Zoff um Tempo 30 in Böblingen Die Entdeckung der Langsamkeit
Tempo 30 bewegt die Gemüter in Böblingen. Warum eigentlich? Unser Redakteur sucht Antworten.
Tempo 30 bewegt die Gemüter in Böblingen. Warum eigentlich? Unser Redakteur sucht Antworten.
Das Getöse, das die konservativen Parteien jüngst im Böblinger Gemeinderat um innerstädtisches Tempo 30 erzeugt haben, war fast so laut wie der alltägliche Verkehrslärm in der Poststraße. Dabei war das Gebaren der Stadt in der Tat verwirrend: Sie setzte nach fünf Jahren einen Beschluss aus dem Jahr 2018 um. Im damaligen Lärmaktionsplan waren mehrere Maßnahmen beschlossen worden. Unter anderem, das Tempo in Teilen der Innenstadt von 50 auf 30 zu reduzieren. Dass das Rathaus die Schilder aber just in dem Moment anbringen ließ, als ein neuer Lärmaktionsplan zur Debatte stand, macht die kurze Aufwallung verständlich.
Außerdem mangelte es bei so einem massiven Eingriff in den Straßenverkehr doch gehörig an der Begleitkommunikation. Eine Information der Öffentlichkeit wäre ein Leichtes gewesen und hätte die Wogen der Aufregung vermutlich gar nicht erst so hochsteigen lassen. Doch die Tempo-30-Schilder deswegen wieder abzuschrauben, gliche einem Schlag ins Wasser. Warum? Zunächst einmal ist die Stadt rechtlich verpflichtet, den Lärm in der Innenstadt zu reduzieren. Das geht einerseits aus einem Kooperationserlass mit dem Land hervor, andererseits aus strengeren Grenzwerten.
Stutzig macht dabei das Verhalten der Christdemokraten, die die Tempo-30-Schilder am liebsten wieder abgeschraubt hätten. Vor allem CDU-Stadtrat Thorsten Breitfeld hat sich in der Vergangenheit als Kämpfer für weniger Lärm hervorgetan. Seit Jahren setzt sich der hauptberuflich als Akustiker tätige Ingenieur in der Initiative „Leise A 81“ dafür ein, die Autobahn leiser zu machen. Ein Engagement, das Früchte trug: Die bald auf sechs Spuren ausgebaute Stadtautobahn wird auf einer Länge von 850 Metern eingehaust. Die öffentliche Hand gibt zig Millionen Euro dafür aus, dass die Autobahn-Anrainer besser schlafen können. Gut so. Nur warum soll das, was an der Autobahn lieb und teuer ist, für Elbenplatz und Poststraße nicht gelten?
Womöglich schalteten die Christdemokraten schon mal in den Wahlkampfgang. Denn klar ist: Weiterhin Tempo 50 zu fordern, ist populär. Kaum ein Autofahrer würde sich beklagen, wenn er nach wie vor mit 50 Sachen durch die Innenstadt brausen darf. Sofern das bei all den Baustellen, Sperrungen und Feierabendstaus in Böblingen überhaupt möglich ist. Tempo 30 hat allerdings nicht nur Auswirkungen auf den Lärm, der durch langsameres Fahren signifikant sinkt. Langsameres Fahren sorgt darüber hinaus für mehr Sicherheit.
Ein Auto, das nur mit 30 Stundenkilometern unterwegs ist, hat theoretisch betrachtet einen Bremsweg von etwas mehr als 20 Metern oder vier Fahrzeuglängen, wenn man von 16 Metern Reaktionsweg ausgeht. Beträgt die Geschwindigkeit aber 50 Stundenkilometer, liegt der Bremsweg inklusive Reaktionszeit schon bei 40 Metern. Wer also mehr Fußgänger und mehr Aufenthaltsqualität in der Innenstadt sehen will, sollte den Verkehr dahingehend beruhigen. Sich im Zentrum aufhalten, dort einkaufen, verweilen oder einkehren mag man schließlich nicht so sehr, wenn direkt daneben die Autos aufs Gas drücken.
Der autofahrende Teil der Bevölkerung sollte sich daher nicht grämen, dass Böblingen die Langsamkeit für sich entdeckt hat. Eine Verstetigung des Verkehrs muss überdies kein Nachteil sein, um schneller von A nach B zu kommen. Und mal Hand aufs Herz: Wie groß ist die Zeitersparnis wirklich, wenn weiter Tempo 50 im Zentrum gilt? Es dürfte sich nur um Sekunden handeln. Die Entscheidung des Gemeinderats, die Gemächlichkeit in der Stadtmitte Einzug halten zu lassen, sie ist aus vielerlei Gründen nachvollziehbar.