Zukunft der Kliniken Leonberg und Herrenberg Was bringt Lauterbachs Reform?

Wie es mit dem Leonberger Krankenhaus weiter geht, ist noch ungewiss. Foto: Simon Granville

Um den eigenen Häusern eine Zukunft zu geben, hat der Klinikverbund Südwest eine renommierte Beratungsfirma engagiert. Wie es in Leonberg und den anderen Kliniken weitergeht, wird hinter verschlossenen Türen diskutiert.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Geht es nach Karl Lauterbach, lässt sich die Krankenhausversorgung der Zukunft in einer Pyramide abbilden: Ganz oben an der Spitze sind die Superkliniken, ganz unten an der Basis kleine Häuser, die eher den Charakter einer Tagesklinik haben und keinen Rund-um-die Uhr-Betrieb mehr anbieten. Die Krankenhausreform des Bundesgesundheitsministers von der SPD treibt nicht nur Klinikmanager und Mediziner um. Auch Kommunalpolitiker fürchten um die wohnortnahe medizinische Versorgung in ihrer Region.

 

Was passiert mit den kleinen Häusern?

Betroffen ist natürlich auch der Klinikverbund Südwest. Der kommunale Zusammenschluss betreibt sechs Häuser in den Landkreisen Böblingen und Calw. Doch wird es am Ende dabei bleiben? Dass es ein Krankenhaus weniger wird, ist schon ausgemachte Sache, die aber nichts mit der Lauterbach’schen Reform zu tun hat. Vielmehr werden die beiden Kliniken in Böblingen und Sindelfingen, Luftlinie nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, aufgelöst. Dafür entsteht auf dem Flugfeld eine moderne Zentralklinik.

Doch was ist mit den kleineren Häusern? Um die Ausstattung des Krankenhaus Leonberg wird schon seit zehn Jahren heftig gerungen. Momentan ist es mit einem erfolgreichen Bauch- und Darmzentrum, einer stark frequentierten Unfallchirurgie und einer Gynäkologie mit hebammengeführter Geburtshilfe gut aufgestellt. Dass die Gefäßchirurgie in die künftige Flugfeldklinik verlegt wird, gilt schon lange als ausgemacht.

Die Geburtsstation ist auch in Herrenberg das Aushängeschild. Das Krankenhaus Nagold, in das zuletzt stark investiert wurde, deckt mit der Klinik in Calw die Versorgung im nordöstlichen Schwarzwald ab.

Was will Minister Lauterbach?

Die Pläne aus Berlin zielen darauf ab, die Finanzierungsstrukturen zu ändern: Statt einer Pauschale pro Krankheitsfall, unabhängig von der Komplexität, sollen die medizinischen Strukturen der Häuser finanziert werden: Wer bestimmte Leistungen bereithält, soll dafür auch entsprechendes Geld bekommen. Das klingt erst einmal vernünftig. So sagt denn auch Roland Bernhard, dass „die Gesundheitsreform in der Sache notwendig ist“. Aber, so schränkt der Landrat aus Böblingen ein, „sie schießt über das Ziel klar hinaus“.

Was sagen die Kritiker?

Bernhards Kritik, wie auch die vieler seiner Kollegen, richtet sich gegen Lauterbachs Vorgaben. Der Gesundheitsminister setzt voll auf große Häuser im Stile der Unikliniken. Mittlere und kleinere Kliniken, so schlagen Experten Alarm, wären damit in ihrer Existenz gefährdet, weil ihnen dann schlicht die Operationen fehlen würden. Bernhard, der auch Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikverbundes Südwest ist, hat zwei mal an den Minister geschrieben – auf eine Reaktion wartet er bis heute. „Jetzt fahren wir eben selber nach Berlin, um Tacheles zu reden“, kündigt der parteilose Landrat an.

Wie geht der Klinikverbund vor?

Ob es ihnen gefällt oder nicht: Mit der nahenden Reform müssen sich die Gesundheitspolitiker vor Ort auseinandersetzen. Dafür hat sich der Klinikverbund Expertise von außen geholt. Das Hamburger Beratungsunternehmen Lohfert & Lohfert ist spezialisiert auf das Thema Medizin und Ökonomie und hat namhafte Kunden: Es begleitet unter anderen die Verschmelzung der Kliniken von Mannheim und Heidelberg und hat am Krankenhaus-Plan von Nordrhein-Westfalen mitgewirkt. Die meisten im Team haben sowohl einen medizinischen wie auch einen ökonomischen Hintergrund.

So auch der Vorstandschef Jens Peukert, von Haus aus promovierter Arzt, der gemeinsam mit dem Wirtschaftsmathematiker Philipp Letzgus den Klinikverbund und die Landkreise als Krankenhausträger bei der Erarbeitung eines neuen Medizinkonzeptes berät. Deren Erkenntnis, dass es in den Häusern des Klinikverbundes noch einige Doppelstrukturen gibt, ist nicht unbedingt neu.

Altersmedizin als Zukunftsmodell?

„Die entscheidende Frage ist, wie die medizinischen Leistungen clever organisiert werden können?“, sagt Letzgus. Die Stoßrichtung ist klar: „Die Standorte brauchen Leistungsschwerpunkte.“ Nicht jede Klinik könne alles anbieten. Worauf sich wohnortnahe Krankenhäuser spezialisieren müssen, liegt laut Letzgus auf der Hand: „Der demografische Wandel hat erheblichen Einfluss auf die Klinikstrukturen. Es gibt einen wahnsinnigen Zuwachs bei den 65- bis 80-Jährigen.“

In Leonberg spielt die Altersmedizin schon eine bedeutende Rolle. Aber ist das künftig das einzige Standbein der Klinik? Fällt sie ansonsten in der anfänglich erwähnten Pyramide ganz unten an den Sockel? Oder behält Leonberg zumindest die Funktion einer rund um die Uhr betriebenen Klinik mit Basisversorgung, Notaufnahme und wichtigen Fachabteilungen? Und was ist mit der Entbindungsstation? Die Einführung eines hebammengeführten Kreißsaals hat die Geburtenrate nach oben gehen lassen. Lauterbachs Pläne hingegen sehen vor, dass Geburtenstationen nur noch in Kinderkliniken kommen.

Wie sieht das Profil aus?

Die Frage nach dem künftigen Profil der einzelnen Häuser wollen weder der Landrat noch der Geschäftsführer der Klinikverbundes beantworten. Jeder Standort habe besondere Anforderungen, die detailliert untersucht werden müssten. Das gelte für alle Häuser, auch für die im Schwarzwald. Alexander Schmidtke sagt nur so viel: „Unser oberstes Ziel muss sein, die Patienten hochwertig und sicher zu versorgen.“ Dass die Flugfeldklinik nach ihrer Fertigstellung in den oberen Bereich der Krankenhaus-Pyramide gehört, steht für Landrat Bernhard indes außer Frage. Wie es weitergeht, will der Aufsichtsrat am 9. Mai diskutieren.

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