Zukunftsmusik bei Teamviewer Monteure tauchen in die erweiterte Realität ein

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Der Göppinger Software-Hersteller Teamviewer will Augmented Reality (AR) mit Fernwartungssoftware für Mittelständler verknüpfen. Das Unternehmen hofft auf eine Goldgrube.

Dank der Datenbrillen sollen virtuelle Monitore eines Tages Computerbildschirme ersetzen.Foto:Teamviewer Foto:  
Dank der Datenbrillen sollen virtuelle Monitore eines Tages Computerbildschirme ersetzen. Foto:Teamviewer

Göppingen - Der Außendienstmitarbeiter weiß nicht mehr weiter, er kann die Störung nicht finden, die einen Gabelstapler ausgebremst hat. Der Druck ist gewaltig, die Maschine wird gebraucht, um die Produktion in dem Betrieb, in den der Monteur gerufen wurde, am Laufen zu halten. Früher hätte er jetzt einen Spezialisten aus der Zentrale kommen lassen müssen, was Stunden gedauert hätte.

Stattdessen setzt er sich seine Datenbrille auf, ruft den Experten an und vernetzt sich digital mit ihm. Der Spezialist kann vom Schreibtisch aus jeden Schritt verfolgen, den der Monteur unternimmt, er kann ihm Daten auf die Brille einspielen, und er kann auf seinem Bildschirm auf die Stecker im Inneren des Staplers tippen, die der Monteur genauer untersuchen soll. Der Fingerzeig wird von der Datenbrille digital in das reale Bild eingeblendet, das der Außendienstler sieht.

AR ist in der Branche in aller Munde

Noch ist das Zukunftsmusik. Noch sind die Erfolge, die der Göppinger Software-Hersteller Teamviewer auf dem Gebiet der Augmented Reality (AR), der sogenannten Erweiterten Realität, vorweisen kann, praktisch nicht existent. Der Unternehmenssprecher Axel Schmidt will weder verraten, wie viele Kunden Teamviewer in diesem Bereich hat, noch wie viel Geld die Firma damit verdient oder welche Summe sie in die Entwicklung von AR-Software steckt. Klar ist nur: In Zukunft möchte das auf Fernwartungssoftware spezialisierte Start-up, das schon heute mit einem Wert von mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet wird, sehr viel Geld mit der Verbindung von realen und digitalen Daten verdienen.

Mit diesem Ziel sind die Göppinger nicht alleine. In der Branche ist AR in aller Munde, Forscher sprechen von einem Wachstumsmarkt mit riesigen Zukunftschancen. Die Erweiterte Realität, das ist, in der echten Realität, bisher etwa das Handyspiel Pokémon Go: Jugendliche und Kinder düsen mit ihren Smartphones durch die Straßen, um digitale Monster zu jagen, die vom Handy auf aktuelle Handyaufnahmen umgebender Plätze eingespielt werden.

Viele Ideen für künftige Einsatzgebiete

Erweiterte Realität, das sind auch die – bisher eher kläglichen – Versuche von Möbelhäusern, ihren Kunden online zu zeigen, wie sich ein Möbel zuhause machen würde: Ihre Apps integrieren es digital in Aufnahmen, die die Kunden von ihren Wohnräumen hochladen. In der Praxis sind die Ergebnisse bisher allerdings oft enttäuschend, weil die Software schnell an Grenzen stößt.

Dennoch gibt es viele Ideen, wie AR künftig verwendet werden könnte und ebenso viele Projekte weltweit, bei denen die Anwendung erprobt wird – der Direktor des Business Development von Teamviewer, André Schindler, berichtet von Einsätzen in der Logistik, wo AR helfen kann, sich einen schnellen Überblick über Lagerbestände zu verschaffen, oder in der Luftfahrt, wo angehende Piloten mittels AR einen Logenplatz neben erfahrenen Piloten bekommen, obwohl die Flugaspiranten am Boden bleiben.

Teamviewer will Außen- und Innendienst noch mehr verknüpfen

Teamviewer will die Erweiterte Realität dort nutzen, wo sich das Unternehmen auskennt: bei der Zusammenarbeit von Menschen, die sich an unterschiedlichen Orten befinden. Zurzeit arbeiten die Göppinger deshalb mit dem fränkischen Mittelständler Lindig Fördertechnik zusammen, der Stapler verkauft und repariert.

