Zentrale Nord-Süd-Achse Nächster Schritt zum Großumbau mitten in Fellbach

Wo ist das Fehlverhalten auf dem Bild? Nun, die Dame im pinken Oberteil fährt auf dem alten, aber nicht mehr gültigen Radweg. Foto: Dirk Herrmann

Der Fellbacher Gemeinderat beschließt die von der Bauverwaltung erarbeiteten städtebauliche Zielsetzungen für die nördliche Bahnhofstraße. CDU und Freie Wähler mahnen allerdings, dass die Belange der Einzelhändler nicht unter den Tisch fallen dürften.

In was für einem höchst skurrilen Zustand präsentiert sich bereits seit geraumer Zeit der wichtigste Teil der zentralen Nord-Süd-Achse in Fellbach – ein Kuriosum, das die Einheimischen zwar seit vielen Jahren kennen, das aber für Menschen, die insbesondere auf dem Fahrrad erstmals dort unterwegs sind, jedoch nur schwer zu begreifen ist. Es war, wie der Blick ins Archiv zeigt, der 15. Mai 2017, als Mitarbeiter des städtischen Bauhofs die Leiter erklommen, um die dort bereits angebrachten Tempo-30-Schilder von den übergestülpten Säcken zu befreien. Nahezu zeitgleich wurden die Radler von ihrem bisherigen Radweg auf die Straße verbannt, um im Autoverkehr „mitzuschwimmen“, wie es hieß.

 

Der alte Radweg ist noch da, darf aber nicht mehr benutzt werden

Das Besondere dieser eigentlich nur auf ein Jahr festgelegten Testphase: Der abgetrennte Radweg ist zwar immer neben dem Gehweg vorhanden, darf allerdings nicht mehr als solcher genutzt werden – angezeigt auch durch ein auf den alten Radweg gepinseltes Fußgängersymbol. Immer mal wieder sprechen Ordnungsbeamte Verwarnungen an jene Radler aus, die eben doch dort verbotenerweise strampeln.

Verbessert werden könnte diese Regelung durch den schon lange diskutierten Großumbau der nördlichen Bahnhofstraße – auch, um endlich die maroden Wasserleitungen im Untergrund zu erneuern. Im Mai 2020 hieß es aus dem Rathaus: „Der Baustart ist für Herbst 2021 vorgesehen.“ Doch die Pandemie, intensive Debatten mit Geschäftsleuten über womöglich wegfallende Parkplätze und die Ebbe in der Stadtkasse sorgten immer wieder für Verzögerungen.

Mehr Sicherheit für „vulnerable Mobilitätsteilnehmer“

Immerhin, der nächste Schritt kommt langsam in Sichtweite. Das Lokalparlament hat in seiner jüngsten Sitzung die von der Baudezernentin Beatrice Soltys vorgestellten „allgemeinen städtebaulichen Zielsetzungen“ mit klarer Mehrheit abgesegnet. Dazu gehört etwa der barrierefreie Ausbau der Gehwege und Bushaltestellen, es soll Abstellanlagen für Fahrräder, E-Bikes und Lastenräder geben. Angepeilt ist mehr Verkehrssicherheit „für vulnerable Mobilitätsteilnehmer“, also Radfahrer und Fußgänger. Wünschenswert ist eine attraktivere Straßenraumgestaltung mit genügend Aufenthaltsflächen zu „Erholung, Kommunikation, Spiel und Einkaufserlebnis“. Vorgesehen sind dem Klimawandel angepasste Baumarten und Baumquartiere sowie weitere Pflanz-, Begrünungs- und Beschattungsmaßnahmen. Der Straßenraum für den motorisierten Individualverkehr soll reduziert werden, auch wenn die Bahnhofstraße als innerörtliche Hauptachse erforderlich ist, insbesondere wegen der Buslinie 60.

Aufgewertet werden soll dieser 750 Meter lange nördliche Abschnitt der Bahnhofstraße durch vier sogenannte Ankerpunkte, also Platzbereiche. Soltys: „Sitzgelegenheiten und öffentliches Grün sollen Bewohner und Besucher einladen, sich die Plätze als Treffpunkte im Innenstadtbereich anzueignen, zum Beispiel für Treffen zum Morgenkaffee, Lunch, Feierabendplausch. Angesichts der divergierenden Interessen geht es nun um eine Lösung, bei der die Kompromissfähigkeit aller Beteiligten gefordert ist.

Erster Planungsentwurf kommt im Oktober in die Gremien

Wohin die Reise genau und im Detail geht, steht allerdings noch keineswegs fest. Schulleitungen und Elternvertreter aus dem nahe gelegenen Maickler-Schulzentrum werden noch im Mai oder Juni angehört. Ebenfalls in dieser Zeitspanne erfolgt eine umfassende Befragung der Bürgerinnen und Bürger. „Anschließend erfolgt eine Rückkoppelung aller Ergebnisse mit den Einzelhändlern und Gewerbetreibenden im Juli“, erklärte Soltys und ergänzte: „Ein erster Planungsentwurf soll im Oktober dieses Jahres in die Gremien eingebracht werden.“

In der Debatte zeigte sich vor allem Thomas Seibold (Freie Wähler/Freie Demokraten) skeptisch. Es gehe zu sehr um Radfahrer oder Gehwege, doch Themen wie Parkierung „und der motorisierte Individualverkehr, umgangssprachlich das Auto“, fänden kaum Erwähnung. Seine provokante These: „Durchaus berechtigte Interessen des Radverkehrs dürfen nicht in der kurz bevorstehenden Heiligsprechung desselben gipfeln.“ Denn: „In Fellbach können wir schon aufgrund der stadtgeometrischen Gegebenheiten den Wettbewerb um die schönste und funktionierendste Flaniermeile und die höchste Aufenthaltsqualität nicht gewinnen.“ Doch vielleicht könne diese Devise „unser Wettbewerbsvorteil oder fast schon Alleinstellungsmerkmal“ sein: „In Fellbach kann man noch mit Auto einkaufen.“

In der Bahnhofstraße, so CDU-Fraktionschef Franz Plappert, gebe es Einzelhändler, „deren Kunden kommen zu zwei Dritteln nicht aus Fellbach – können solche Geschäfte später noch erreicht werden?“ Deshalb fordere seine Fraktion, „alle Planungen an den Kundenwünschen und den Möglichkeiten der Geschäftsinhaber auszurichten, alles andere führt nicht zum Erfolg“.

Angepeilt wird „eine gesunde Mischung“

Optimistischer äußerten sich Vertreter anderer Fraktionen: Grüne und Stadtmacher begrüßten, dass Klimabelange berücksichtigt werden. Letztlich gehe es um Kompromisse, sagte SPD-Chef Andreas Möhlmann: „Es wird nicht die autogerechte Stadt, und es wird auch keine Fußgängerzone geben, sondern eine gesunde Mischung.“ Allerdings mahnte er nach der langen Zeit jetzt ein zügigeres Verfahren an: „Im Oktober muss die Entscheidung getroffen werden, wir wollen auch mal die Zielfahne sehen.“

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