Zeitung in der Grundschule „Kinder sind immer interessiert an Kommunikation“

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Die Sprachwissenschaftlerin Rosemarie Tracy lobt das Fingerspitzengefühl von Pädagogen, die Kindern Deutsch beibringen. Für unser Projekt „Zeitung in der Grundschule“ haben wir ein Gespräch mit der renommierten Wissenschaftlerin geführt.

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Stuttgart - Im Medienprojekt der Stuttgarter Zeitung für die Dritt- und Viertklässler „Zeitung in der Grundschule“ steht die Lust auf Sprache und aufs Lesenlernen im Mittelpunkt – auch für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen. Die frühe und gute Beschäftigung damit hat enorme Auswirkungen auf viele Lernbereiche, weiß die Sprachforscherin Rosemarie Tracy.

Frau Tracy, von welchen Faktoren hängt es ab, ob man eine Sprache lernt?
Vom erfolgreichen Erstspracherwerb sprechen wir, wenn Kinder sie altersgemäß sprechen und verstehen können, also auch keine Sprachentwicklungsstörung aufweisen. „Erfolgreiche“ Lerner bezeichnet man auch als „typische“ Lerner. Zweitsprachlerner, die später mit dem Erwerb einer neuen Sprache beginnen, dürfen wir nicht einfach an den Erstsprachlernern messen. Wir müssen sie daran messen, was sie von dem Zeitpunkt an, an dem sie mit einer neuen Sprache in Kontakt kommen, aufnehmen können. Wie erfolgreich sie sind, hängt daher von der Qualität und Quantität ihrer Erfahrung ab, und damit auch von den Sprachohrbildern, denen sie begegnen. So ist es auch wichtig, nach der Umgebung zu fragen, also ob man unter bestimmten Umständen überhaupt genug hören kann Generell gilt aber, dass wir ein Leben lang eine neue Sprache ganz passabel lernen können.
Wie sehr wirken schlechte Startbedingungen für den späteren Umgang mit Sprache nach?
Das kann man schlecht sagen. Wir wissen aber zum Beispiel von gehörlosen Kindern, deren Erstsprache ja die Gebärdensprache wäre, dass es – wenn sie keine Gelegenheit zum Erlernen dieser Sprache hatten – auch in anderen kognitiven Bereichen zu Entwicklungsverzögerungen kommt. Generell gilt, dass Kinder Wörter nicht erwerben, mit denen sie nicht in Kontakt kommen. Beim Wortschatz ist das so: Wenn man das Wort „Baum“ oder „Blume“ nicht hört, gibt es im Wortschatz schlicht eine Lücke, auch wenn das Kind natürlich weiß, was Bäume und Blumen sind. Zweitsprachlerner müssen dann für verfügbare Konzepte neben den Bezeichnungen in der Erstsprache noch die Wörter der neuen Sprache lernen.
Gerade das Thema Zweitsprachlerner ist für die Grundschulen mit vielen Flüchtlingskindern ein Thema. Was kann man tun, um das möglichst gut und schnell zu schaffen?
Tja, mit der Schnelligkeit ist das so eine Sache! Der erfolgreiche Spracherwerb braucht nämlich Zeit, egal um welche Lerner es sich handelt. Das Gute ist: Kinder sind von ihrem Naturell her interessiert an Sprache und Kommunikation. Aktuell muss man sicher berücksichtigen, dass viele Kinder mit Fluchterfahrung traumatisiert sind und von daher noch etwas mehr Zeit brauchen als Kinder ohne diesen Hintergrund. Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, dass Kinder, die eine Zweitsprache erlernen, zunächst mehrere Monate ganz still sind und ganz plötzlich anfangen zu reden.
Konkret: Was kann die Schule da leisten ?
Man kann bei Grundschulkindern nutzen, dass sie eigentlich schon wissen, worum es in der Schule geht: Neues zu lernen, und für Kinder mit anderen Erstsprachen heißt dies auch, eine neue Sprache zu lernen. Beim Unterrichten von Quereinsteigern, die noch kein Deutsch können, sind am Anfang auch Muttersprachler, also beispielsweise Menschen, welche die Sprachen der Geflüchteten beherrschen, hilfreich. Sie können den Einstieg erleichtern und betonen: Hier bringt man Euch jetzt in Nullkommanichts eine neue Sprache bei, und das macht Spaß. Es ist wichtig, dass Kinder dazu ermutigt werden, etwas zu sagen, denn das eigene Sprechen ist wichtig. Allerdings sollte man keinen Druck aufbauen, sondern zum Ausdruck bringen: Ich interessiere mich dafür, was Du zu sagen hast.
Sind die Schulen auf diese Herausforderungen eingestellt? Der „ganz normale“ Unterricht muss ja auch sein.
Es gab immer schon mal einzelne Kinder, die im Zuge verschiedener Zuwanderungswellen in Klassenverbände aufgenommen wurden. Die haben fast immer recht schnell Deutsch gelernt. Die aktuelle Situation wird dadurch erschwert, dass in vielen Schulen ein hoher Prozentsatz von Kindern zunächst nur geringe Deutschkenntnisse aufweist. Das heißt, für Quereinsteiger sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie über ihre Altersgenossen, mit guten Sprachvorbildern versorgt werden. Man braucht ein gutes Team, und die Lehrer brauchen Freiräume, damit sie gemeinsam ein für ihre Schule gutes Konzept erarbeiten und umsetzen können. Ich bin da aber sehr hoffnungsvoll.
Natürlich sollen die Kinder schnell Deutsch lernen, aber zu würdigen, dass sie perfekt arabisch können, wäre doch etwas, was die Kinder motivieren könnte, oder?
Das sage ich seit Jahren. Man darf nicht mit der Rotstiftperspektive an das Thema gehen. Kleinkinder lernen gut zehn Wörter am Tag – aber sie brauchen auch Zeit. Kinder benötigen etwa zwei Jahre, um das Spektrum von einfachen Fragen zu verstehen Diese Zeit muss man allen Lernern geben. Vor allem muss man sie als sprachbegabte Lerner behandeln. Und den Eltern muss man sagen, dass Kinder im Zuge des Zweitspracherwerbs ihre Erstsprache nicht verlieren müssen. Das Gehirn ist zum Glück kein Eimer, aus dem die eine Sprache rausmuss, wenn eine neue hineinkommt.
Eine Frage noch zum Lesen, auch da reicht die Begeisterung von „gar nicht“ bis „immer“ bei den Kindern. Wie kann man das fördern?
Natürlich gibt es diese Typen, das ist aber bei Erwachsenen auch nicht anders. Bei Kindern ist speziell zu sehen, was Schulen als Kanon vorsehen. Jungs lesen andere Dinge als Mädchen, auch innerhalb der Geschlechter gibt es große Unterschiede. Generell gilt aber: Man muss Anreize schaffen. Einfach etwas abzuschreiben, ist furchtbar langweilig. Man könnte damit viel kreativer umgehen. Zum Beispiel plant man ein Fest, und die Kinder sollen Listen anlegen, was dafür gebraucht wird. Oder man schreibt einen Brief an die Stadt, weil die Kinder sich einen neuen Spielplatz wünschen. Wenn dann einfach nur zurückkommt: „Hier ist alles dreckig“, interveniert man und geht dabei tief in die Sprache hinein.