Nein, nicht immer riecht es gut im Züblin-Parkhaus. Aber mit zeitgenössischer Fotokunst an den Wänden ist diese Autoherberge doch mehr als ein öffentliches Pissoir. Die gute Seele dieses von der Tristesse befreiten Ortes heißt Sara Dahme. Als die Lehrerin und Kunstvermittlerin vor drei Jahren in der Pandemie ihr Kultur Kiosk im Erdgeschoss eröffnete, konnte sie nicht ahnen, dass hier das „spannendeste, tollste und vielfältigste Projekt“, wie sie sagt, ihres Engagement für Stuttgart entstehen sollte.
Zum 1. Januar 2024 geht das Parkhaus an die Stadt über
„Der Kultur Kiosk ist mein Baby“, entfährt es Sara Dahme aus vollem Herzen – und sie klingt dabei wehmütig, da sie sich in Kürze von ihrem gerade erst dreijährigen „Baby“ verabschieden wird. Über die Zukunft des in den 1960er Jahren gebauten Züblin-Parkhauses am Rande der Altstadt wird seit langem in der Stadt diskutiert und gestritten. Soll es abgerissen oder umgebaut werden? Offiziell steht die städtebauliche Neuordnung des Areals an der Schnittstelle zwischen Bohnen- und Leonhardsviertel weiterhin auf der Projektliste der Internationalen Bauausstellung IBA 2027.
Zum 1. Januar 2024 endet der Erbbaurechtsvertrag mit den Parkhaus-Verwaltern . Das Gebäude fällt damit an die Stadt, die wohl, wie es aussieht, die Garage erst einmal an die bisherige Betreiber vermieten wird. Auf die Parkplätze, so hört man aus dem Rathaus, kann vorerst nicht verzichtet werden, solange in der Nachbarschaft das neue Parkhaus von Breuninger und das Haus für Film und Medien weiter hinter dem Zeitplan hinken. Die IBA wird warten müssen.
Mit einem Abriss ist so schnell also nicht zu rechnen. Sara Dahme könnte im Grunde mit ihrem Kiosk weitermachen, auch wenn ihr Vertrag mit der Parkhaus-Firma angesichts der neuen Besitzverhältnisse Ende des Jahres ausläuft. Die Stadt würde sie wahrscheinlich mit Kusshand übernehmen, da ihre Arbeit allseits hochgelobt wird und preisgekrönt ist. Doch die 39-jährige Kulturvermittlerin will in den nächsten Abschnitt ihres Lebens eintreten.
„Ich muss auch mal vernünftig werden“, sagt sie. Ohne Zuschüsse könne man eine so kleine Einrichtung nicht finanzieren. Immer wieder gab es zwar Fördergelder, etwa vom Land, doch unterm Strich hat der Kultur Kiosk keine Gewinne abgeworfen. Deshalb macht sie ihn am 9. Dezember für immer zu. An diesem Samstag feiert sie die Vernissage der Ausstellung von Katharina Bosse, und am 11. November folgt zum großen Finale Kirsten Becken mit ihren Werken.
Künftig will Sara Dahme, die auf Platz drei der SPD-Liste als politische Quereinsteigerin für den Stuttgarter Gemeinderat kandidiert, zu kulturellen Veranstaltungen an verschiedene Orten einladen. Für ihren Kultur Kiosk hat sie einen Nachfolger gefunden, der mit einem neuen Konzept anders, aber doch ähnlich weitermachen will.
Der queere Aktivist und Sänger Holger Edmaier, Geschäftsführer des gemeinnützigen Projekts 100 % Mensch, so wünscht sich Dahme, soll mit seinem „tollen Team“ ihr „Baby“ übernehmen. Beide waren bereits beim Stadtplanungsamt im Rathaus, um ihre Pläne vorzustellen. Im Kultur Kiosk könnte in der Zwischennutzung, bis endlich klar ist, was aus dem Züblin-Parkhaus wird, ein queeres Kulturcafé entstehen – quasi als Vorläufer zum geplanten Regenbogenhaus, das weiterhin auf sich warten lässt.
Ausstellungen, Konzerte, Drag-Bingo, Kaffeetreffs und vieles mehr soll es im Züblin-Parkhaus weiterhin geben. Edmaier hofft auf Zuschüsse, ohne die sich sein Konzept nicht finanzieren ließe. „Dieser Ort wurde unter viel Mühen aus der Verwahrlosung geholt und ist weit über die Landesgrenzen hinaus zu einem Beispiel für positives Engagement und aktive Stadtraumgestaltung geworden“, erklärt Sara Dahme.
Noch warten sie und ihr möglicher Nachfolger auf die Entscheidung aus dem Rathaus. Sie bräuchten Planungssicherheit, weshalb die Stadt sich rasch erklären müsse. Der Kultur Kiosk war ein guter Nährboden für Kreative und Künstler. Dieser Ort in der früheren Tristesse könnte weiter blühen.