Rund drei Viertel der liegengebliebenen Stapler könnten die 70 Außendienstmitarbeiter der Firma ohne weiteres wieder zum Laufen bringen, berichtet Ralf Kleedörfer von Lindig. Falls sie alleine nicht weiterkämen, gebe es einen Telefonsupport mit erfahrenen Technikern, die bei der Fehlersuche helfen könnten. Schon bisher sind die Außendienstler und die wenigen Experten in der Zentrale über Teamviewer-Software verbunden. Die Experten können damit direkt auf die Wartungslaptops der Mitarbeiter zugreifen und mögliche Fehler auslesen.

Die aktuellen Brillen sind nichts für raue Monteurhände

Bis in zwei Jahren will Lindig alle Monteure mit Smart Glasses ausstatten. Sie sollen das Bild, dass sich den Mitarbeitern bietet direkt in die Firmenzentrale übertragen, damit die Experten ihnen von dort aus über die Schulter schauen können. „Die sollen ihnen sagen können, nimm’ doch mal den Stecker, ohne lange erklären zu müssen, welcher Stecker gemeint ist.“

Eigentlich hatte Kleedörfer gedacht, er müsse nur einen Anbieter suchen, der ihm eine entsprechende AR-Lösung anbietet. „Aber ich bin nicht fündig geworden.“ Die Brillen waren zu teuer für die Firma, oder zu empfindlich für raue Monteurhände und die Software brachte den digitalen Fingerzeig nicht zuverlässig auf den Punkt.

Nun hofft Kleedörfer, dass der wachsende Markt bald Brillen ausspuckt, die für seine Zwecke geeignet sind und arbeitet derweil mit Teamviewer an einer Software. Schließlich habe man mit den Göppingern schon gute Erfahrungen gemacht. Nun wolle man noch weiter gehen. Bis Entwickler und Anwender diesen Weg gemeistert haben, behelfen sich die Monteure mit Bildübertragungen per Smartphone.

Weltweit erfolgreiche Software aus Göppingen

Teamviewer:
Der 2005 in Göppingen gegründete Software-Hersteller bietet Fernwartungssoftware und Software für Online-Meetings für private Kunden und Firmen an. Privatleute erhalten die Programme als kostenlose Freeware, Unternehmen müssen für die Nutzung bezahlen.

Erfolg:
Teamviewer ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen und beschäftigt mittlerweile mehr als 700 Mitarbeiter aus mehr als 60 Nationen in Büros in Deutschland, USA, Australien, Großbritannien und Armenien. Das klassische Beispiel für die private Anwendung der Software ist der Student, der über die Software auf den Computer der weit entfernt wohnenden Eltern zugreift, wenn diese technische Probleme haben.

Augmented Reality (AR):
Die sogenannte erweiterte Realität (auch mixed reality, also gemischte Realität) bezeichnet die Erweiterung realer Sinneseindrücke mit digitalen Informationen. In der Regel handelt es sich um die Ergänzung visueller Eindrücke durch Computerbilder. Ein einfaches Beispiel ist die Einblendung von Entfernungslinien bei der Übertragung von Fußballspielen. Digitale Informationen und reale Bilder werden also übereinander gelegt.

Virtual Reality (VR):
Im Gegensatz dazu bezeichnet Virtual Reality eine rein digitale Realität, etwa bei Computerspielen oder bei digitalen Animationen von Maschinen oder Gebäuden, die häufig von Entwicklern oder zur Veranschaulichung von Plänen genutzt werden.

Wirtschaft:
Wissenschaftler und Firmen versprechen sich von AR neben neuen Möglichkeiten für Computerspiele vor allem viele Einsatzmöglichkeiten in der Industrie und im Marketing. AR gilt als großer Wachstumsmarkt. So rechnen Experten damit, dass die Ausgaben des Einzelhandels für AR/VR-Hardware, -Software und -Dienstleistungen um 145 Prozent auf mehr als eine Milliarde Dollar steigen.




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