Zimmerin aus Berglen Drei Jahre auf Wanderschaft – ohne Handy

In wenigen Tagen macht sich Kathrin Wörner aus Öschelbronn auf Wanderschaft – für mindestens drei Jahre und einen Tag. Foto: Gottfried Stoppel

Als Zimmerergesellin ist Kathrin Wörner aus Berglen eine Exotin. Nun bricht die 23-Jährige zu einer Bildungsreise der besonderen Art auf: Sie geht für drei Jahre auf Wanderschaft und will dabei nicht nur Europa erkunden.

Der Countdown läuft: Am 23. Oktober wird Kathrin Wörner morgens zum Ortsrand von Öschelbronn gehen und dort über das gelbe Ortsschild klettern, um dann ihrem Heimatdorf, der Familie und den Freunden den Rücken zu kehren und in die weite Welt hinaus zu wandern. Für mindestens drei Jahre und einen Tag, so will es die Tradition, wird die 23-jährige Zimmerergesellin auf die Walz gehen. Im Gepäck hat sie nur das Nötigste, verpackt in mehrere Stofftücher, die „Charlottenburger“ heißen.

 

Zu den wenigen Stücken im geschnürten Stoffbündel gehört eine große Straßenkarte von Deutschland, in der auch alle Autobahnen eingezeichnet sind. Denn Google Maps ist keine Option für Kathrin Wörner – Handys sind auf der Walz nicht erlaubt. Das Verbot hatte bei Kathrin Wörner zunächst etwas Bauchschmerzen verursacht: „Ich liebe es, Musik zu hören, und hatte anfangs die Befürchtung, dass das nicht geht, weil das Handy zu Hause bleiben muss. Aber inzwischen weiß ich, dass MP3-Player erlaubt sind.“

Gereist wird per pedes oder Autostopp

Weil man auf der Walz kein Geld für Unterkunft und Transport ausgeben soll und zumindest anfangs auch nur wenige Euro in der Tasche hat, heißt es zu Fuß gehen oder Daumen raus und per Autostopp reisen. Beides kein Problem für die junge Zimmerin, die von sich sagt, sie liebe es zu wandern und zu trampen: „Trampen ist toll, denn dabei trifft man die unterschiedlichsten Menschen.“

Die meisten reisenden Handwerksgesellen – sie werden „Fremdgeschriebene“ genannt – markieren in der Straßenkarte den Bannkreis, den sie während der Wanderschaft meiden müssen. Er beträgt 50 Kilometer rund um den Heimatort und darf nur ausnahmsweise betreten werden, etwa bei schwerer Krankheit oder einem Todesfall in der Familie. „In den ersten Tagen der Wanderschaft arbeitet man eher nicht, sondern versucht, den Bannkreis hinter sich zu lassen“, erzählt Kathrin Wörner. Während der ersten zwei, drei Monate gilt außerdem eine Kontaktsperre, danach dürfen die Reisenden wieder Freunde und Familie anrufen.

Eine Altgesellin hilft bei Anlaufschwierigkeiten

Ganz allein muss sich die 23-Jährige in den ersten Wochen aber nicht durchschlagen. Eine Altgesellin, die schon Erfahrungen gesammelt hat, wird sie „losbringen“, wie es in der speziellen Sprache der Wandergesellen heißt. Sie wird der Aspirantin Tricks verraten und Tipps geben, ihr zum Beispiel erklären, wie sie ihr Bündel, die Hauptrolle, richtig schnürt. Und sie irgendwann schließlich in die Eigenständigkeit entlassen.

Die Wanderkameradin Nike, eine Landwirtin, hat Kathrin Wörner auf einem der Treffen kennengelernt, zu welchen die Handwerksgesellen auf Wanderschaft immer wieder zusammenkommen. Sie sind eine wichtige Anlaufstelle, um Kontakte zu knüpfen, gerade, wenn man wie Kathrin Wörner nicht Mitglied einer Gesellenvereinigung ist, sondern als Freireisende loszieht. Aufgabe der Altgesellin ist auch, das obligatorische Wanderbuch zu organisieren.

