„Ich habe Gänsehaut“, sagt der sichtlich bewegte Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz, als er ans Rednerpult zurückkehrt. Soeben hat er Zeki Yasik sowie Dragan und Dusko Vukobrat den Sonderpreis Zivilcourage überreicht. Diesen drei Helden, die am Morgen des 25. Oktober 2023 im Böblinger Röhrer Weg so geistesgegenwärtig waren, einen zehnjährigen Jungen vor einer mutmaßlichen Entführung zu retten. Ein vierter Beteiligter, der als Mitarbeiter einer anliegenden Firma ebenfalls maßgeblich an der Vereitelung beteiligt war, erhält den Preis separat, da er auf der Verleihung am Donnerstag in der Aula am Murkenbach nicht öffentlich auftreten wollte.
An dem fraglichen Morgen im Oktober des vergangenen Jahres hatte ein damals 51-Jähriger seinen VW Bus Transporter vor einer Firma abgestellt und Kindern auf dem Schulweg aufgelauert. Als drei von ihnen auf dem Fahrrad des Weges kamen, stoppte er sie und zerrte einen Zehnjährigen nach einem Wortgefecht in den Transporter. Die Schulkameraden erkannten die Situation, einer eilte weiter zur Schule, um Hilfe zu holen, der andere blieb vor Ort. Auf die Streiterei wurde der Firmenmitarbeiter aufmerksam und schritt ein, als der Zehnjährige lautstark um Hilfe schrie.
Rettung in letzter Sekunde
Im selben Moment erkannten auch Zeki Yasik und die Gebrüder Vukobrat die Dramatik der Situation, die dort auf einer Baustelle mit Kanalarbeiten beschäftigt waren. Zu viert stoppten sie den VW Bus, stellten den mutmaßlichen Entführer zur Rede, befreiten den Jungen und riefen die Polizei. Der 51-jährige Tatverdächtige wurde nach Vorführung vor dem Haftrichter am Amtsgericht Stuttgart in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Gegen ihn wird wegen versuchter Freiheitsberaubung ermittelt.
Als die drei „Helden vom Röhrer Weg“ am Donnerstag die Bühne betraten, hielt es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen. Im Stehen applaudierte der mit an die 200 Personen gefüllte Saal den Dreien. „Es ist nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn niemand eingeschritten wäre“, sagte OB Belz in seiner Laudatio. Er selbst besuchte die Retter zwei Tage nach der Beinahe-Entführung und regte im Gemeinderat die Auszeichnung an, der einstimmig dafür war.
Adrenalinschub auf der Bühne
„Jetzt noch mal auf der Bühne zu stehen, war schon noch mal ein Adrenalinschub für mich“, sagt Zeki Yasik, selbst Vater von drei Kindern. „Wir fühlen uns sehr geehrt und bedanken uns für die Auszeichnung. Das Wichtigste für mich ist, dass es dem Jungen gut geht.“ Der sei in Begleitung seiner Eltern auf dem Weg zur Schule immer wieder vorbei gekommen. Yasik: „Wenn wir uns sehen, winken wir uns zu.“ Der Vorfall löste Bestürzung aus, die Schule verstärkte gemeinsam mit den Eltern die Kriminalprävention.
Neben dem Sonderpreis ehrte die Stadt an dem Abend weitere Menschen, die sich in besonderem Maße um das Gemeinwohl verdient gemacht haben im Rahmen ihres Sozialpreises. Der wird seit 2001 alle zwei Jahre in drei Kategorien vergeben: Einzelperson, Vereine und Projekte sowie Unternehmen.
Als Einzelperson wählte die Jury aus den Vorschlägen Roland Graner aus. Der 86-Jährige spielt seit 2003 regelmäßig in der Böblinger Seniorenresidenz Haus am Maienplatz samstags zum Nachmittagskaffee am Klavier. Zudem gibt Graner zweimal im Jahr ein Wunschkonzert. Stefan Belz dankte ihm für seine „einfühlsame und beständige Verschönerung des Alltags der Heimbewohner.“
Lebensretter im Wasser
In der Kategorie Vereine und Projekte entschied sich die Jury für die Böblinger Ortsgruppe der Lebensretter von der DLRG, die Ehrung nahmen Beate Vogt und Oliver Lück entgegen. Die DLRG organisiert seit 2014 jährlich den sogenannten Helfertag gemeinsam mit einer Grundschule, um Kindern verschiedene Schwimmdisziplinen näherzubringen.
Als Organisation geehrt wurde der Böblinger Diakonieladen, deren Betreiber Erika Aichele und Volker Nädele auf die Bühne kamen. Seit 2003 besteht die Einrichtung für Bedürftige, allein im vergangenen Jahr wurden an rund 12 000 Kunden 37 000 Teile verkauft, wie Nädele sagte.
Der Preis in der Kategorie Unternehmen ging an das Modelabel „My little Bukhara“ und Nadira Khalikova. Sie produziert im Sinne der Slow Fashion mit 40 sozial benachteiligten Handwerkerinnen in Usbekistan, die unter fairen Bedingungen maßgeschneiderte Mode herstellen, die von Böblingen aus vertrieben wird.