Zivilcourage Zur Wiedergutmachung Briefe aus dem Knast

Von Katharina Kraft 

Das Projekt „Hinschauen, Eingreifen“ soll die Zivilcourage im Stadtbezirk stärken.

Eine Versöhnung zwischen Täter und Opfer kommt nicht immer zu Stande. Foto: Archiv
Eine Versöhnung zwischen Täter und Opfer kommt nicht immer zu Stande. Foto: Archiv

Heslach - Ein junger Mann stürmt in eine Tankstelle. Er hat einen Helm auf und eine Schreckschusspistole in der Hand. „Leg dich auf den Boden!“, schreit er die Kassiererin an. Der junge Mann flüchtet mit der Kasse. Zurück bleiben zwei Opfer: Die Verkäuferin und ein Kunde, der zu dem Zeitpunkt des Raubes in der Tankstelle einkaufen wollte. Durch Zufall fasst die Polizei den Täter zwei Jahre nach der Tat über einen DNA-Vergleich. Aus der Untersuchungshaft heraus schreibt der Täter einen Brief an die Opfer. Er möchte an einer Mediation mit den Betroffenen teilnehmen, dem so genannten Täter-Opfer-Ausgleich (TOA).

Der Täter-Opfer-Ausgleich kann Straftaten verhindern

Der TOA könne Straftaten verhindern, indem er den Tätern die Folgen ihrer Handlung bewusst mache und sie dadurch keine weiteren Taten begingen, erklären Barbara Gantner, Andrea Bruhn und Wolfgang Schlupp-Hauck von der Schlichtungsstelle TOA des Jugendamts. Im Zuge des Projekts „Hinschauen, Eingreifen“ informierten Gantner, Bruhn und Schlupp-Hauck am Dienstag im Beratungszentrum Süd über den Täter-Opfer-Ausgleich. Eine Initiative von Jugendarbeitern sowie Vertretern von Schulen und Beratungsstellen hat das Projekt 2010 ins Leben gerufen, um die Zivilcourage im Stadtbezirk zu stärken. Im vergangenen Jahr bekamen sie dafür den Präventionspreis der Stadt verliehen.

„Die meisten jugendlichen Straftäter begehen nur einmal ein Verbrechen“, sagt Donald Bieß, der Leiter der ambulanten Maßnahmen der Jugendhilfe im Strafverfahren. „Das ist eine entwicklungstypische Erscheinung.“ Jugendliche lernten in diesem Alter Rollen und Werte und überschritten dabei auch Grenzen. Manchmal sei eine Strafanzeige die Folge. Die Mediatoren des TOA wissen, dass es sich oft positiv auf das Strafmaß auswirkt, wenn eine Vermittlung Erfolg hat.

Laut Andrea Bruhn beginnt die Vermittlung immer mit einem Vorgespräch des Mediators mit Opfer und Täter und erstreckt sich durchschnittlich über zwei Monate. Beide Seiten würden gehört und über die Vor- und Nachteile eines TOAs informiert. Wichtig sei für viele, dass alles auf Freiwilligkeit beruhe. Sie betont, dass die Gespräche jederzeit abgebrochen werden könnten. Wenn beide Seiten einverstanden seien, komme es zum Ausgleichsgespräch. Vor allem für die Opfer seien oft viele Fragen ungeklärt. Sie machen sich teilweise sogar Vorwürfe und litten noch Jahre unter dem Vorfall. Oft gehe es darum zu vermitteln, wie schmerzhaft die Tat sich auf das Leben ausgewirkt hätte. Der Täter schäme sich oft. Opfer wiederum hätten manchmal Schuldgefühle und fragten sich, warum es gerade sie getroffen habe. „Es ist wichtig, dass sie diese Frage stellen können“, sagt Schlupp-Hauck.

Im Fall das Tankstellenraubs wollte die Kassiererin wissen, wer die Person unter dem Helm gewesen war. Während des Gesprächs gab es dann sogar einen Lacher: Denn als der junge Mann die Verkäuferin bei dem Überfall aufgefordert hatte, sich auf den Boden zu legen, hatte diese sich geweigert. Der Boden sei ihr zu dreckig. Das habe ihn damals sehr ins Schwitzen gebracht, erzählte der junge Mann. Schließlich hätten sie sich geeinigt, dass die Frau sich auf eine Getränkekiste setzen sollte.

Die Mitarbeiter der Schlichtungsstelle betonen bei der Veranstaltung, dass auch indirekte Mediation möglich sei. „Wenn die Opfer die Täter nicht treffen müssen, machen das bestimmt mehr“, sagt dazu eine Jugendsachbearbeiterin der Polizei aus dem Publikum. Gemeinsam mit ihren Kollegen möchte sie sich dafür einsetzen, mehr Vermittlungen anzuregen. Laut Statistik wird der größte Teil bisher von den Staatsanwaltschaften angestoßen. Aber auch Opfer oder Täter könnten sich an die Stelle wenden. Wenn sich beide Seiten weiter begegnen müssten, sei Mediation oft eine Alternative zur Anzeige, sagt Schlupp-Hauck.

Briefe aus dem Knast als Entschuldigung

Am Ende gehe es um eine Wiedergutmachung, erklärt Bruhn. Teilweise forderten die Opfer Schadenersatz, anderen reiche eine Entschuldigung. Die Verkäuferin der Tankstelle wollte zum Beispiel nur ihre Fahrkarte zum Ausgleichsgespräch bezahlt haben. Der Kunde hingegen wünschte sich einmal im Monat einen Brief des Täters, in dem er schreiben sollte, was er gegen seine Drogensucht unternehmen würde. Denn die war der Auslöser für die Tat gewesen.

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