Zu Besuch bei Eva Madelung Die Tochter von Robert Bosch
Aus unserem Plus-Archiv: Eva Madelung, 89, ist ein Kind des weltberühmten Stuttgarter Unternehmers Robert Bosch. Welchen Weg ist sie in ihrem Leben gegangen?
Aus unserem Plus-Archiv: Eva Madelung, 89, ist ein Kind des weltberühmten Stuttgarter Unternehmers Robert Bosch. Welchen Weg ist sie in ihrem Leben gegangen?
München - Eine 70er-Jahre-Doppelhaushälfte in München-Bogenhausen, noch blüht es im Vorgarten. „Ich bin die Tochter von Robert Bosch“, sagt Eva Madelung, „und das war nicht einfach.“ Man kennt Bosch als Ingenieur, Erfinder und als sozial engagierten Gründer des heutigen Weltkonzerns. Den Vater Bosch kennt man kaum.
Als Eva 1931 als fünftes und letztes Kind von Robert Bosch in Stuttgart zur Welt kommt, ist ihr 70-jähriger Vater einer der bekanntesten Unternehmer Deutschlands. Gemeinsam mit ihrem drei Jahre älteren Bruder Robert wächst sie behütet in einer großbürgerlichen Atmosphäre auf. Die zweite Frau von Robert Bosch, die Opernsängerin Margarete Wörtz, führt ein großes Haus in der Stuttgarter Heidehofstraße mit Bibliothek, Flügel und umgebendem Park. „Meine Mutter liebte es, Gesellschaften zu geben“, erzählt Eva Madelung.
Während der Zeit des Nationalsozialismus zieht sich der liberal denkende Bosch aus Frustration über die nationalsozialistische Regierung vermehrt ins Privatleben zurück. Alte Fotos zeigen ihn in seinen letzten Lebensjahren mit Sonnenbrille beim Skifahren mit der Familie, in den Bergen oder auf dem Boschhof, einem Landwirtschaftsbetrieb im Voralpenland, den Bosch zum agrarwirtschaftlichen Musterbetrieb ausbaute.
„Mein Vater steht mir noch deutlich vor Augen, obgleich ich bei seinem Tod erst elf war“, sagt die 89-jährige Eva Madelung. Besonders eindrücklich ist ihr eine Szene in Erinnerung, als ihr Vater gegenüber einem Gast verzweifelt ausrief: „Warum bringt den Kerle niemand um?“ Eva wusste sofort, wer gemeint war – Führer und Reichskanzler Adolf Hitler – und dachte: „Um Himmels willen, was sagt er da!“
Bosch, der liberale Demokrat, gehörte zum Widerstandskreis um den Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler und half jüdischen Angestellten seiner Firma bei der Flucht. „Ich habe erst nach und nach verstanden, dass mein Vater damals auf der richtigen Seite stand“, sagt Eva Madelung. Sie fühlte sich angenommen bei den Jungmädels. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich, wenn ich älter gewesen wäre, eine überzeugte Nationalsozialistin geworden wäre“, sagt Eva Madelung. „Jeder, der behauptet, das wäre ihm nicht passiert, weiß nicht, wie es gewesen ist.“
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In ihrem 2014 erschienenen Roman „Reden, bevor es zu spät ist. Lebensbericht einer ehemaligen Nationalsozialistin“ schildert Eva Madelung das Ringen um die richtige politische Position. „Ich bin bewusst auf die Seite der Verstrickten gewechselt“, sagt sie. „Mich hat interessiert, warum Menschen in der NS-Zeit zu Tätern und Mitläufern wurden.“ Als Vorbild für die Romanfigur Hanna, die auch autobiografische Züge hat, dient Melita Maschmann, die Führerin im Bund Deutscher Mädel, die sich erst nach einer schweren psychischen Erkrankung vom nationalsozialistischen Denken in der Nachkriegszeit befreite. Deren Autobiografie erregte 1963 in der jungen Bundesrepublik großes Aufsehen.
