicht aufgeregt diskutiert, sie werden nicht angemeckert, nicht angegangen, nicht angeschrien. Dazu kommt: Schwalben oder andere Schauspieleinlagen sind eher selten, es gibt kein Vortäuschen von Verletzungen, nach Pfiffen wird der Ball weder blockiert noch weggeworfen, Zeitspiel von den Schiedsrichtern unterbunden. „Im Handball ist die Disziplin ausgeprägter als im Fußball“, sagt Jürgen Rieber (Ostfildern), der 20 Jahre in der Handball-Bundesliga gepfiffen hat und nun einer von drei Lehrwarten im Deutschen Handballbund (DHB) ist. „Allerdings ist das Regelwerk dabei sehr hilfreich.“
Im Handball haben die Unparteiischen vielfältige Sanktionsmöglichkeiten: Ermahnung, Gelbe Karte, bis zu drei Zeitstrafen pro Spieler, Rote Karte, Blaue Karte für Vergehen, die ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen. „Wir haben von der Meckerei bis zur Tätlichkeit sieben Patronen im Colt“, erklärt Jürgen Rieber, „ein Schiedsrichter im Fußball mit Ermahnung, Gelber Karte und Roter Karte, die anders als bei uns automatisch eine Unterzahl für den Rest des Spiels bedeutet, nur drei. Das ist schon ein Unterschied.“ Findet auch Patrick Ittrich.
Urs Meier fordert die Einführung der Zeitstrafe
Der Fußball-Referee hat sich in der „FAZ“ erstaunlich offen darüber geäußert, was ihm in der Bundesliga das Leben schwer macht („Das größte Problem ist das ewige Lamentieren“) und was helfen würde. Er plädiert, analog zum Handball, für ein strafferes Regelwerk und mehr Möglichkeiten zur Bestrafung. „Du hast mich beschimpft? Kriegst du zehn Minuten Zeit zum Abkühlen. Da können wir uns viel vom Handball abgucken“, erklärt Ittrich, der das Verhalten, das viele Fußballprofis zeigen, als „Mobbing of the Referee“ bezeichnete. „Wie kann es sein, dass ich nach einer Entscheidung von zehn Mann angemacht werde? Von mir aus: bam. Bam. Bam. Dreimal Rot oder Gelb-Rot. Dann spielen eben sieben gegen elf. Mir wäre das recht.“
Urs Meier fordert ebenfalls, bewährte Regelungen aus anderen Sportarten auf den Fußball zu übertragen. „Eine Zeitstrafe wäre unglaublich hilfreich, zumal die Gelbe Karte, bezogen auf die laufende Partie, ja keine schlimme Strafe ist“, sagt der Experte, „könnte der Schiedsrichter dagegen in der Schlussphase wegen einer Unsportlichkeit, Reklamierens oder Spielverzögerung eine zehnminütige Zeitstrafe aussprechen, würde sich viel verändern.“ Sinnvoll wäre es aus Sicht von Meier auch, wie im Volleyball nur noch dem Kapitän zu erlauben, den Schiedsrichter anzusprechen. Und den Profis, die sich für eine Verletzung behandeln lassen (müssen), eine kurze Auszeit zu verordnen. „Hätten die vermeintlich Angeschlagenen eine Minute draußen zu bleiben, würde ganz sicher weniger geschauspielert werden.“ Patrick Ittrich kann sich weitere Neuerungen vorstellen. Zum Beispiel, dass der Gegner nach einem taktisches Foul im Mittelfeld einen Freistoß 17 Meter vor dem Tor erhält: „Wie oft gäbe es dann solche Fouls noch?“
Jeder Pfiff kann entscheidend sein
Was nur zeigt, dass Spielraum für Verbesserungen durchaus vorhanden ist. Eines allerdings wird nie zu ändern sein: Im Handball fällt Tor auf Tor, die Schiedsrichter haben enorm viele Entscheidungen zu treffen – folglich fällt jeder einzelne Pfiff weniger ins Gewicht. „Nach einem Spiel interessiert sich niemand mehr für den Siebenmeter oder die Zeitstrafe in der zwölften Minute. Im Fußball kann ein Strafstoß oder eine Rote Karte in der zwölften Minute das Spiel entscheiden“, sagt Jürgen Rieber, „trotzdem würde ich mir auch im Fußball ein faireres Auftreten wünschen.“ Und das nicht erst bei der nächsten denkwürdigen WM.