Zu Gast in der Leonberger Stadthalle Nazi-Zeitzeugin berichtet von ihrer Odyssee

Rüstig, wach, viele Erinnerungen: Fanny Ben-Ami war in Leonberg zu Gast. Foto: Simon Granville

Fanny Ben-Ami hat die Herrschaft der Nationalsozialisten miterlebt. Von ihren Erlebnissen hat sie Schülern aus der ganzen Region in der fast voll besetzten Leonberger Stadthalle erzählt.

Leonberg: Marius Venturini (mv)

Am Ende gab es stehende Ovationen. Und auch, wenn aus Zeitgründen die eine oder andere Frage unbeantwortet geblieben war – die Schülerinnen und Schüler in der fast voll besetzten Leonberger Stadthalle hatten sich ein durchaus lebhaftes Bild davon machen können, was diese kleine Person dort auf der Bühne in ihrer Kindheit erlebt hat. Was ihr zugemutet wurde. Was sie sich selbst aufgebürdet hat.

 

Ihre Geschichte wurde im Jahr 2016 verfilmt

Die 93-Jährige, die da am Mittwochvormittag in einem schwarzen Sessel Platz genommen hatte, heißt Fanny Ben-Ami. Sie ist Jüdin, 1930 in Baden-Baden geboren. Ihre Geschichte wurde 2011 als Buch veröffentlicht und 2016 sogar verfilmt. „Fannys Reise“ lautet der Titel. Und ihre Reise in Zeiten des Nazi-Regimes hat sie nun Schülerinnen und Schülern aus der ganzen Region erzählt. Manche von ihnen behandeln das Thema Drittes Reich aktuell im Unterricht, bei anderen kommt es erst noch.

Organisiert hat die Veranstaltung die Internationale Christliche Botschaft in Jerusalem. Deren Vorsitzender in Deutschland, Gottfried Bühler, begleitete die Zeitzeugin durch ihren knapp eineinhalbstündigen Bericht, stellte Zwischenfragen und hielt den roten Faden in der Hand: 28 Kinder wurden dank Fanny Ben-Ami gerettet, über unzählige Umwege schaffte sie es mit der Gruppe von Frankreich aus über die Schweizer Grenze. In all den Wirren unterstützte sie als junges Mädchen auch noch den französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer. 150 Partisanen verdankten ihr das Leben, unter anderem warnte sie vor einem Nazi-Kollaborateur in deren Reihen.

Auch Ben-Amis Vater wurde von den Nazis entführt und ermordet

Was Fanny Ben-Ami erlebt hat, mutet grausam an, gleichermaßen bemerkenswert – und dass es am Ende so etwas wie ein Happy End gibt, will so gar nicht in diese Epoche passen, in der Millionen von Juden in Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden. Auch Ben-Amis Vater wurde in ein solches Lager im Süden Frankreichs gebracht, da war sie gerade neun Jahre alt. Er musste erst arbeiten und wurde schließlich nach Majdanek in Polen abtransportiert und dort getötet.

Die Szene, diesen letzten Blick ihres Papas zu ihrer Mutter, hat sie in einer ihrer Zeichnungen festgehalten. „Das ist etwas, das habe ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen“, sagt sie. Die Familie war nach Paris geflohen, als Ben-Ami drei Jahre alt war. Kanarienvogel, Katze – alles musste zurückbleiben. Nachdem die Nazis ihren Vater entführt hatten, kam sie mit ihren beiden Schwestern in ein Kinderheim in der Stadt Creuse. Das hatte die Organisation „Œuvre de secours aux enfants“ zu ihrem Schutz veranlasst. „Und da hatten wir es wirklich gut“, berichtete sie, „bis wir verraten wurden.“ Dann begann die Odyssee.