Die 24-jährige Eva Bosch lernte Maschmann während eines einjährigen Indienaufenthalts im Ashram einer hinduistischen Yoga-Meisterin kennen. „Ich bin 1953 auf der Suche nach Spiritualität durch ganz Indien gereist.“ Sie wohnte in einer Palmhütte, besuchte eine Tanzschule.
Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland promoviert Eva Bosch in München in Germanistik. Sie lernt Gero Madelung, einen Luftfahrtingenieur, kennen, der aus einer bekannten Flugzeugbauerfamilie stammt, eine Karriere bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm macht und später im Aufsichtsrat der Robert Bosch GmbH sitzt. In kurzer Folge kommen zwei Kinder auf die Welt. Nach der Geburt ihres Sohnes magert Eva Madelung auf unter 50 Kilo ab: „Ich hatte ein lebensbedrohliches Untergewicht.“ In einer Psychosomatischen Klinik macht sie eine siebenwöchige Verhaltenstherapie. Sie habe zunächst „mit Todesverachtung“ die Mahlzeiten gegessen, die man ihr hinstellte – aber irgendwann sogar wieder Schokolade, ohne dass ihr übel wurde. „In der Klinik wurde mir klar, dass mein Untergewicht psychische Ursachen hatte.“
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Eigentlich wollte sie Schauspielerin oder Schriftstellerin werden. Die therapeutische Arbeit in der Klinik überzeugt sie indessen so stark, dass sie beschließt, selbst Psychotherapeutin zu werden. Sie beschäftigt sich mit dem Gedankengut des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung. Nach einer allgemeinen Heilpraktiker-Ausbildung landete sie schließlich bei dem Psychoanalytiker Bert Hellinger. Der Begründer des Familienstellens versuchte, anhand von sogenannten Stellvertretern, die der Klient im Raum platziert, familiäre Verstrickungen zu lösen. Zudem interessiert sich Eva Madelung für die systemische Familientherapie des Heidelberger Therapeuten Helm Stierlin, der den Klienten mit seinen Beschwerden als Mitglied eines kranken Familiensystems betrachtete.
In ihrer einzeltherapeutischen Arbeit verbindet Eva Madelung beide Methoden und entwickelte in den 90er Jahren das Neuro-Imaginative Gestalten, das Elemente der Kunsttherapie enthält. „Als Familientherapeutin fiel mir auf, dass Töchter und Söhne aus Widerstandsfamilien hohen psychischen Belastungen ausgesetzt waren und bisweilen große Probleme hatten“, erzählt sie.
Sie beschließt, Nachkommen von Widerstandskämpfern zu befragen, und führt ausführliche Interviews. „Bis in die 50er Jahre hinein wurden Töchter und Söhne von der Gesellschaft als Verräterkinder gebrandmarkt – und zu Hause oft mit einem Heldenvater konfrontiert.“ 2007 publiziert sie das Buch „Heldenkinder, Verräterkinder“, das sie mit dem Biografen ihres Vaters, dem Historiker Joachim Scholtyseck, herausgibt.
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Heute beurteilen Historiker Robert Boschs Rolle im Dritten Reich differenziert. Belegt ist, dass zwischen 1939 und 1945 in seinen Werken mindestens 20 000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge eingesetzt wurden. Bosch profitierte nicht nur von dem menschenverachtenden System, er zeigte sich auch bei den Verantwortlichen dankbar: Er spendete an die NSDAP, hielt engen Kontakt zu Gottlob Berger, dem Chef des SS-Hauptamts, und stellte Hugo Bühler ein, der zuvor in der Stuttgarter Gestapo-Zentrale (Hotel Silber) gearbeitet hatte. „Robert Bosch wollte lediglich sein Lebenswerk erhalten“, sagt Kathrin Fastnacht, die seit zwölf Jahren das Unternehmensarchiv leitet. „Ein offener Widerstand gegen das Regime hätte unweigerlich dazu geführt, dass die Geschäftsführung wegen Landesverrats verhaftet und das Unternehmen von den Nazis beschlagnahmt worden wäre.“ Robert Bosch starb 1942 an einer verschleppten Mittelohrentzündung. Die Nationalsozialisten inszenierten die Urnenbeisetzung auf dem Waldfriedhof als Staatsbegräbnis.