Das Wanderbuch muss auf alle Fälle mit

In das Buch mit Blankoseiten muss ein Steckbrief von Kathrin Wörner, zudem packt sie eine Kopie ihres Gesellenbriefs und Arbeitszeugnisse zwischen die Seiten. „Ins Wanderbuch kommen auch die Stempel der Städte, die man bereist. Die holt man sich auf dem Rathaus“, erklärt die 23-Jährige. Zudem schreiben die Arbeitgeber hier ihre Bewertungen hinein. Maximal drei Monate sollten die Handwerksgesellen auf der Walz bei einem Betrieb arbeiten, der meistens für eine Unterkunft sorgt. Zwischen den Jobs muss Kathrin Wörner selbst schauen, wo sie ihren Schlafsack ausbreiten kann. „Manchmal laden einen Leute zu sich nach Hause ein“, erzählt die 23-Jährige, die sich während der Reisezeit immerhin zum Studententarif bei der Krankenkasse versichern kann: „Die Zeit wird als Bildungsreise anerkannt.“

Maßgeschneiderte Kleidung für die lange Reise

Ihre Ausbildung zur Zimmerin hat Kathrin Wörner bei der Weinstädter Firma Dippon absolviert. Dank ihres Abiturs konnte sie im zweiten Lehrjahr einsteigen – und viele Erfahrungen sammeln. „Ursprünglich wollte ich eine Schreinerlehre machen, denn ich bin ein Fan von Holz. Aber als Schreinerin arbeitet man häufig in der Halle. Ich bin aber sehr gerne im Freien.“ Nach einem Praktikum bei der Firma Dippon, wo sie sich sehr wohlfühlte, entschloss sich Kathrin Wörner zu einer Ausbildung zur Zimmergesellin. Während ihrer Lehrzeit dort hat sie viel gelernt, die Dächer von Einfamilienhäusern aufgestockt und den Dachstuhl der Fellbacher Johanneskirche auf Vordermann gebracht. Nebenbei hat sie sich von einer sehr schüchternen zu einer selbstbewussten jungen Frau entwickelt. „Vor meiner Lehre habe ich mir nichts zugetraut, aber das hat sich total geändert“, sagt sie.

Während der Reise wird sie ihr maßgeschneidertes Jackett aus schwarzem Cordsamt, eine Schlaghose aus demselben Stoff und einen schwarzen Hut tragen. „Ich habe mir sagen lassen, dass man mit der Kleidung Regen meiden sollte, weil sie schlecht trocknet. Und dass die Kluft im Sommer zu warm und im Winter zu kalt ist.“ Immerhin lässt sich in den Taschen so einiges unterbringen.

Weil sie keine Winterjacke tragen darf, muss die wärmende Schicht eben drunter verstaut werden – Skiunterwäsche ist angesagt. In den nächsten Monaten will Kathrin Wörner zunächst Deutschland besser kennenlernen, danach zieht es sie in die Ferne: „Ich will unbedingt nach Spanien, England und Skandinavien – und Mexiko steht auch auf meiner Liste.“

Was man über die Wanderschaft wissen sollte

Ursprünge
Auf Wanderschaft zu gehen ist ein alte Tradition und war früher in etlichen Handwerksberufen Pflicht. Nur Gesellinnen und Gesellen dürfen auf die Walz gehen. Diese war und ist eine Art Bildungsreise, bei der die Wandernden in anderen Betrieben arbeiten, neue Arbeitstechniken lernen und sich nebenbei persönlich weiterentwickeln.

Regeln
Wer auf die Walz gehen will, kann sich entweder einer Gesellenvereinigung, auch Schacht genannt, anschließen oder als Freireisende(r) losziehen. Für die Walz gibt es je nach Schacht unterschiedliche Regeln, zu denen meist die gehören, dass man zum Heimatort einen Mindestabstand von 50 Kilometern halten muss und kein Handy und kein eigenes Auto nutzen darf. Man muss wandern oder trampen, Flugreisen sind allerdings erlaubt.

Ausstattung
Wandergesellinnen und -gesellen sind meist in traditioneller Kluft unterwegs, die je nach Handwerk variiert. Wer zum Beispiel mit Holz arbeitet, trägt Schwarz. Ihre Habseligkeiten schlagen Wanderer in ein Stofftuch ein. Immer mit dabei ist ein Wanderbuch, in dem die Stationen der Wanderschaft und die Arbeitszeugnisse stehen.

Sprache
Die Walz bringt ein eigenes Vokabular mit sich. Ein Handwerker auf der Walz heißt „Fremdgeschriebener“, nach der Wanderschaft ist er ein „Einheimischer“. Der Wanderstock wird „Stenz“ genannt, das Hemd „Staude“, das Einschlagtuch „Charlie“ und die Krawatte „Ehrbarkeit“.

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