Klar: „Aus Konzentrationslagern kommt man nicht mehr zurück“

Und Fanny Ben-Ami übernahm Verantwortung: „Irgendwann blieb nur noch ich.“ Sie habe nicht viel über die Konzentrationslager gewusst. „Nur, dass man von dort nicht zurückkommt.“ Also führte sie die Kinderschar an, in Richtung Schweiz. Zuvor holte sie in Lyon noch ihre Mutter aus dem Gefängnis, wo sie von französischen Gendarmen festgehalten wurde. Ihr Argument mit Hinweis auf die Résistance: Sie wüssten ja, was über kurz oder lang Polizisten passiere, die mit den Nazis zusammenarbeiteten. Dass sie in so jungen Jahren bereits gegen die Ungerechtigkeit rebellierte, habe an ihrem Charakter gelegen: „Ich hätte mich nicht als Tochter haben wollen.“

Die letzten Kilometer bis in die Schweiz schafften die Kinder schließlich mit Hilfe eines Schleusers – und eines Lochs im Grenzzaun. Fanny Ben-Ami kehrte sogar noch einmal um, um ein kleines Mädchen aus dem Stacheldraht zu befreien. Dabei wurde sie von Wehrmachtssoldaten beschossen. „Ich bin im Zickzack davongerannt“, berichtete sie den aufmerksamen Schülerinnen und Schülern.

Schüler stellen im Anschluss Fragen – auch mit Blick auf die heutige Zeit

Die hatten im Anschluss an Ben-Amis Erzählung dann auch einige Fragen – auch mit Bezug zur aktuellen Lage in Deutschland mit Hunderttausenden Menschen, die dieser Tage gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus auf die Straße gehen. Ob denn heutzutage genug getan werde, damit sich etwa der Bau von Konzentrationslagern nicht wiederholen könne, lautete eine davon. „Ich hoffe es fest“, lautete Fanny Ben-Amis Antwort, „aber Antisemitismus ist nach wie vor da, obwohl er nicht in unsere moderne Zeit passt.“

Draußen vor der Halle ließen Lehrerinnen, Lehrer, Schülerinnen und Schüler das Gehörte Revue passieren. Djabrail Suleymanov besucht die Klasse 9b der Leonberger Marie-Curie-Schule. Er gab zu Protokoll: „Sie sagt, es sei ganz selbstverständlich, was sie getan hat, andere sagen natürlich, es seien Heldentaten.“ Silja Fehse, Zehntklässlerin, befand: „Angesichts der aktuellen politischen Lage sollten viel mehr Menschen solche Geschichten hören.“ Ihre Klassenkameradin Lea-Sophie Zenker fügte hinzu: „Sie ist eine total starke Frau, und sie zeigt, wie man mit seinen Mitmenschen umgehen sollte.“ Und Lena Schmitt, die Dritte im Bunde, ergänzte: „Es ist etwas ganz Besonderes, dass sie mit diesen ganzen Erinnerungen so weiterleben konnte.“

Eigentlich wollte sie nie von ihren Erlebnissen berichten

Kurzum: Fanny Ben-Amis Bericht hat die jungen Menschen beeindruckt. Dabei wollte sie, wie sie gestand, eigentlich zunächst gar niemandem von ihren Erlebnissen erzählen. Erst ihr Mann und der Leiter ihres Mal-Kreises hatten sie darin bekräftigt, als sie ihre Zeichnungen wahrgenommen hatten. Da war sie bereits 56 Jahre alt.

Krieg im Nahen Osten

Abzeichen
 Fanny Ben-Ami und ihre anwesende Tochter trugen je eine Kette, die an eine sogenannte „Hundemarke“ israelischer Soldaten erinnerte – also jener Erkennungsmarke, die auch zur Identifizierung von Gefallenen dient. Darauf und auf die Situation in ihrer Heimat Israel angesprochen, antwortete sie: „Wir tragen das Abzeichen, weil wir im Krieg sind. Und leider müssen wir dort Leute töten, die uns töten wollen.“

Grußwort
 Claudia Rugart, Abteilungspräsidentin Schule und Bildung beim Regierungspräsidium Stuttgart, sprach ein Grußwort.

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