In den väterlichen Konzern einzusteigen war für Eva Madelung nie eine Option – zu musisch sei sie. „Ich habe mein ganzes Leben gesungen und musiziert“, sagt sie. „Wahrscheinlich wäre meine Halbschwester Margarete als Nachfolgerin begabt gewesen.“ Heute sind die beiden älteren Bosch-Töchter, Margarete und Paula, als Gründerinnen der Tübinger Kunsthalle in Erinnerung. „In unserer Familie hat sich in späteren Generationen die künstlerische Begabung meiner Mutter durchgesetzt“, sagt Eva Madelung. Vor ihrer Heirat war Margarete Wörz eine bekannte Wagner-Sängerin. Nach dem Tod ihres Mannes Robert Bosch 1942 suchte sie Trost in der Musik, besuchte die Festspiele in Salzburg und Bayreuth.
„Meine Mutter hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass mein Bruder Robert als Nachfolger ihres Mannes in die Firma eintritt“, erinnert sich Eva Madelung an die schwierige Zeit Mitte der 50er Jahre. Auf Wunsch des Vaters hatte sein Sohn Robert ein Elektroingenieurstudium abgeschlossen und war 1954 in die Geschäftsführung des Bosch-Konzerns eingetreten. Nach einem kurzen Intermezzo schied der damals 26-Jährige aber aus dem Konzern aus. In der Firmenchronik heißt es dazu, dass „die Interessen und Fähigkeiten des jungen Mannes auf anderen Gebieten lagen“. Tatsächlich verschrieb er sich der Psychotherapie.
Vorausschauend planend hatte ihr Vater testamentarisch verfügt, wie sein Unternehmen nach seinem Tod weiterzuführen und ein Teil der Einkünfte mäzenatisch zu verwenden seien. Heute fördert die Robert-Bosch-Stiftung gemeinnützige Zwecke. „Als Kuratoriumsmitglied habe ich mich vor allem für Bildungsprojekte engagiert“, sagt Eva Madelung. 1974 gründete sie gemeinsam mit ihrem Bruder Robert die Heidehof-Stiftung in Stuttgart, die Projekte aus den Bereichen Gesundheit, Soziales, Umwelt und Bildung fördert und den Deutschen Schulpreis vergibt. „In den 60er Jahren wurde uns Geschwistern ein Großteil unseres Erbes ausgezahlt“, sagt Eva Madelung. „Für mich war es ein leichter, ja erleichternder Entschluss, die Hälfte meines Geldes zu stiften, um Projekte, die mir persönlich am Herzen liegen, zu fördern.“
„Es ist paradox, dass ein großes Erbe Menschen vollkommen aus der Bahn werfen kann“, meint Eva Madelung. Auch diese persönliche Erfahrung verarbeitet sie in einem jüngst erschienenen Roman „Erben“, in denen es den Protagonisten allerdings deutlich schlechter ergeht als ihr selbst und ihrem Bruder Robert im realen Leben. Im Roman verfällt der Firmennachfolger Philip in eine schwere Depression und Drogensucht. Die Hauptfigur Maya, die Züge von Eva Madelung trägt, hadert mit dem Reichtum, versagt sich eine erfüllende Partnerschaft und findet ihre Erfüllung in einer von ihr gegründeten Stiftung. „Mir hat bei dem Romanschreiben geholfen, dass ich Erfahrung mit dem Thema Geld habe“, sagt Eva Madelung. Zum Glück sei ihr aber das schlimme Schicksal mancher Erbin mit schlechten Beratern in einer unglücklichen Ehe erspart geblieben. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie eng verbunden mit den Familien ihrer Kinder, die im Nachbarhaus in Bogenhausen wohnen.